Wirtschaftskrise "Amerika wird sich durchbeißen"

Wie wird die Welt nach der Finanzkrise aussehen? Ein Gespräch mit Lee Kuan Yew, dem bedeutendsten Politiker Asiens

Lee Kuan Yew, 85, war von der Unabhängigkeit 1959 bis 1990 Premier von Singapur. Heute regiert sein Sohn den  autoritären Stadtstaat

Lee Kuan Yew, 85, war von der Unabhängigkeit 1959 bis 1990 Premier von Singapur. Heute regiert sein Sohn den autoritären Stadtstaat

DIE ZEIT: Was ist für Sie das Gefährlichste an der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise?

Lee Kuan Yew: Ein Mangel an Koordination zwischen den wichtigsten Volkswirtschaften und ein Abgleiten der Vereinigten Staaten in die Stagflation. Den Verbrauchern fehlt es an Vertrauen, sie haben Schulden, ihre Vermögen haben an Wert verloren, ihre Häuser und ihre Aktien – sie werden kein Geld ausgeben. Die amerikanische Wirtschaft hängt zu 70 Prozent vom Konsum ab. Geben die Verbraucher kein Geld mehr aus, schrumpft die Wirtschaft, werden die Schulden unbezahlbar.

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ZEIT: Kann aus der Stagflation eine Deflation werden?

Lee: Nein, das denke ich nicht. Ben Bernanke, der Chef der amerikanischen Notenbank, kennt alle diese Probleme. Er hat die Große Depression studiert, auch die Probleme, die Japan in den neunziger Jahren hatte. Und Barack Obama geht sehr energisch an seine Infrastrukturprojekte heran, er will richtig Geld in die Wirtschaft pumpen.

ZEIT: Warum hat niemand die internationale Finanzkrise kommen sehen?

Lee: Weil sie so verborgen war. Die Finanzleute verpacken alle diese Vermögenswerte, sie besichern sie, mischen sie mit anderen Vermögenswerten, und dann verkaufen sie diese. Wenn Sie es zurückverfolgen, dann haben jene Schuld, die gegen Regulierungen bei den Derivativen waren, das waren Alan Greenspan, der frühere Chef der US-Notenbank, und der amerikanische Kongress.

ZEIT: Aber haben nicht Amerika und der Rest der Welt von Greenspans Politik des billigen Geldes profitiert? Schließlich haben die Amerikaner wie wild konsumiert.

Lee: Nein, für Amerika ist es ein Rückschlag. Keiner glaubt mehr an den »Washingtoner Konsens«, wonach es nur freie Märkte und Demokratie braucht, und alles ist gut. Niemand glaubt dies mehr, weder in Europa noch in Asien, noch in Lateinamerika, noch in Afrika.

ZEIT: Erlebt das angelsächsische Modell des Kapitalismus eine Legitimationskrise? Plötzlich ist der Staat wieder da!

Lee: Das ist die erste Reaktion. Aber die Grundprinzipien, nach denen die amerikanische Wirtschaft funktioniert, machen sie dynamisch. Ich habe mehrmals beobachtet, wie die Amerikaner aus einer sehr schwierigen Situation herauskamen, von der Talsohle wieder auf den Gipfel. Wenn man ihnen nur Zeit lässt, werden sie sich wieder durchbeißen, weil sie diese unternehmerische Energie haben.

ZEIT: Im Augenblick ist es der Staat, der die amerikanische Autoindustrie retten soll.

Lee: Nein, man wird sie reprivatisieren. Das liegt in der Natur der Dinge. Dies ist nur eine Übergangslösung. Man sollte Detroit nicht retten.

ZEIT: Nicht retten?

Lee: Die Autoproduzenten sollten sich unter Gläubigerschutz begeben und die Anstellungsbedingungen ihrer Arbeiter ändern. Die Großen Drei in Detroit können nicht pro Auto 2000 Dollar mehr zahlen als Toyota, nur weil sie die Pensionen und Krankenversicherungen ihrer Arbeiter schultern müssen. Detroit kann dabei nur verlieren.

Leser-Kommentare
  1. Wunderbarer Interviewpartner. Wollte ich nur mal los werden nachdem solche Perlen kaum Beachtung zu finden scheinen.

    Vielleicht ist das Schweigen der Kommentatoren ja auch nur der bedingungslosen Bewunderung der klaren und kenntnisreichen Aussagen geschuldet.

    Danke.

  2. gut gefragt, toll geantwortet, kann mich Westerland nur anschliessen! Der alte Herr weiss viel und ist um klare Meinungen nicht verlegen. War ein Genuss zu lesen.
    Besten Dank auch.

    • self22
    • 06.01.2009 um 21:51 Uhr

    Natürlich sind die weitreichenden Analysen Lee Kuan Yew erste Sahne.

    Aber schon die Überschrift ist für mich kein Genuss. Geschweige denn die Analyse, dass die Amis aus ihrem global verzapften Chaos wieder am schnellsten und besten herauskommen und sie vorerst weiter bestimmen werden, wie etwas (zu ihren Gunsten) zu laufen hat oder auch nicht.

    Wieso glaubt er, dass in Europa keine Unternehmerkultur herrscht und nie herrschen wird. Warum ist ein gutes Sozialsystem kein wirklicher Vorteil im Kampf der Kulturen und der Wirtschaften. Wo fließt das ganze Geld in Europa hin, wenn wir uns keine große Armee und keine großen Kriege leisten?

    Es ist etwas faul im Staate Europa. Bin ich in einem Loser-Kontinent, oder was? Das sind meine Gedanken, wodurch die Brillianz des Interviews aber nicht geschmälert wird.

  3. 4. zu3

    Es ist einfach so: Das Sozialsystem verursacht Kosten. Der Nutzen ist nicht so offensichtlich.

    Solange alle gewillt sind, diese Kosten zu tragen und zufrieden mit den Erträgen sind, ist es in Ordnung.

    Nur ist es schwierig, auf der einen Seite einen DVD Player made in China für 40 Euro zu bekommen, und auf der anderen für Montagetätigkeit am Band 4.000 Euro brutto zu fordern inkl. Krankenschutz, Rente und Versicherungen.

    Außerdem geht es uns in Europa, speziell hier in Deutschland blendend. Deswegen ist die Risikobereitschaft - und damit verbunden Unternehmergeist - eher nicht so ausgeprägt wie in China, wo es 900 Millionen hungrige - und immer besser ausgebildete Menschen gibt, die nach oben wollen. Für sie sind alle Errungenschaften, die für uns selbstverständlich sind, ein heeres Ziel. Und für das sind sie bereit viel und hart zu arbeiten, ohne Absicherung.

    Fazit: Es wird uns noch lange relativ gut gehen. Aber der Wind aus Fernost wird rauer. Darauf muss man sich einstellen.

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  • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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