Keine Angst vor dem Kurator!
Eine Ausstellung sollte man besuchen wie einen Zoo, sagt Kunsthistoriker Andreas Blühm: In fröhlicher Runde und bequemen Schuhen. Und man darf auch gerne nur die Pferde anschauen
DIE ZEIT: Herr Blühm, Sie haben eine Art Überlebensratgeber für Museumsbesuche geschrieben. Was empfehlen Sie den Gästen?
ANdreas Blühm: Sie sollten ein Museum besuchen wie einen Zoo. In den Zoo geht man gut gelaunt und mit der ganzen Familie. Man versucht nicht krampfhaft, alle Tiere zu sehen, sondern überlegt, ob man lieber zu den Eisbären oder den Kamelen möchte. So bummelt man umher und kauft zwischendurch Pommes frites. Nach diesem Muster macht ein Museumsbesuch Spaß. Man sollte sich nicht Bildung verordnen, sondern das ansehen, was einem ins Auge fällt. Und ruhig mal auf einen Snack ins Museumscafé gehen.
ZEIT: Also keine hochhackigen Pumps für stilvollen Kunstgenuss?
blühM : Auf keinen Fall. Man sollte sich gemütlich anziehen und bequeme Schuhe tragen. Die Füße tun hinterher ohnehin weh. Deshalb sind auch Pausen ganz wichtig. Eine Schulstunde dauert schließlich aus gutem Grund nur 45 Minuten.
ZEIT : Und woher weiß ich, wo ich die spannendsten Exponate finde? Viele Museen sind ja so riesig, dass man den Überblick verliert.
Blühm: Ist man in der Gruppe unterwegs, sollten erst einmal alle ausschwärmen. Nach einer halben Stunde trifft man sich dann wieder, und jeder berichtet, was er gesehen hat. So entgeht einem kein Highlight. Wenn ich allein unterwegs bin, muss ich mir selbst einen Überblick verschaffen. Ich selbst renne durch mir neue Museen im Schweinsgalopp und scanne für mich, was interessant sein könnte. Erst bei der zweiten Runde schaue ich mir einzelne Sachen ganz genau an.
Zeit : Nun kennen Sie sich als Leiter eines der wichtigsten Museen Deutschlands sehr gut aus in der Kunstwelt. Wie aber weiß der Laie, welche Werke er auf keinen Fall verpassen sollte?
Blühm: Wer nicht so viel Erfahrung mit Museen hat, kann auch einfach dem Herdentrieb folgen: Da, wo Leute sich aufhalten, wo Museumsführer stehen bleiben, wo größere Erklärungstexte oder die Nummern für Audioführungen hängen, sind meistens auch die besonderen Stücke. Und es ist nicht ehrenrührig, sich darauf zu beschränken.
ZEIT : Die Kuratoren haben die Werke ja nicht grundlos in eine bestimmte Reihenfolge gehängt. Sollten sich Laien nicht an den Rat der Profis halten?
Blühm: Nicht unbedingt. Man kann das Museum auch wie eine Briefmarkenbörse betrachten. Dann schaut man nur nach Bildern aus einem Land oder nach einem bestimmten Motiv. In einem Experiment durfte der Filmemacher Peter Greenaway die Sammlung des Rotterdamer Museums Boijmans-Van Beuingen neu ordnen. Er gruppierte die erhabene Kunst nach Kriterien wie »Hände«, »Füße« oder »Gefühl«. Gestandene Kuratoren stampften verärgert mit den Füßen. Dabei sind auch Gattungs- oder Epochensammlungen ziemlich willkürlich.
ZEIT: Kann man mit einer thematischen Auswahl auch Kinder begeistern?
Blühm: Unbedingt! Am besten gibt man ihnen kleine Aufgaben. Wer als Erster zehn Pferde auf den Gemälden gefunden hat, gewinnt. Dann spricht man darüber, ob einem das naturalistische Schlachtross aus dem 19. Jahrhundert besser gefällt oder das blaue Pferd von Franz Marc.
ZEIT: Sprechen ist so eine Sache im Museum. Meist herrscht andachtsvolle Stille.
Blühm: Auch so ein Unsinn. Wir sind ja nicht in der Oper. Ich finde es am schönsten, wenn stetiges Murmeln die Räume erfüllt. Im Idealfall ergibt sich ein Dreieck aus einem Kunstwerk und zwei Betrachtern, die darüber reden. Übrigens ist das eine wunderbare Gelegenheit, Menschen kennenzulernen. In New York hat sich daraus eine eigene Veranstaltungsform entwickelt: Singles treffen sich im Museum.
ZEIT: Dann haben Sie auch nichts gegen lärmende Schulklassen?
Blühm: Nein. Ein Museum ist kein Toberaum, aber wenn Kinder miteinander reden, finde ich das gut. Wer Ruhe will, kann am Abend kommen.
ZEIT: Muss es immer ein Kunstmuseum sein?
Blühm: Nein, durchaus nicht. Gerade kuriose Museen können genauso spannend sein. Zum Beispiel das Deutsche Apotheken-Museum in Heidelberg, das Gaslaternen-Freilicht-Museum in Berlin oder das Internationale Museum für Nummernschilder, Verkehrs- und Zulassungsgeschichte im sächsischen Großolbersdorf. Solche Sammlungen sind oft mit einer Leidenschaft zusammengestellt, die ansteckt.
Interview: Martin Wein
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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