Kriminalroman Verwirrspiel
Tobias Gohlis über Kate Atkinson, den neuen Stern am Himmel der europäischen Kriminalliteratur
Seit die schottische Autorin Kate Atkinson ins Krimifach gewechselt ist (mit Die vierte Schwester, 2005), pflegt sie mit ihrer Hauptfigur Jackson Brodie ein durchtriebenes Spiel. Brodie war mal Polizist, aber seitdem er den Beruf hinter sich gelassen hat, agiert er wie einer dieser Gentleman-Detektive des Goldenen Zeitalters. Doch im Unterschied zu Lord Peter Wimsey oder Hercule Poirot ist Brodie nicht im Geringsten versessen auf Verbrechen oder Rätsel, die aller Welt unlösbar scheinen außer IHM, dem größten Privatdetektiv aller Zeiten. Er ist, man könnte das eine postfeministische Replik auf die großen Ladys der britischen Kriminalliteratur und ihre männlichen heroes nennen, der gutmütige breitschultrige Eigenbrötler mit dem weichen Herzen, dem die Frauen weglaufen und der in den Fällen, die er löst, weil ihm nicht anderes übrig bleibt, eine denkbar komische Figur macht.
Atkinsons Verlage in London und München preisen ihren Kundinnen Brodie als »unkonventionell« und »liebenswürdig« an – gefakte Kontaktanzeigen. Kate Atkinson schreibt anders. In Liebesdienste(ZEIT Nr. 25/07) stolpert Brodie über eine Leiche und trägt zur Lösung des Falles nur insofern bei, als er hin und wieder eines auf den Kopf kriegt, zusammenklappt und am Ende in den Showdown stolpert. Noch slapstickhafter wird er von seiner Autorin durch Lebenslügen geführt (aus dem Englischen von Annette Grube; Droemer, München 2008; 432 S., 19,90 €). Hier steigt er seiner Exliebe nach, wird beinahe als Pädo-Spanner verhaftet und besteigt verwirrt einen Zug in die falsche Richtung. Der Zug fährt am Stadtrand von Edinburgh über den Pkw einer tumorkranken Altphilologin und entgleist, weshalb Brodie, gerettet von einer 16-Jährigen, den Rest des Romans mit Gehirnerschütterung verbringt.
Wo der Detektiv kollabiert, tummeln sich munter drei sehr lebenstüchtige Damen: vorneweg die 16-jährige Retterin Reggie. Sie ist vielleicht einen Hauch zu entzückend angelegt: Mutter im Pool ertrunken, Bruder Dealer, sie selbst hochbegabt, aber mittellos, hingerissen zu Lateinstunden bei der gehirntumorbedingt schlechten Autofahrerin Ms Mac-Donald, hergerissen zu Dr. Hunter samt ihrem tollen Baby Gabriel, auf die Reggie all ihre teeniehafte Liebe zur Familie konzentriert. Besonders dann, als Dr. Hunter verschwindet und nur Reggie aus den vertrauten Kind-und-Kegel-Indizien schließen kann, dass etwas Entsetzliches geschehen sein muss. Die Dritte ist die Edinburgher DCI Louise Monroe, von der sonst hervorragenden Übersetzerin, Hierarchie und Rang verdrehend, als »Hauptkommissarin« tituliert. Sie ist kaum heldenhafter als Brodie, eine schlechte Mutter, aufbrausend, aber wenigstens auf dem Platz, wenn der Feind gestellt werden muss, auch wenn dies der falsche Feind und der falsche Platz sind. Doch Reggie reißt alle raus.
Atkinson ist definitiv ein neuer Stern am Himmel der europäischen Kriminalliteratur, eine Meisterin des Plots, eine grandiose Stilistin, witzig bis zur letzten Seite.
- Datum 31.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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