Niemand konnte spielen wie er

Sogar der Bernhardiner musste mitmachen, wenn James M. Barrie eine zünftige Piratenschlacht organisierte Von Susanne Gaschke

Sir James Matthew Barrie stammt aus dem schottischen Kirrimuir. Sein Lieblingsspielzeug war ein Puppentheater, mit dessen Figuren er in der Waschküche selbst erdachte Dramen aufführte. Als er sechs Jahre alt war, verunglückte sein Bruder David tödlich; die Mutter, die den Verlust kaum verwinden konnte, erzählte James viele Erlebnisse aus ihrer eigenen Kindheit, namentlich, wie sie nach dem Tod ihrer Mutter ihren kleinen Bruder umsorgt hatte – ähnlich wird später in Barries Geschichten Wendy die verlorenen Jungen bemuttern. In der Erinnerung der Familie blieb David immer so alt wie zum Zeitpunkt seines Todes – er war 13 Jahre alt geworden –, und dieses Motiv des Nicht-Älter-Werdens hat einen direkten Weg in die Erzählung von Peter Pan gefunden.

Piratenspiele und Interesse am Theater prägten Barries Schulzeit. Nur widerwillig nahm er ein Studium in Edinburgh auf, denn eigentlich war ihm klar, dass er Autor werden wollte. Nach dem Universitätsabschluss schlug sich Barrie als Journalist durch, zunächst in Schottland, dann in London, wo er drei erfolgreiche Geschichtensammlungen veröffentlichte. In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts schrieb er Stücke für Londoner Bühnen und lernte die Schauspielerin Mary Ansell kennen, seine spätere Frau. Die Ehe war unglücklich. Das einzige, was die Eheleute verband, war die Liebe zu ihrem Bernhardiner Porthos, der ein Vorbild abgab für Nana, in Peter Pan der Hunde-Babysitter der Familie Darling.

1897 lernte Barrie Sylvia Llewelyn Davies und ihre drei Söhne George, Jack und Peter kennen; später kamen noch Michael und Nicholas hinzu. Sylvia, die von Barrie verehrt wurde, war mit dem Rechtsanwalt Arthur Llewelyn Davies verheiratet, und der schien alles andere als begeistert von der Aufmerksamkeit, die irgendein Autor seiner Frau und seinen Söhnen entgegenbrachte. Trotzdem wurde Barrie für die Jungen eine zusätzliche Vaterfigur.

1904 schuf Barrie die erste Theaterfassung von Peter Pan, die ungeheuer erfolgreich wurde. Erst 1911 erschien der Roman, den wir heute kennen, unter dem Titel Peter and Wendy. Michael Llewelyn Davies gilt als Vorbild für Peter Pan. Sylvia und ihr Mann starben an Krebs, und Barrie, dessen Ehe längst geschieden war, nahm sich der Kinder an. Doch George und Jack hassten es, in der Schule auf Peter Pan angesprochen zu werden; Michael, den Barrie über alles geliebt hatte, ertrank als Student unter ungeklärten Umständen in der Themse. Von diesem Schmerz erholte sich Barrie nicht: Er starb 1937, vom Leben erschöpft.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service