Bitte nicht erwachsen werden
Peter Pan ist das ewige Kind, und aus Zeichentrickfilmen kennen wir ihn stets fröhlich. Im Roman erscheint er aber als Figur, in der Sehnsucht, Grausamkeit und Lebensfreude nah beieinanderliegen Von Susanne Gaschke
Manche Leute schwindeln aus Not, manche aus Veranlagung oder gar aus Neigung. Zur letzten Gruppe gehört Peter Pan, der Junge, der nie erwachsen wird. Peter ist ein Angeber, ein Aufschneider, einer, der laut kräht, wenn ihm wieder einmal ein Streich gelungen ist – aber auch jemand, der bemuttert werden muss und dringend Menschen braucht, die sich um ihn kümmern.
Der britische Autor James Matthew Barrie (1860 bis 1937) schrieb zunächst das Theaterstück The boy who wouldn’t grow up. Es erlebte 1904 seine Uraufführung. Erst später baute Barrie das Stück zu einem Roman für Kinder aus: Darin entführt Peter Pan die Geschwister Wendy, John und Michael Darling ins »Nimmerland«, wo er mit den »verlorenen Jungen« lebt – ihre Bernhardiner-Nanny Nana kann nichts dagegen tun.
»Das Nimmerland im Kopf jedes Kindes«, hat Barrie einmal geschrieben, »ist immer mehr oder weniger eine Insel – mit erstaunlichen Farbklecksen: mit Korallenriffen, verwegen aussehenden Schiffen auf hoher See, mit wilden und einsamen Lagerplätzen; mit Gnomen, die meist Schneider sind; mit Höhlen, durch die ein Fluss fließt; mit Prinzen mit sechs älteren Brüdern und einer Hütte, die immer mehr zerfällt, und einer sehr kleinen alten Frau mit Hakennase… An diesen Zauberstränden ziehen Kinder beim Spielen ewig ihre Boote an Land. Wir sind auch einmal dort gewesen; wir können noch das Brausen der Brandung hören, aber wir werden nie wieder dort landen.«
In Peters spezieller Version dieser kindlichen Fantasiewelt gibt es Piraten, Indianer, Nixen, Feen, wilde Tiere. Sein schrecklichster Feind ist der Seeräuber Käpt’n Hook. Der wiederum wird gejagt von einem Krokodil, das schon des Käpitäns eine Hand verschlungen hat (daher Hooks namensgebender Eisenhaken) und nun nach mehr Piratenbraten lechzt. Praktischerweise hat das Reptil allerdings auch einen Wecker verschluckt, der sein Kommen stets tickend ankündigt.
John und Michael schließen sich Peters Bande an, und Wendy wird die »Mutter« der verlorenen Jungen. Nur sie kann sich noch gut an zu Hause erinnern, John und Michael beginnen bald, ihre richtigen Eltern zu vergessen: Kinder sind herzlos, will Barrie damit sagen. Aber das Schicksal ist es auch, denn im Zauberreich der Fantasie haben alle (außer Peter) nur befristetes Aufenthaltsrecht. Irgendwann kehren Wendy und John und Michael und all die anderen aus Nimmerland zurück in die wirkliche Welt; nur Peter Pan bleibt zurück, immer wieder zum Abschiednehmen verdammt, immer wieder darauf angewiesen, dass neue Kinder an ihn glauben. Einem erwachsenen Leser schnürt es die Kehle zu angesichts der Unausweichlichkeit dieser Trennung. Aber Peter Pan funktioniert als Mehrebenen-Erzählung: Viele Botschaften, die sich an Erwachsene richten, lassen jüngere Leser an sich vorbeiziehen.
Peter Pan ist ein besonders drastisches Beispiel dafür, wie sehr sich die filmische Bearbeitung eines Stoffes (und alle folgenden Comicversionen und Merchandising-Produkte) zwischen Leser und Buch schieben: Wen auch immer man anspricht, die allermeisten Menschen glauben, Peter Pan zu kennen – aber mit dem witzigen, ironischen, latent melancholischen Text sind tatsächlich die wenigsten vertraut. Das ist schade, denn in allen Bearbeitungen geht Vielschichtigkeit verloren: Der Disney-Film ist zwar auf typische Disney-Weise entzückend, aber er beschränkt sich vollkommen auf die Story, für philosophische Betrachtungen bleibt kein Platz. Dabei sind besonders der Anfang und das Ende so schön, dass Eltern ihren Kindern das Buch gern vorübergehend wegnehmen dürfen, um es selbst zu lesen. »Alle Kinder, außer einem«, beginnt die Geschichte von Peter Pan, »werden erwachsen. Sie erfahren bald, dass sie erwachsen werden müssen, und Wendy hat es so erfahren: Eines Tages, als sie zwei Jahre alt war, spielte sie im Garten, und sie pflückte eine Blume und rannte damit zu ihrer Mutter. Ich vermute, dass sie ganz bezaubernd ausgesehen hat, denn Mrs. Darling griff sich ans Herz und rief: ›Ach, warum kannst du nicht immer so bleiben!‹ Mehr wurde zwischen ihnen über dieses Thema nicht gesprochen, aber seither wusste Wendy, dass sie erwachsen werden musste. Das weiß man immer, wenn man erst mal zwei ist. Zwei ist der Anfang vom Ende.«
Am Schluss der Erzählung ist Wendy eine alte Dame und hat eine Enkeltochter: »Wenn du Wendy genau anguckst, siehst du vielleicht, dass ihre Haare weiß werden, denn das alles geschah vor langer Zeit. Ihre Tochter Jane ist jetzt eine gewöhnliche Erwachsene. Sie hat eine Tochter namens Margaret, und immer wenn es Zeit ist für den Frühjahrsputz, kommt Peter (außer wenn er es vergisst) und holt Margaret und fliegt mit ihr nach Nimmerland. Wenn Margaret erwachsen ist, wird sie eine Tochter haben, und die wird wieder Peters Mutter sein, und so geht das immer weiter, solange Kinder froh und unschuldig und herzlos sind.«
Illustration: Sabine Wilharm, Umschlagillustration »Peter Pan« erschienen in ZEIT-Edition »Fantastische Geschichten für junge Leser« 2008; Foto: Hulton-Deutsch Collection/Corbis
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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