Lee Kuan Yew – der Mandarin
Sieh an, Lee Kuan Yew kann lachen. Vor 14 Jahren, bei unserem letzten Gespräch, war das noch anders. Kein Lächeln, kein Scherz, kein Small Talk: Der Staatsgründer des modernen Singapurs verbreitete Eiseskälte. Seine Antworten waren kurz und grimmig (»Ich sage, wir hängen die Drogenhändler auf!«). Und die auf arktische Grade eingestellte Klimaanlage ließ den Besucher zittern.
Wie anders diesmal! Die Temperatur im Raum ist erträglich, die Gesprächsatmosphäre geradezu heiter. Gut zwei Dutzend Mal wird Lee in ein keckerndes Lachen ausbrechen. Ist der Zuchtmeister altersmilde geworden?
Lee Kuan Yew, wiewohl seit 18 Jahren nicht mehr Premier, ist heute der bedeutendste Politiker Asiens. Im September ist er 85 Jahre alt geworden. Aber wie eh und je suchen die Mächtigen in Peking, Tokyo, Delhi oder Washington seinen Rat. Die chinesische Führung schaut seit den Zeiten Deng Xiaopings bewundernd auf den Aufsteiger-Stadtstaat in Südostasien. Die Kombination von freiem Markt und autoritärer Herrschaft hat es den Reformkommunisten angetan. Mit unbeirrbarer Zielstrebigkeit und gnadenloser Härte hat Lee das verschlafene Tropennest Singapur in eine strahlende Hightech- und Finanzmetropole verwandelt.
Lee Kuan Yew empfängt den Besucher in einer traditionellen chinesischen Seidenjacke, dunkelblau mit hochstehendem Kragen. Wie ein alter Pekinger Mandarin sitzt er am großen Konferenztisch in seinem Büro und trinkt in kleinen Schlucken heißes Wasser. Mehr als drei Jahrzehnte hat er Singapur regiert, von der Unabhängigkeit 1959 bis 1990. Premier ist heute sein Sohn Lee Hsien Loong ( ZEIT Nr. 47/08). Wie der junge, so hat auch der alte Lee sein Büro im Istana-Palast, dem früheren Sitz des britischen Gouverneurs. Als »Minister Mentor« kann er dem Junior somit aus nächster Nähe beim Regieren auf die Finger sehen. Aber natürlich soll der sich selbst durchbeißen. Lee Kuan Yew konnte schon immer rücksichtslos sein, gegen Freund und gegen Feind. Er hat die Opposition kujoniert und die Presse geknebelt. Wer sich mit ihm anlegte, dem drohte das Gefängnis oder der Offenbarungseid.
Gnadenlos ist er auch in seinem Urteil. Und das macht das Gespräch mit ihm interessant. Er will nicht der Darling der Amerikaner sein, die er bei aller Kritik doch bewundert, und gewiss nicht der Darling der Europäer, die der Cambridge-Absolvent mit melancholischer Nachsicht nur noch auf der weltpolitischen Nebenbühne agieren sieht.
Es ist sieben Uhr abends. Der Park um den Istana-Palast liegt schon im Dunkeln. In Amerika hat der Tag gerade begonnen. Die Nachrichten des Morgens dort passen zu unserem abendlichen Gespräch am anderen Ende der Welt. Das Sozialmodell von General Motors und Chrysler retten? Die Demokratie nach Afghanistan bringen? Lee findet beides zum Lachen. Das Aufnahmegerät läuft.Matthias Nass
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren