Gruner+Jahr Abschied auf Raten

Bernd Kundrun wird als Chef des Gruner+Jahr-Verlags wohl abtreten. Was den Manager und den Mutterkonzern Bertelsmann auseinander brachte

War es Zufall oder doch eine Intrige? Ende November taucht in einer Zeitung plötzlich die Frage auf, ob der Vertrag von Bernd Kundrun verlängert wird. Der Mann ist nicht irgendwer, sondern seit mehr als acht Jahren Chef von Gruner+Jahr, dem größten europäischen Zeitschriftenverlag. Traditionell war er damit auch Vorstand bei Bertelsmann, einem der größten Medienkonzerne der Welt. Bertelsmann wiederum ist mit knapp drei Vierteln an Gruner+Jahr beteiligt.

Keine fünf Wochen später hat Kundrun die Frage auf seine Weise beantwortet. Am Abend des 23. Dezember hat er per Fax seinen Vorstandsposten bei Bertelsmann mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Gleichzeitig hat er eine Mail an ihm vertraute Kollegen und Mitarbeiter geschrieben, die man als endgültigen Abschiedsbrief verstehen kann. Viel spricht dafür, dass Kundrun auch als Chef von Gruner+Jahr abtritt.

Offenbar glaubte Kundrun, er müsse so einer schleichenden Demontage zuvorkommen. Seit Wochen schon hatte es eine Diskussion um ihn gegeben, und seit Wochen schon fiel auf, dass sich Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski nie öffentlich vor seinen Vorstandskollegen stellte. Auch der Minderheitsgesellschafter von Gruner+Jahr, die Hamburger Familie Jahr, schwieg.

Dass Kundrun wankt, dass Kundrun geht, das hätte noch vor zwei Monaten niemand vorhergesehen. Kundrun war eine Säule im Bertelsmann-Konzern. Doch seither haben sich drei Ereignisstränge auf eine Weise verwoben, die wohl keinen anderen Ausweg ließ.

Öffentlich fing es mit der Parole an, die Kundrun Ende Oktober im Gruner+Jahr-Vorstand ausgab. Er sehe einen Sturm, einen Hurrikan gar, auf die Zeitschriftenbranche zukommen, sagte Kundrun. Seine Aufgabe als Kapitän sei es nun, das Schiff wetterfest zu machen. Was er damit meinte, erfuhr die Belegschaft kurz darauf aus einem Schreiben. Man werde alle Zeitschriften einstellen, »die keine Aussicht haben, die Krise zu überstehen«. Die Rede war von »schmerzlichen Maßnahmen«, also »Personalmaßnahmen«.

Das hatte hässliche Folgen: In der Branche kursierten bald »Todeslisten« mit den schwächsten Zeitschriften von Gruner+Jahr. Betriebsrat und Gewerkschaft demonstrierten vor der Zentrale, was es nie zuvor gegeben hatte. Der Verlag versuchte öffentlich, der Dramatik entgegenzuwirken, die er selbst erzeugt hatte. Dann folgte wieder eine Kehrtwende. Gruner+Jahr ließ bei seiner ökonomisch angeschlagenen Wirtschaftspresse (Capital, Impulse, Börse Online) keinen Stein auf dem anderen: Den Redaktionen wurde gekündigt, die Betriebsstätten in Köln und München wurden geschlossen. Künftig entstehen die Blätter in Hamburg – unter einem Dach mit der seit Jahren verlustbringenden Zeitung Financial Times Deutschland. So will man nun mit einer kleineren Mannschaft besseren Journalismus machen.

Mitte Dezember schrieb dann das manager magazin, Kundrun habe mit dem Gedanken gespielt, ausgerechnet jetzt den Verlag zu verlassen und Chef der TV-Sendergruppe ProSiebenSat.1 zu werden. Tatsächlich hat er im November zwei Gespräche geführt. Aber, sagt er, nie habe er ernsthaft an einen Wechsel gedacht. Im Umfeld von Bertelsmann ließ man durchsickern, Bertelsmann-Chef Ostrowski sei tief verärgert. Man müsse sich nun die Frage stellen, ob Kundrun der Richtige sei, also glaubwürdig genug, um den Zeitschriftenverlag durch die Rezession zu führen. Verstärkt würde dieser Eindruck, weil ProSiebenSat.1 finanziell auch noch schlechter dastehe als Gruner+Jahr. Unklar blieb: Waren die Gespräche eine Torheit? Oder misslungenes Pokerspiel?

Fast täglich wurden seither Gespräche geführt, die offiziell niemals stattgefunden haben. Und da traten kurz vor Weihnachten plötzlich ernste Meinungsverschiedenheiten und finanzielle Interessenkonflikte zutage. Erst sie erklären wirklich, wie es zu so einem Zerwürfnis zwischen Kundrun und Ostrowski kommen konnte.

Aus Kundruns Umfeld ist zu erfahren, dass er die Wirtschaftskrise nutzen wollte, um zu wachsen: Gruner+Jahr habe in den vergangenen Jahren mehr als eine Milliarde Euro in Gütersloh abgeliefert – und wenig Geld investiert. Doch 2009, mitten in der Rezession, werde es gute Gelegenheiten zum Zukauf geben. Die habe er nutzen wollen und dafür ein grundsätzliches Einverständnis von Ostrowski erbeten.

Doch der Spielraum von Bertelsmann ist begrenzt. Zu hoch die Schuldenlast (von mehr als vier Milliarden Euro), die dem Unternehmen von der Eigentümerfamilie Mohn und dem früheren Vorstandschef Gunter Thielen aufgeladen wurde. Hinzu kommt, dass auch Bertelsmann von der Medienkrise getroffen wird. Die finanziellen Spielräume werden eher kleiner als größer. Da bliebe eigentlich nur, dass Bertelsmann Anteile an Gruner+Jahr verkauft, um Spielraum zu gewinnen. So etwas kann man sich bei Bertelsmann inzwischen für die konzerneigene RTL-Sendergruppe vorstellen, aber im Verlagsgeschäft war so etwas bisher wohl nicht durchzusetzen.

Von Gütersloh aus betrachtet, sieht die Lage ein wenig anders aus. Dort schaut man auf die Entwicklung des Verlags. Unter Kundrun wurden Dutzende Zeitschriften neu gegründet, vor allem im Ausland. Hierzulande waren es unter anderem Neon, Dogs und das eBay-Magazin. Große Marken wie stern und Brigitte wurden um Nischenprodukte erweitert (stern View, Brigitte woman), Online-Auftritte gestärkt (stern.de), Internet-Start-ups gekauft (chefkoch.de) und Hunderte Merchandising-Produkte herausgebracht (Brigitte-CDs). Dennoch: Aus eigener Kraft wächst der Verlag seit Jahren kaum noch. Mal war es ein halbes Prozent, mal etwas mehr als eins. Die Inflationsrate müsste man noch abziehen.

Schlägt man einen langen Bogen, zurück in die neunziger Jahre, wird die Entwicklung noch klarer. Der Umsatz liegt heute etwa auf dem gleichen Niveau wie damals. Das operative Ergebnis (Ebita) hat sich jedoch fast halbiert. Kundrun blickte also auf seine künftigen Chancen, die Gegenseite sah die schwindenden Erträge. Ostrowski ist zudem ein Manager, der eher organisches Wachstum als Zukäufe sucht und der darüber hinaus selbst dafür sorgen muss, dass er in seinen fünf Jahren als Vorstandschef sichtbare Spuren hinterlassen kann.

So prallten, als das Geld knapp wurde, zwei Männer aufeinander, die verschiedene Vorstellungen und Ziele hatten. Die Sache eskalierte. Beschleunigt durch ein bisschen Zufall. Und ein bisschen Intrige.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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