Liebeskolumne Muss ich Kosenamen ertragen?
Jede Woche beantwortet der Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer eine große Frage der Liebe. Diesmal: Muss ich mir "Mausi" und "Bärli" gefallen lassen?
Die Frage: Ralf mag es, Anitaals »süßen Dachs« zu bezeichnen. Der Hang zu diesem doch eher befremdlichen Kosenamen, der deutlich über das übliche »Mausi« und »Bärli« hinausgeht, sitzt bei Ralf tief – er zieht den Vergleich mehrmals täglich. So streicht er Anita dann auch nicht über die Haut, sondern über das »Fell«, sieht bei ihr schwarz-weiße Streifen im Gesicht. Er findet das total süß und meint es liebevoll, doch Anita ist langsam genervt davon. Ralf erklärt ihr, dass er eine Frau unbedingt süß finden muss, um sich in sie zu verlieben. Und das funktioniere am Besten über das Tierische. Seine letzte Freundin sei eine Spitzmaus gewesen, und Anita sei eben nun ein Dachs. Er mache das nicht willkürlich, sondern versuche durchaus, das entsprechende Tier im Menschen zu erkennen. Wie können sich die beiden arrangieren?
Wolfgang Schmidbauer antwortet: Kosenamen gehören zur Kreativität der Liebe, sie bilden manchmal ein Sprachmuster, das die Verliebten verbindet und andere durchaus befremden darf. Aber mir gefällt nicht, wie Ralf mit der sichtlichen Opposition seiner Freundin umgeht. Der Dachs wirkt auf mich wie ein Übergriff, eine Dreistigkeit. Ralf möchte die Regeln der Beziehung bestimmen und ein Dominanzverhältnis herstellen – auch wenn er es zu verniedlichen sucht. Geht es um das, was Psychoanalytiker als »Erniedrigung des Liebesobjekts« beschreiben? Freud meinte, dass muttergebundene Männer es nötig haben, eine Sexualpartnerin abschätzig zu behandeln, um nicht zu viel Respekt vor ihr zu haben und darüber die Potenz einzubüßen. Vielleicht sollte Ralf, ehe er seinen Dachs fixiert, der Frage nachgehen, warum ihm die Spitzmaus ausgebüxt ist.
Wolfgang Schmidbauer, 67, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten, von ihm erschien u.a. "Das Mobbing in der Liebe", Gütersloher Verlagshaus
Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine E-Mail an liebeskolumne@zeit.de .
- Datum 31.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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Der Partner wird den Kosenamen wohl oder übel ertragen müssen. Müssen aber auch Dritte die Kosenamen ertragen?
männliche Dominanz (Arroganz, Ehrgeiz, Egoismus, Initiative ...) spricht sehr stark einen unterbewussten Instinkt in Frauen an und ist somit eher förderlich für die Partnerschaft. fraglich ist allerdings, ob das Geben von Kosenamen ein Zeichen für Dominanz oder wie o.g. eigener Probleme ist.
Dieser Artikel läßt tief blicken und verrät so einiges über gesellschaftliche Mentalitäten. Wenn man das (hier beschriebene) krampfhafte Suchen nach tierischen Merkmalen in einem Partner einmal außer Acht läßt, so sagt die Verwendung des Diminutivs in einer Kultur auch etwas darüber, wie der Einzelne sich selbst und seine Umwelt sehen will. Sprache reflektiert Lebens- und somit Wertewelten. Im englisch- und im deutschsprachigen Raum ist eine klare Vergrößerungstendenz zu beobachten. Die dears und darlings sollten nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Gebrauch von Kosenamen im privaten Gebrauch auf großen Widerstand stoßen kann, eben weil der Einzelne tendenziell eher darauf bedacht, sich größer darzustellen als er ist. Größe wird mit Wichtigkeit assoziiert. Im spanischsprachigen Raum, vor allem in Mexiko durch seine Nahuatl-Traditionen, ist genau das Gegenteil der Fall; alles wird verkleinert und verniedlicht: Aus cafe wird cafecito, aus pan wird panecito. Das gilt auch für den zwischenmenschlichen Bereich. Nicht genug damit, daß jeder Francisco ein Paco und jeder Jose ein Pepe ist. Es wimmelt hier nur so von pequenitos und chiquitas. Die Verwendung der Verkleinerungsform, die sogar auf Adjektive angewendet wird, hat längst nicht nur etwas mit der Körpergröße zu tun, sondern vor allem damit, daß der Wert des Einzelnen anders (und immer in Beziehung zu anderen) bestimmt wird.
Eine Antwort auf die Frage "Muss ich Kosenamen ertragen" lautet somit: Nein, natürlich nicht, du mußt gar nichts, aber frage dich zugleich, warum sie dich so stören...
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