Österreich Raue Schale, harter Kern
Übernachten in der Tischlerwerkstatt und Theater am Hafen: Linz, Kulturhauptstadt 2009, führt Besucher auch in die Vorstadt
Stahlstadtkinder nannten sie sich, bockig und selbstbewusst. »Stahlstadtkinder, immer im Duell / Stahlstadtkinder leben viel zu schnell«, das war Punk aus Linz, der rauen Industriestadt mit Hochöfen und Chemiewerken. Die Schauspielerin Sophie Rois gehörte zu der subversiven Musikszene, die sich Anfang der Achtziger im trashigen Café Landgraf sammelte, und sie liebt den vitalen Sound ihrer Jugendstadt noch heute. Das Experimental-Duo Attwenger entstammte jener Subkultur – Musik, bei der sich Linz auf Provinz keinesfalls reimt.
Die Stadt hatte damals schon ihren Stolz. Von außen allerdings wurde der hart geprüft. Linz doof zu finden war Konsens. Eine mittelgroß-mittelmäßige Industrie-Agglomeration, dazu noch mit einer unguten Vergangenheit als Hitlers Lieblingsort – Linz kannte man hauptsächlich vom Linksliegenlassen auf der Westautobahn von München oder Salzburg nach Wien. So richtig ist es dann auch nicht angekommen, wie sich die 190000-Einwohner-Stadt in den letzten beiden Jahrzehnten gewandelt hat: wie die Luftverschmutzung verschwand, wie entlang der Donau eine »Kulturmeile« mit Metropolenanspruch entstand. »Jeder Kenner weiß, dass Linz längst zu den fortschrittlichsten, künstlerisch weltoffensten Städten Österreichs zählt, in mancher Hinsicht selbst Wien übertrifft«, schrieb der Wiener Publizist Ulrich Weinzierl, aber solche Kenner sind rar. 2009 nun soll das ewig unterschätzte Linz als Europäische Kulturhauptstadt festlich explodieren, mit einem opulenten Jahresprogramm zum nachhaltigen Imagewandel aufspielen.
Wieso war ich hier nicht längst? Das fragt sich der Linz-Besucher, wenn er erstmals auf der zentralen Nibelungenbrücke steht, hoch über der machtvoll dahinfließenden Donau. Jeder Neuling staunt hier wohl über eine der spektakulärsten Stadt-am-Strom-Veduten Mitteleuropas. Großer Durchzug, gerahmt von einer waterfront, an der sich modellhaft die Geschichtsepochen aufbauen. Ein kantiges Hochschloss und barocke Grünspanhauben neben massigen Brückenkopfbauten der NS-Ära, Fischerhaus-Idylle neben Nachkriegs-Verwaltungsklötzen, Neugotik spitzt zwischen Banktürmen hervor. Und als Glanzlichter die gläsernen Monumente jüngster Architektenkunst, die sich in der Abenddämmerung neonbunt im Strom spiegeln: magentafarben der elegante Quader des Moderne-Museums Lentos, in allen Farben schillernd die neue Leuchtdiodenfassade des Ars Electronica Center, in Europa führender Ausstellungsort für Cyberart und innovative Technologien.
Wenn die Glocken an Silvester das Kulturhauptstadtjahr einläuten, wird rund um Nibelungenbrücke und Donaugestade ein fulminantes Spektakel entfacht. Eine Raketensinfonie mit sechshundertstimmigem Chor, tags darauf die Uraufführung eines neuen Philip-Glass-Werks im Brucknerhaus. Klaus Maria Brandauer wird zu Jahresbeginn Fernando Pessoas Buch der Unruhe interpretieren, die Großausstellung Best of Austria Superlativ-Kunst aus dem ganzen Land im Lentos versammeln und das Theaterfestival »Schneesturm« namhafte europäische Ensembles vorstellen. 220 Veranstaltungen aller Genres hat »Linz 09« übers Jahr zu bieten; das Programmbuch ist vom Volumen eines gewichtigen Kunstbands und in seiner Vielfalt ebenso anregend wie verwirrend – manchmal auch etwas überanstrengt originell.
Der Warme Hans, gleich an der Brücke, wird die Kulturhauptstadt-Turbulenzen ungerührt überstehen. Dieser Würstelstand mit Kultstatus – bis zum Morgengrauen serviert er der Stammkundschaft aller Milieus seine scharfen Pusztalaibchen – bildet das Entree zur Linzer Altstadt. Der barock geprägte Stadtkern ist ein überraschendes Schmuckstück. Johannes Kepler schuf in einem gelb verputzten Haus in der schmalen Rathausgasse astronomische Hauptwerke, Anton Bruckner war Organist an der Jesuiten- und der Pfarrkirche, und der Dichter und Schulrat Adalbert Stifter beschimpfte von seinem Biedermeierbau aus (jetzt ein exzellentes Literaturhaus) die Linzer Krähwinkelei des 19. Jahrhunderts als »Hottentottien«.
Das heutige Linz ist, umtriebig und verkehrsgeplagt, eines der wirtschaftlich erfolgreichsten Zentren Österreichs, die lang gezogene Landstraße, an der sich Historisches mit Glaspassagen mischt, die zweitgrößte Einkaufsmeile des Landes nach Wiens Mariahilfer Straße. Und auch das Kaffeehaus Traxlmayr an der Promenade steht jenen der Hauptstadt kaum nach: ein stilreines Jahrhundertwende-Grand-Café, wo man sich in den Polsternischen, an Marmor-, Schach- und Kartentischen unter Kugellampen zu einem Spielchen oder zur Zeitungslektüre niederlässt und die Zeiger der alten Messingwanduhr langsamer weiterzurutschen scheinen als die jenseits der Schwingtüren.
Alle Wege führen zum großzügigen altösterreichischen Hauptplatz, der sich zur Donau öffnet, mit Pestsäule, Stuckfassaden und bildschönen spätgotischen Arkadenhöfen. Der Schmiedeeisenbalkon am Alten Rathaus sieht winzig und wackelig aus: Im März 1938 war er umbrandet von jubelnden Massen und einem feuerroten Meer aus Hakenkreuzfahnen, als dort oben der vormals erfolglose Linzer Realschüler Adolf Hitler die Heimkehr seiner »Ostmark« ins Reich feiern ließ. Man muss hinaufsteigen zum etwas kahlen Renaissanceschloss über den Gassen, um sich über die »Führerstadt Linz« zu informieren.
In einer Ausstellung des Schlossmuseums ist derzeit ausgezeichnet dokumentiert, welche herausragende Rolle der Donaustadt im Nationalsozialismus zugedacht war. Hitler pflegte eine sentimentale Herzensbeziehung zu diesem Ort seiner Jugend, der ihn am Landestheater mit Wagner bekannt gemacht hatte und wo seine Mutter begraben lag. Linz im »Gau Oberdonau« sollte das ihm verhasste Wien übertrumpfen und bis spätestens 1955, so der Plan, eine marmorne NS-Musterstadt werden: mit 500 Meter langem Gauleitungspalast, Kraft-durch-Freude-Hotel, Aufmarschplatz für Hunderttausende, Glockenturm-Mausoleum, Gaufesthalle, Napola und Kreisschulungsburg entlang der Donau. Eine arkadengesäumte Prunkchaussee, heimelig »Unter den Lauben« genannt, hätte zum »Führermuseum« geleitet, für das Hitler im »Sonderauftrag Linz« Tausende Gemälde und Objekte in den kriegsbesetzten Ländern zusammenraffen ließ. Durch dubiose Kunsthandelsankäufe oder direkte Beschlagnahme jüdischen Privatbesitzes sollte die Stadt eine Kunstsammlung erhalten, die sich mit Florenz und Dresden hätte messen können. Die Rembrandts, Canalettos, Vermeers und Spitzwegs für Linz, in Bergwerksstollen eingelagert, gelangten ebenso wenig je an ihr Ziel, wie die hybride Donauverbauung realisiert wurde: Nur der Diktator selbst grübelte in seinem Führerbunker noch immer über seinen Linzer Utopien und Architekturmodellen, als die Rote Armee schon Berlin zusammenschoss.
Linz ist dennoch mehr als anderen Städten geblieben vom problematischen nationalsozialistischen Architekturerbe: neben den klobigen neoklassizistischen Brückenkopfgebäuden und der Nibelungenbrücke die verzweigten Luftschutzstollen und die im ganzen Stadtgebiet auffindbaren Arbeiterwohnblocks aus der NS-Zeit, die von Zwangsarbeitern und KZ-Insassen der nahen Todeslager Mauthausen und Gusen errichtet wurden. Der Granit aus den Mauthausener Steinbrüchen, in denen an die hunderttausend Häftlinge starben, ist im Linzer Stadtbild vielfach präsent, und der gegenwärtige Wohlstand der Industriestadt fußt nicht zuletzt auf den Hermann-Göring-Werken, einer der wichtigsten Panzerschmieden des Reichs, aus der später die staatseigenen Vereinigten Österreichischen Stahlwerke, die Voest, hervorgingen, heute längst als Voestalpine AG privatisiert. Linz hat diese Vergangenheit nicht schamvoll verschwiegen, sondern sich ihr offensiv gestellt: Das Stadtarchiv hat eine Fülle schonungsloser Dokumentationen zur braunen Ära publiziert. Umso bedauerlicher, dass die fürs Jahr 2009 so wichtige Ausstellung Kulturhauptstadt des Führers schon im März schließt.
Ein Nazibau immerhin ist heute optimal genutzt: Im rechten Brückenkopfgebäude des Hitler-Architekten Roderich Fick sitzt die munter-progressive Linzer Kunstuniversität mit ihren rund tausend Studenten, die samt drei anderen Hochschulen die ehemals behäbige Kleinbürgerstadt angenehm verjüngt. Die Kunsteleven treffen sich gern im Café Grand Hotel Rother Krebs gleich nebenan, einem etwas gerümpeligen, aber großzügigen Kaffeehaus, Musik- und Szeneplatz heutiger Stahlstadtkinder wie das Kapu oder das Café Strom. Wichtigster Ort der Avantgardekunst ist das OK, das Offene Kulturhaus mit seinen Ausstellungsräumen, Ateliers, seinem Programmkino und dem stets rammelvollen Lokal Gelbes Krokodil.
Junge Linzer waren es auch, Architekten und Designer, die für 2009 die Idee der »Pixel-Hotels« hatten. Da wohnt der Gast in für die Hotellerie zuvor nicht vorgesehenen Quartieren stadtweit. In einer ehemaligen Hinterhof-Tischlereiwerkstatt zum Beispiel, hundert Quadratmeter mit Industrieglastüren, Gussasphaltboden und aufgebocktem Sechziger-Jahre-Wohnwagen mitten im Raum, seine Kleider hängt man in den alten Lastenaufzug. Oder man haust auf einem Donaukahn im Hafengebiet oder in der vormaligen Linzer Volksküche, heute Architekturzentrum mit Artists-in-Residence-Ateliers. Authentisches Alltagsleben soll erfahrbar werden, also muss der Pixelgast schon zum Frühstück mit Gutscheinen hinaus in die Lokalitäten der Nachbarschaft, meist Linzer Insidertipps, die ein Tourist nicht automatisch findet.
Rund ums Pixel am Wimhölzelplatz, abseits vom Zentrum im heute stark migrantisch geprägten Franckviertel gelegen, finden sich eher Plusmarkt und Billigbäcker als Kaffeehausbehagen. Zum Glück ist der Südbahnhofmarkt nicht fern, mit seinen Ständen und Schmankerlbuden der Lieblingsmarkt der Linzer. Das Franckviertel, gezwängt zwischen Stadtautobahn, Güterbahngleise und Fabrikzone, ist von jeher proletarisches Linz. Der ganze Süden entstand als Heimstatt der Stahl- und Chemiewerker erst mit der massiven Industrialisierung nach dem »Anschluss« von 1938. Die massigen Wohnhöfe der Hitlerzeit, die Mietblocks der Nachkriegsära in den »Grätzln« Bindermichl und Spallerhof – Stahlstadt- und »Voestler«-Feeling, hier lässt sich die Atmosphäre der traditionellen Arbeiterstadt noch deutlich spüren. Nirgendwo in Österreich, so heißt es, stehen bis heute solche Unmengen eifrig genutzter Wäschestangen wie in den weitläufig ummauerten Wohnhöfen der Linzer Gemeindebauten. Anlässlich von »Linz 09« werden etliche mit Happenings und Viertel-Festivitäten »bespielt«. Kulturhauptstadtgäste sind willkommen: Sie sollen sich auch ins Alltags-Linz der kunstfernen Vorstadtsiedlungen, der Hafen- und Fabrikareale wagen.
Am Abend scheint der Himmel über dem ehemaligen Auengebiet der Lustenau manchmal in Flammen zu stehen, wenn einer der Hochöfen angestochen wird und das glühend heiße, flüssige Roheisen ins Freie gelangt. Endlos zieht sich die »Industriezeile« am heutigen Industrierevier entlang, das doppelt so groß ist wie die Innenstadt. An den Hafenbecken, wo »Linz 09« in der neu errichteten »Hafenhalle« wichtige Theaterereignisse zeigen wird, an Containerhöfen, Frachtbahnhofgleisen, den immer noch weiß dampfenden, aber heute emissionsbereinigten Schloten von Chemie Linz und Voestalpine AG. Das Unternehmen bietet mit der »Expedition Voestalpine« regelmäßig eine Werkstour durch die aufregende Welt der Stahlproduktion an – nach der Hitze im Warmwalzwerk und in Hochofennähe (Stahlarbeiter müssen pro Achtstundenschicht zwölf Liter Wasser trinken) werden sich auch die Besucher auf ein Bier und einen Steckerlfisch beim Lahmer Franz in der Estermannstraße freuen. Das ist eine der verschrobensten Linzer Idyllen, eine Insel mitten im Industrierevier, ein buschumstandenes altes Bauernhöflein mit Wiese und Gemüsegärtchen drumherum zwischen Kfz-Betrieben und Speditionsfirmen, das Zuhause der letzten Linzer Donaufischerfamilie.
Die Barben und Hechte kann man ebenso unbesorgt verspeisen, wie man an zwei innerstädtischen Stränden heute wieder in die Donau hüpfen darf. Das Flusswasser hat am industriellen Standort Linz die Güteklasse der Salzkammergutseen, und die Luft ist die reinste aller österreichischen Landeshauptstädte. »Das ist es, was Linz zum Unikat macht«, sagt Martin Heller, 56, als Intendant des Kulturhauptstadtjahres Schweizer Import und mittlerweile von einer starken Neigung zur Donaustadt erfasst, »dieses Ineinander aus funktionierender Industrie, pragmatischem Mut zu kultureller Innovation und einer erstaunlich intakten und reichhaltigen Stadtnatur.« Die dicht bewaldeten Steilhänge am Donauufer fingern bis ins Zentrum, die kuppige Bauernlandszenerie des Mühlviertels lappt ebenfalls über die nördlichen Stadtgrenzen herein, und in manchen Altwasserbrachen der Industriezone nistet der Eisvogel. Das schönste Stück Natur in Linz aber ist das große Wasser selbst, die weite, freie Leerstelle mitten in der Stadt. Nächstes Mal, so nimmt man sich vor, wird man mit der bayerischen Reederei Wurm & Köck auf Donauwellen daherschaukeln, durch die Engen und Windungen von Passau her, und dann aber nicht durchrauschen bis Wien oder Budapest, sondern, für ein paar Tage wenigstens, des kuriosen Dichters Fritz von Herzmanovsky-Orlando Zeilen beherzigen: »Ihr seht, voll Kurzweil ist das Linzer Treiben / Drum auf nach Linz, und lasst uns dorten bleiben.«
INFORMATION
Kulturhauptstadt 2009: Das Programmbuch kann für 19 Euro im Buchhandel oder beim Linz-09-Infocenter bestellt werden, Hauptplatz 5, A-4020 Linz, Tel. 0043-732/70702009, www.linz.at/tourismus . Im Internet steht das Programm unter www.linz09.at
Übernachten: Hotel Landgraf, Hauptstraße 12, Tel. 0043-70/700712, www.hotellandgraf.com . Angenehmes Designerhotel mit großzügigen Zimmern im Gründerzeit-Bürgerhaus gleich bei der Nibelungenbrücke, großes Café im Haus. ÜF von 92 (EZ) bis 225 Euro (Suite); Pixel-Hotel, Altstadt 28, Tel. 0043-650/ 7437953, www.pixelhotel.at. Pro Wohnung inklusive Frühstücksbon und Linz-Linien-Ticket ab 85 Euro für eine Person, ab 110 Euro für zwei Personen; Austria Classic Hotel Wolfinger, Hauptplatz 19, Tel. 0043-732/7732910, www.hotelwolfinger.at . Gotisch-barockes Haus mit Arkadeninnenhof in zentraler Lage. DZ mit Frühstück ab 126 Euro
Einkehren: Wagnerei, Pfarrgasse 18, Tel. 0043-732/918989, www.wagnerei.at . Schön renoviertes Altstadtlokal mit kreativer österreichischer Küche, Mo Ruhetag; Alte Welt, Hauptplatz 4, Tel. 0043-732/770053, www.altewelt.at . Uriges Gewölbelokal mit historischem Innenhof, deftige Kost; Pöstlingberg-Schlössl, Am Pöstlingberg 14, Tel.0043-732/716633, www.poestling berg.at . Jahrhundertwende-Villa hoch über Linz mit Aussichtsterrasse und prächtigem Jugendstilrestaurant; lohnend sind viele Linzer Kaffeehäuser, wie das Designcafé des Lentos-Museums
Ansehen: Ein Klassiker ist die Fahrt mit dem Pöstlingberg-Bähnchen zur gleichnamigen Wallfahrtskirche mit toller Aussicht. Sehenswert ist dort oben auch die skurril-nostalgische Grottenbahn mit ihren Zwergen- und Märchenszenen, eine Vor-Disney-Kinderwelt. Ein verstecktes Idyll sind die Gassen, Fischerhäuschen und Bauerngärten des dörflichen Alt-Urfahr, mit schönen Biergärten zur Donau (Fußweg über den Vorplatz Neues Rathaus, Hauptstraße)
- Datum 31.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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