Martenstein "Charakterlich ist 2009 der letzte Dreck"

Unser Kolumnist trauert dem zu Ende neigenden Jahr nach und bekundet schon jetzt seinen Hass auf das Image des Jahres 2009

Das Jahr 2009 ist das erste Jahr, von all den Jahren, an die ich mich erinnern kann, bei dem es von vornherein heißt: Kopf einziehen. Das wird ein mieses Jahr. Kinder, schnallt euch an, es wird fürchterlich.

Normalerweise werden neue Jahre in der Silvesternacht freundlich willkommen geheißen, man ruft ihnen fröhlich »Prosit!« zu wie einem Kumpel. Das neue Jahr hat halt noch nichts ausgefressen, es ist wie eine neue Chefin. Man gibt ihm erst einmal eine Chance, man hegt Hoffnungen. Diesmal nicht. 2009 taugt nichts. Man sieht auf den ersten Blick: ein Scheißjahr. Verschlagener Blick, Gangstervisage. Karierte Krawatte mit Streifen. Kein Niveau, keine Herzensbildung, kein Geschmack. Ökonomisch, monetär, konjunkturell und charakterlich ist 2009 der letzte Dreck.

Alle sagen es, alle wissen es. Alle schreiben es. Dieses Jahr stiehlt uns unser Geld. Es macht unsere Jobs kaputt und ruiniert das Klima. 2009 sabbert, 2009 stinkt aus dem Mund.

Ich will 2008 behalten. 2008 war alles in allem okay, für mich persönlich war 2008 jedenfalls deutlich besser als 2007. Ich will dieses neue Jahr ganz einfach nicht. Nicht von vorne, nicht von hinten. Es kotzt mich an, bevor ich es überhaupt sehe. Annahme verweigert. Return to sender. Um Mitternacht werde ich das neue Jahr, im Garten stehend, mit Abfällen, Fäkalien und Essensresten bewerfen. Ich werde rufen: »Ein Feuerwerk kriegst du nicht, nicht du! Hau ab, Schlampe! Fick dich ins Knie!«

Ja sicher, man muss in solchen Situationen manchmal derb sein. Vulgär, aber von der Botschaft her deutlich, auch wenn es wieder Leserbriefe gibt. In anderen Hochkulturen werden böse Geister symbolisch verbrannt. In meiner Kultur werden böse Geister mit Fäkalien beworfen.

2009 holt das Mieseste aus mir heraus, den Bodensatz. Mein Gott – wie ich dieses Jahr hasse. 2009 macht alles kaputt, was wir uns mühsam aufgebaut haben, unsere Träume, die Investitionen und die guten Worte, die Kolumnen, in denen ich, von 2002 bis 2008, gefasst und vernünftig und halbwegs konzise war. 2009, warum? Geh in Therapie. Lass dich behandeln. Wer hat dich so destruktiv und böse gemacht? Nimmst du Drogen? Lass dich sterilisieren, damit sich so was nicht fortpflanzt.

Sicher, nicht alle Prophezeiungen treffen ein. Es gibt Bücher, in denen man die wirtschaftlichen und politischen Prognosen der Vergangenheit und die Voraussagen zum Beispiel der Bevölkerungszahl nachlesen kann, das stimmte alles nicht im Geringsten. Es sind Witzbücher. Ich verrate Ihnen jetzt mal ein Geheimnis, Madame. Die Zukunft kann man in Wirklichkeit gar nicht vorhersagen. Niemand kann es. Die Zukunft setzt sich aus zu vielen verschiedenen Faktoren zusammen, verstehen Sie? 2009 könnte, rein faktisch, ein relativ normales Jahr werden, untere Mittelklasse. Aber das Image ist schon jetzt völlig kaputt. Selbst wenn ich 2009 den Nobelpreis bekomme, es ist und bleibt ein mieses Jahr.

Auf den großen Plätzen werden die Menschen versuchen, 2009 zu verhindern, zumindest symbolisch. Vielleicht werden sie am Times Square ein Tau um den Uhrzeiger binden und auf diese Weise 2009 eine Viertelstunde lang blockieren. Aber es hilft nichts. Wir müssen da durch. Wir müssen uns vorbereiten. 2009 soll ruhig kommen! Wenn 2009 mich auch nur ein einziges Mal krumm anguckt, kriegt es von mir sofort eins auf die Mütze. Ansatzlos. Ich poliere 2009 die Fresse. Ich ramme 2009 unangespitzt in den Boden, sofort, noch in der Silvesternacht. I’ll kill that bitch.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. für ein krankes Zeug??

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ich denke Herr Mertenstein veranschaulicht auf ironische Weise, dass diese gesamte aufgebuaschte bullshitery (o. panikmache) ziemlich lustig sein kann, wenn man es aus einem etwas "freieren" Blickwinkel betrachtet, zu dem besagter Author zu meinem Vergnügen anscheinend im Gegensatz zu Ihnen "tigurnius" in der Lage ist. ;-)

    Ich denke mal:
    Termindruck, Kater von letzter Nacht, die Frau trotz Anbaggerns nicht gekriegt, die Kaffeemaschine ist auch kaputt - und irgendwie muß das Blatt doch vollzukriegen sein.

    Fängt ja gut an dieses 2009

    ich denke Herr Mertenstein veranschaulicht auf ironische Weise, dass diese gesamte aufgebuaschte bullshitery (o. panikmache) ziemlich lustig sein kann, wenn man es aus einem etwas "freieren" Blickwinkel betrachtet, zu dem besagter Author zu meinem Vergnügen anscheinend im Gegensatz zu Ihnen "tigurnius" in der Lage ist. ;-)

    Ich denke mal:
    Termindruck, Kater von letzter Nacht, die Frau trotz Anbaggerns nicht gekriegt, die Kaffeemaschine ist auch kaputt - und irgendwie muß das Blatt doch vollzukriegen sein.

    Fängt ja gut an dieses 2009

  2. ich denke Herr Mertenstein veranschaulicht auf ironische Weise, dass diese gesamte aufgebuaschte bullshitery (o. panikmache) ziemlich lustig sein kann, wenn man es aus einem etwas "freieren" Blickwinkel betrachtet, zu dem besagter Author zu meinem Vergnügen anscheinend im Gegensatz zu Ihnen "tigurnius" in der Lage ist. ;-)

    Antwort auf "Was ist das"
  3. Ich denke mal:
    Termindruck, Kater von letzter Nacht, die Frau trotz Anbaggerns nicht gekriegt, die Kaffeemaschine ist auch kaputt - und irgendwie muß das Blatt doch vollzukriegen sein.

    Fängt ja gut an dieses 2009

    Antwort auf "Was ist das"
  4. 4. 2009

    ganz großes kino verehrter herr martenstein.

    das jahr soll mal schön auf dem teppich bleiben, wir haben da schon ganz anderes mitgemacht.

    nur weiter so, ein exzellenter start.

  5. Woher kommt die Frustration Herr Martenstein? Ist das Ihre Meinung oder eine Reflexion der Themen, die die Medien in Dauerschleife bringen?

  6. ...eine Zahl,wenns Sie so gar nicht damit zurechtkommen dann einfach ignorieren,da kann man nix falsch machen
    andere Lösung
    überspringen,indem man sich vielleicht auf einen der schmelzenden Pole zurückzieht :-/
    ein gutes neues !

    • aadam
    • 02.01.2009 um 13:54 Uhr

    ... ist vor allem, wieviele ZEIT-Leser so einen einfachen, wenn auch gemessen am Inhalt etwas lang geratenen, Text nicht verstehen.
    Naja, ich brauch 2009 auch nicht, aber was solls, Augen zu und durch.

  7. Ok, ich habe ein Faible für Außenseiter. Aber auch unabhängig davon habe ich ein sehr gutes Gefühl für 2009! Ich hatte auch ein gutes 2008, aber ich freue mich auf 2009, denn es wird anders. Es wird eine großartige Zeit, in der wir viel Altes hinter uns lassen können. Vielleicht loslassen müssen. Aber wenn man das "müssen" etwas freiwilliger angeht, macht es echt Laune. Herr Martenstein, auf dass Sie trotzdem Ihren Trotz geniessen können :)

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  • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
  • Kommentare 12
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