Herzenslust
Damals: Dezember 1955
Es ist nicht schwer, gute Vorsätze fürs neue Jahr zu fassen, wenn man im alten nach Herzenslust gesündigt hat. Damals in Hamburg machte Verzicht noch Spaß, denn man wusste ja, wie lustig nachher das Leben weitergehen würde. Damals tanzte man noch zum Jazz, trank einen über den Durst, rauchte ohne Filter, und wenn die Musik Pause machte, küssten die Männer die Mädchen mit Wagemut. Es gab zwar auch Verbote, aber noch keinen Gesundheitswahn, keine Fitnessstudios. An eine Erhöhung der Alkoholpreise wagten die Politiker kurz vor Jahresende nicht einmal zu denken. Wer sich die verqualmten Bilder anschaut, findet, dass uns Heutigen das Bewusstsein von der Notwendigkeit kollektiven Amüsements fehlt. Wir müssen erst wieder lernen, was schon Spinoza wusste: »Lust ist unmittelbar nicht schlecht, sondern gut; Unlust hingegen ist unmittelbar schlecht.« EF
Fotos: bpk; action press (u.)
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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