Wie auch immer die Geschichtsbücher die Ära Obama einmal bewerten mögen: Allein sein Sieg symbolisiert einen Schritt aus dem Schatten jenes Mannes, der unser Sein und Bewusstsein nachhaltiger geprägt hat als jeder politische Führer. Es war Charles Darwin, der den Menschen ihre natürliche Herkunft erklärte und »eine Zukunft von riesiger Dauer« prophezeite, in der sie »immer mehr nach Vervollkommnung streben«. Aber es war auch Darwin, der das Schicksal seiner Spezies dem Primat der Biologie unterwarf und ihrer Entwicklung damit einen gewaltigen Stolperstein in den Weg schob. Seine Evolutionstheorie leistete und leistet einem Denken Vorschub, das die Wahl eines Halbschwarzen aus kleinen Verhältnissen zum mächtigsten Politiker der Welt noch vor Kurzem utopisch erscheinen ließ.

Darwins Schatten überragt seinen Namen um genau fünf Buchstaben: ismus. Sie trennen Wissenschaft von Weltanschauung, Idee von Ideologie, Biologie von Biologismus. Keinem Naturforscher seines Ranges, keinem Newton, Einstein oder Heisenberg wurde je die Ehre zuteil, als Begründer eines Ismus in die Geschichte einzugehen. Doch dafür zahlt Darwin posthum einen hohen Preis: Unter Biologen gehört es zwar nach wie vor zum guten Ton, sich als Anhänger seiner Theorien zu bekennen und damit vom Kreationismus abzugrenzen. Im gängigen Sprachgebrauch jedoch steht Darwinismus für Sozialdarwinismus, für Ellbogen und das Recht des Stärkeren im allgegenwärtigen Verdrängungswettbewerb. Wer jemand anderen einen Darwinisten nennt, meint das in der Regel nicht freundlich. Je darwinistischer eine Gesellschaft daherkommt, desto egoistischer, unsozialer, kälter steht sie da.

Wenn in diesen Tagen von einer Krise der Märkte, ja des Kapitalismus die Rede ist, dann steckt dahinter auch die Krise eines Darwinismus der Konkurrenz und Eigensucht – und zwar nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Biologie. Für den Freiburger Neurobiologen Joachim Bauer ist »der Darwinismus mittlerweile zu einer Art Albtraum geworden«. Der Physiker und Zivilisationsforscher Freeman Dyson ruft »das Ende des Darwinschen Zeitalters« aus. Und Jürgen Habermas erklärt die »sozialdarwinistisch enthemmte Weltpolitik« zum Ausläufermodell.

Das Leben von Charles Darwin in Bildern © Hulton Archive/Getty Images

Aber was hat Darwin damit zu tun? Werden ihm die fünf Buchstaben unverdient angehängt, oder trägt der (Sozial-)Darwinismus seinen Namen zu Recht? Unterliegen Gesellschaften tatsächlich seinem biologischen Grundgesetz, oder wirken im menschlichen Miteinander Mechanismen jenseits der Biologie? Wie viel Schuld trägt Darwin daran, dass er wie kein zweiter Wissenschaftler zur Reizfigur geworden ist?

Seine historische Leistung ist unbestritten: Als Erster formulierte Darwin eine weltumspannende Theorie des Lebens. Er beschrieb die kreative Kraft des Todes, ohne den es keinen evolutionären Fortschritt gäbe. Er stellte die menschliche Existenz auf eine natürliche, materielle Grundlage. Seit Veröffentlichung seiner Evolutionslehre wissen wir, was die Welt des Lebendigen im Innersten zusammenhält: ihre Entwicklungsgeschichte.

Nach der Theorie der »gemeinsamen Abstammung«, Darwins bleibendem Vermächtnis, gehen alle Kreaturen auf ein und denselben Ursprung zurück. Indem er einen plausiblen Mechanismus für den Evolutionsvorgang lieferte, forderte er wie keiner vor ihm die Schöpfungsgeschichte heraus, das zu seiner Zeit gängige Erklärungsmodell für den Ursprung der Arten. Nicht ein planender Gott hat Darwin zufolge die überbordende Vielfalt des Lebens erschaffen, sondern ein planloser Prozess namens »natürliche Auslese«, in dem sich Zufall und Notwendigkeit produktiv ergänzen.