150 Jahre "Entstehung der Arten" Danke, Darwin!

Seine Evolutionstheorie war revolutionär, Darwinismus dagegen ist heute ein Schimpfwort. Was wurde aus dem Erbe des großen Biologen?

Wie auch immer die Geschichtsbücher die Ära Obama einmal bewerten mögen: Allein sein Sieg symbolisiert einen Schritt aus dem Schatten jenes Mannes, der unser Sein und Bewusstsein nachhaltiger geprägt hat als jeder politische Führer. Es war Charles Darwin, der den Menschen ihre natürliche Herkunft erklärte und »eine Zukunft von riesiger Dauer« prophezeite, in der sie »immer mehr nach Vervollkommnung streben«. Aber es war auch Darwin, der das Schicksal seiner Spezies dem Primat der Biologie unterwarf und ihrer Entwicklung damit einen gewaltigen Stolperstein in den Weg schob. Seine Evolutionstheorie leistete und leistet einem Denken Vorschub, das die Wahl eines Halbschwarzen aus kleinen Verhältnissen zum mächtigsten Politiker der Welt noch vor Kurzem utopisch erscheinen ließ.

Darwins Schatten überragt seinen Namen um genau fünf Buchstaben: ismus. Sie trennen Wissenschaft von Weltanschauung, Idee von Ideologie, Biologie von Biologismus. Keinem Naturforscher seines Ranges, keinem Newton, Einstein oder Heisenberg wurde je die Ehre zuteil, als Begründer eines Ismus in die Geschichte einzugehen. Doch dafür zahlt Darwin posthum einen hohen Preis: Unter Biologen gehört es zwar nach wie vor zum guten Ton, sich als Anhänger seiner Theorien zu bekennen und damit vom Kreationismus abzugrenzen. Im gängigen Sprachgebrauch jedoch steht Darwinismus für Sozialdarwinismus, für Ellbogen und das Recht des Stärkeren im allgegenwärtigen Verdrängungswettbewerb. Wer jemand anderen einen Darwinisten nennt, meint das in der Regel nicht freundlich. Je darwinistischer eine Gesellschaft daherkommt, desto egoistischer, unsozialer, kälter steht sie da.

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Wenn in diesen Tagen von einer Krise der Märkte, ja des Kapitalismus die Rede ist, dann steckt dahinter auch die Krise eines Darwinismus der Konkurrenz und Eigensucht – und zwar nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Biologie. Für den Freiburger Neurobiologen Joachim Bauer ist »der Darwinismus mittlerweile zu einer Art Albtraum geworden«. Der Physiker und Zivilisationsforscher Freeman Dyson ruft »das Ende des Darwinschen Zeitalters« aus. Und Jürgen Habermas erklärt die »sozialdarwinistisch enthemmte Weltpolitik« zum Ausläufermodell.

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Das Leben von Charles Darwin in Bildern

Das Leben von Charles Darwin in Bildern

Aber was hat Darwin damit zu tun? Werden ihm die fünf Buchstaben unverdient angehängt, oder trägt der (Sozial-)Darwinismus seinen Namen zu Recht? Unterliegen Gesellschaften tatsächlich seinem biologischen Grundgesetz, oder wirken im menschlichen Miteinander Mechanismen jenseits der Biologie? Wie viel Schuld trägt Darwin daran, dass er wie kein zweiter Wissenschaftler zur Reizfigur geworden ist?

Seine historische Leistung ist unbestritten: Als Erster formulierte Darwin eine weltumspannende Theorie des Lebens. Er beschrieb die kreative Kraft des Todes, ohne den es keinen evolutionären Fortschritt gäbe. Er stellte die menschliche Existenz auf eine natürliche, materielle Grundlage. Seit Veröffentlichung seiner Evolutionslehre wissen wir, was die Welt des Lebendigen im Innersten zusammenhält: ihre Entwicklungsgeschichte.

Nach der Theorie der »gemeinsamen Abstammung«, Darwins bleibendem Vermächtnis, gehen alle Kreaturen auf ein und denselben Ursprung zurück. Indem er einen plausiblen Mechanismus für den Evolutionsvorgang lieferte, forderte er wie keiner vor ihm die Schöpfungsgeschichte heraus, das zu seiner Zeit gängige Erklärungsmodell für den Ursprung der Arten. Nicht ein planender Gott hat Darwin zufolge die überbordende Vielfalt des Lebens erschaffen, sondern ein planloser Prozess namens »natürliche Auslese«, in dem sich Zufall und Notwendigkeit produktiv ergänzen.

Leser-Kommentare
  1. ...auch wenn Heerscharen kuscheliger Sozialromantiker das nicht wahrhaben wollen und meinen, Sie könnten durch ihre Tiraden etwas an einem der Grundsysteme menschlicher Existenz ändern.

    Was den Menschen vom Tier abhebt, ist seine Fähigkeit, zu Kooperieren und altruistisch zu handeln, auch wenn man über die Nutzenkomponenten bei letzterem streiten kann.

    Unter Ausnutzung dieser Faktoren sowie einer Menge individueller Fähigkeiten wird zwar nicht die Fortpflanzung an und für sich sichergestellt -das funktioniert heute bei (fast) allen-, aber als "Ersatz" die Position / Rolle innerhalb des Sozialsystems festgelegt. Ein schöner Indikator dafür, dass dieser bunte Strauß von Fähigkeiten notwendig ist, um es "nach oben" zu schaffen, ist die Tatsache, dass diese Fähigkeiten sozial vererbt werden und von Generation zu Generation dafür sorgen, dass die Nachkommen einer Linie fast immer ihren Vorfahren folgend "nach oben" gelangen, während diejenigen, die keine Möglichkeit hatten, sich diese Fähigkeiten anzueignen, fast immer "unten" bleiben.

    Die soziale Migration ist im Aggregat eine Legende, in Einzelfällen kommt sie vor und - sie wird seltener.

    Es ist letztlich genau Darwinismus, nur dass es nicht mehr nur um genetische, sondern im Wesentlichen auch um soziale Merkmale geht, die bei der Selektion eine Rolle spielen.

    • TDU
    • 01.01.2009 um 15:44 Uhr
    2. -isten

    Sehr interessante und recht umfassende Abhandlung, die sich zu vertiefen lohnt.

    Diese Auseinandersetzung über die Ideologisierung die als Darwinismus und Kreationismus daherkommt, ist allerdings überflüssig aber normal. Darwins Ablehnung von Gott hatte übrigens in erster Linie mit dem Tod seiner Tochter zu tun, glaubt man dem Bericht im ZDF von letztem Sonntag. (Ein erstaunlich simpler Gottesbegriff übrigens). Er selbst hat sich mit Vereinbarkeit seiner Erkenntnisse mit dem Glauben an Gott nur so weit auseinander gesetzt, als er sich auch zugunsten seiner Angehörigen jahrelang nicht mit der Kirche anlegen wollte und deswegen seine Erkenntnisse erst mit Wallace veröffentlicht hat, (sinngemäß ebenfalls ZDF).

    Der Gebrauch seiner Erkenntnisse durch Machthaber oder andere kleine Despoten, nämlich das Vernichten anderer als Selbstrechtfertigung im Namen des Rechtes des Stärkeren, ist für die Diskussion ebenfalls obsolet. Und kommt man jetzt mit oder ohne Darwin zur sozialen Kompetenz als Grundlage für das Überleben, werden einige schon daran arbeiten, diese als Disziplinierungsmittel zu etablieren.

    Insofern ist jede Ideologiesierung einer Erkenntnis abzulehnen. Die Wissenschaftler selbst würden sie als Erste hinterfragen, getreu dem Grundsatz: Jede Antwort wirft neue Fragen auf. Aber viele Menschen, Machthaber oder Mitläufer, brauchen halt immer letzte Antworten, da unterscheidet sich der Stammtisch nicht vom akademischen Zirkel.

  2. Leider hat Herr Neffe die Chance zur gerechten Würdigung von Darwins Verdiensten und die Chance zu einer immer noch notwendigen, klärenden Betrachtung des Verhältnisses von Natur und Kultur vertan.

    Beispielhaft sei folgendes Zitat herausgegriffen: “Jedenfalls spielt die biologische neben der ungleich effektiveren kulturellen Evolution kaum eine nennenswerte Rolle.“

    Das Prinzip der natürlichen Selektion bewirkte die biologische Entwicklung der Arten einschließlich der des Menschen. Wenn dieses Prinzip etwas wirklich gut erklären kann, dann Eines: Die Entwicklung dessen, was allen Menschen (als Art) gemeinsam ist - das Universelle. Und zwar auf biologischer und psychologischer Ebene (also z.B. auch das Repertoire von emotionsbasierten Grundantrieben und den korrespondierenden geistigen Grundwerten von Herrn Neffe). Aber auch zur Erklärung von Unterschieden zwischen den Geschlechtern taugt das Prinzip.

    Das Nachdenken darüber, was den Menschen als (biopsychologische) Art ausmacht, ist der einzige Weg, herauszufinden, wie man sich den Mitmenschen gegenüber grundsätzlich gerecht verhalten kann. Und diese Besinnung scheint in der heutigen Zeit wohl wieder dringlicher geboten zu sein. Die evolutionäre Psychologie wird dabei eine wichtige Rolle spielen können.

    Zur universellen Ausstattung des Menschen (die natürlich variiert) gehören auch die evolvierten Mechanismen, die individuelle und kulturelle Entwicklung ermöglichen. Die universelle Ausstattung des Menschen stellt gewissermaßen das Spielfeld und die grundlegenden Spielregeln bereit für die individuelle und kulturelle Sphäre. Und offensichtlich hat die Evolution den Menschen zu einem sehr kulturbegabten Wesen werden lassen. Vielen Dank biologische Evolution. Vielen Dank Darwin für diese Erkenntnis. Bei der Erklärung der Entwicklung konkreter Individuen und Kulturen haben Prinzipien der biologischen Entwicklung jedoch grundsätzlich nichts zu suchen.

    Es spricht geradezu von wissenschaftlichem Unverständnis, biologische und kulturelle Evolution miteinander zu vergleichen und kulturelle Evolution als „effizienter“ zu bezeichnen. Unsere universelle Ausstattung ist das Resultat eines Millionen von Jahren währenden Prozesses. Diese Entwicklung können wir nur denken und natürlich nicht direkt erleben. Aber wir denken, erleben und handeln mit Hilfe von „Organen“ oder „Werkzeugen“, die seit tausenden von Jahren unverändert existieren. Auch Herr Neffe. Und vielleicht ist es genau diese Tatsache, die Herr Neffe gefühlsmäßig noch etwas zu schaffen macht.

    Da kann es ihm helfen, auch noch den letzten Schritt zu tun und sich innerlich mit dem allergrößten Verdienst Darwins anzufreunden: Er hat uns gezeigt, dass es eine Kontinuität vom einfachsten Bakterium bis hin zum Menschen gibt; dass wir Menschen aus tierlichen Vorfahren hervorgegangen ist und – letztlich - , dass Mensch und Natur eine Einheit sind.

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    Ich stimme Ihnen in vielem zu, aber die Aussage "zur universellen Ausstattung des Menschen (die natürlich variiert)" ist logisch widersprüchlich. Universalität ist keine Sache des Grades, sondern binär d.h. es gilt entweder für alle oder es ist nicht universell. Sobald man eine Ausnahme hat, dann hat man die Universalität widerlegt. Und dann wird es unangenehm, denn nun muss man begründen warum man welche Eigenschaften als universell ansieht, obwohl sie es nicht sind und es sind doch wieder Wertungen erforderlich. Aber immer noch besser, als diese zu verstecken, wie in dem Zitat von Ihnen.

    Ich stimme Ihnen in vielem zu, aber die Aussage "zur universellen Ausstattung des Menschen (die natürlich variiert)" ist logisch widersprüchlich. Universalität ist keine Sache des Grades, sondern binär d.h. es gilt entweder für alle oder es ist nicht universell. Sobald man eine Ausnahme hat, dann hat man die Universalität widerlegt. Und dann wird es unangenehm, denn nun muss man begründen warum man welche Eigenschaften als universell ansieht, obwohl sie es nicht sind und es sind doch wieder Wertungen erforderlich. Aber immer noch besser, als diese zu verstecken, wie in dem Zitat von Ihnen.

  3. Ich stimme Ihnen in vielem zu, aber die Aussage "zur universellen Ausstattung des Menschen (die natürlich variiert)" ist logisch widersprüchlich. Universalität ist keine Sache des Grades, sondern binär d.h. es gilt entweder für alle oder es ist nicht universell. Sobald man eine Ausnahme hat, dann hat man die Universalität widerlegt. Und dann wird es unangenehm, denn nun muss man begründen warum man welche Eigenschaften als universell ansieht, obwohl sie es nicht sind und es sind doch wieder Wertungen erforderlich. Aber immer noch besser, als diese zu verstecken, wie in dem Zitat von Ihnen.

    Antwort auf "Chance vertan"
  4. Sie haben vollkommen Recht, denn meine Formulierung war missverständlich. Tatsächlich kann man von einer evolutionär entwickelten, universellen Ausstattung des Menschen (die notwendigerweise genetisch verankert sein muss) nur reden, wenn die Merkmale bei jedem Menschen zu beobachten sind. So besitzt z. B. jeder Mensch ein Gehirn, eine Leber oder eine Nase. Gemeint war die (natürliche) Variabilität des menschlichen Erbgutes. Diese führt zwar nicht dazu, dass es Menschen ohne Gehirn, Leber oder Nase gibt - mal abgesehen von seltenen Gendefekten - , bewirkt aber, dass alle Menschen (bis auf eineiige Zwillinge) etwas unterschiedliche Ausprägungen dieser Merkmale besitzen. Trotz der Variabilität sind die Merkmale aber universell.

  5. der autor schreibt: "Aber deshalb gleich zu behaupten, wir seien die Marionetten jener Gene, die sich bei unseren frühesten Vorfahren als vorteilhaft durchgesetzt haben, verleugnet den Einfluss von Zivilisation und Kultur.

    Genau dies machte im Prinzip der britische Biologe Richard Dawkins, als er 1976 die Debatte mit seiner gleichermaßen originellen wie gefährlichen Hypothese vom »egoistischen Gen« zuspitzte. »Wir sind Überlebensmaschinen – Roboter, die blind darauf programmiert sind, diese egoistischen kleinen Moleküle zu erhalten, die gemeinhin als Gene bekannt sind.« Damit folgte Dawkins direkt dem Gedanken des survival of the fittest: Die Gene, die uns formen, haben sich gegen alle anderen Konkurrenten durchgesetzt. Sie »kämpfen« gegeneinander in Form der Organismen, deren Eigenschaften sie bestimmen.

    In Wahrheit »machen« Gene aber nichts, genauso wenig wie Texte von sich aus etwas machen."

    leider muss man hier sagen: man sollte ueber autoren, die man nicht gelesen hat auch nicht schreiben. dawkins vertritt genau die gegenteilige meinung. es stimmt, dass dawkins den begriff "egositisches gen" gepraegt hat, er hat damit nur etwas anderes gemeint, als der begriff auf den ersten blick suggeriert. dawkins ansatz ist eine kritik der soziobiologie.

    dawkins schreibt: "In diesem Buch habe ich stets betont, daß wir uns die Gene nicht als bewußte, zielbewußte Handlungsträger vorstellen dürfen. Die blinde natürliche Selektion führt jedoch dazu, daß sie sich mehr oder weniger so verhalten, als ob sie eine Absicht verfolgten, und es war bequem, die Gene der Kürze halber in der Sprache der Absicht zu beschreiben. Wenn wir beispielsweise sagen: „Die Gene versuchen, ihre Zahl in zukünftigen Genpools zu vergrößern“, so meinen wir damit in Wirklichkeit: „Gene, die sich so verhalten, daß sie ihre Zahl in zukünftigen Genpools vergrößern, werden schließlich diejenigen sein, deren Wirkungen wir auf der Welt feststellen.“ So wie es sich als brauchbar erwiesen hat, daß wir uns die Gene als aktive Handlungsträger vorstellten, die zielbewußt auf ihr eigenes Überleben hinarbeiten, könnte es vielleicht nützlich sein, sich die Meme ebenfalls so vorzustellen. In keinem der beiden Fälle brauchen wir dabei geheimnisvoll zu werden. In beiden Fällen dient die Vorstellung der Absicht lediglich der Veranschaulichung, aber wir haben bereits gesehen, wie nützlich dieses Bild im Fall der Gene gewesen ist. Wir haben Bezeichnungen wie „eigennützig“ und „rücksichtslos“ auf die Gene angewandt und waren uns dabei völlig im klaren darüber, daß es sich lediglich um eine Sprachfigur handelt. Können wir, in genau dem gleichen Sinne, nach eigennützigen oder rücksichtslosen Memen Ausschau halten?" (Dawkins 2005: 315)

    am ende seines buches schreibt dawkins:

    "Wir haben die Macht, den egoistischen Genen unserer Geburt und, wenn nötig, auch den egoistischen Memen unserer Erziehung zu trotzen. Wir können sogar erörtern, auf welche Weise sich bewußt ein reiner, selbstloser Altruismus kultivieren und pflegen läßt – etwas, für das es in der Natur keinen Raum gibt, etwas, das es in der gesamten Geschichte der Welt nie zuvor gegeben hat. Wir sind als Genmaschinen gebaut und werden als Memmaschinen erzogen, aber wir haben die Macht, uns unseren Schöpfern entgegenzustellen. Als einziges Lebewesen auf der Erde können wir uns gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren auflehnen." (Dawkins 2005: 322)

    dawkins, ein soziobiologe? ja, vielleicht. er ist aber auf keinen fall ein anhaenger des soziobiologismus.

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    • allbay
    • 02.01.2009 um 11:44 Uhr

    Stimme Ihnen völlig zu. Leider wird Dawkins offensichtlich meist sehr schlampig gelesen. Aber da steht er ja nicht allein.

    • allbay
    • 02.01.2009 um 11:44 Uhr

    Stimme Ihnen völlig zu. Leider wird Dawkins offensichtlich meist sehr schlampig gelesen. Aber da steht er ja nicht allein.

  6. habe ich im vorherigen posting vergessen. die zitate stammen aus:

    Dawkins, Richard (2005): Das egoistische Gen, 7. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

  7. Der Mensch ist und bleibt Gefangener seines Körpers, dessen Form durch seine DNA bestimmt wird.
    Technischer Kulturfortschritt ermöglicht es uns, ins All zu fliegen. Wir können dort aber weder atmen noch dem Vakuum standhalten. Die Möglichkeiten des technischen Fortschritts sind also eine Tautologie : Durch technischen Fortschritt kann der Mensch im All leben, wenn die Technik es ermöglicht.

    Zurück auf der Erde, eine weitere Tautologie : Technischer Fortschritt ermöglicht es dem Menschen, über seine genetische Lebenserwartung hinaus alt zu werden. Das kulturelle Räsonement daraus lautet, daß alle Menschen die gleichen Chancen haben sollten, möglichst alt zu werden. Oder : Wir werden immer älter, weil wir immer älter werden können.
    Eine Folge dieser Kulturtautologien ist die Überbevölkerung der Erde mit unserer Spezies.
    Diese bezeugt gleichzeitig die Richtigkeit und die Fehler Darwins und Spencers : Kultur ermöglicht es dem Menschen über seine genetischen Grenzen hinauszuwachsen - aber nur für eine Zeit lang.
    Weil Kultur weder Hunger und Durst, noch Sexualtrieb und Spieltrieb, noch Aggression dauerhaft unterdrücken kann, nimmt sich die Natur früher oder später ihr Recht.
    Menschen, die zum Mond fliegen, sollten doch in der Lage sein, ihren Sexualtrieb zu kontrollieren. Menschen, die ihre Lebenserwartung innerhalb von 100 Jahren fast verdoppeln, sollten doch ihre Aggressionen kontrollieren können und in Frieden zusammenleben. Können sie aber nicht !

    Auf die Frage, was den Menschen stärker kontrolliert, genetische Evolution oder kulturelle Evolution, weisen alle Fakten eindeutig auf unsere Gene.

    Es ist eine gefährliche Illusion, den Menschen seinen kulturellen Errungenschaften gleichzusetzen.

    Die Wahl Barack Obamas zum U.S. Präsidenten, heißt nicht, daß eine Mehrheit seiner Wähler diesen Mann aus nächster Nähe trotzdem nicht riechen können - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, weil wir uns nach wie vor auf den Buttersäure-Geruch verlassen, wenn wir Menschen vertrauen oder nicht.

    Es ist durchaus möglich, daß Obama aus nächster Nähe für viele seiner Wähler weniger symphathisch wirkt, als bei Fernsehauftritten.

    Ist Kultur hier also wirklich der große Gleichmacher gewesen oder nur eine Illusion, die eine Zeitlang wirkt bevor die Natur wieder greift ?
    Die nächsten 5 Jahre unter Barack Obama werden es zeigen.

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    "Auf die Frage, was den Menschen stärker kontrolliert, genetische Evolution oder kulturelle Evolution, weisen alle Fakten eindeutig auf unsere Gene."

    das ist eine sehr starke these, die bisher schlicht unbelegt ist. welche fakten weisen eindeutig auf unsere gene? es geht mir hier nicht darum, zu behaupten, dass die gene keinen einfluss auf uns haetten. das waere unsinn. trotzdem konnte bisher noch kein biologe oder evolutionstheoretiker die von ihnen gemachte behauptung belegen.

    ein beispiel: menschen sind von "natur aus" aggressiv. die frage wie sie mit dieser aggressivitaet umgehen wird dagegen im feld der kultur gestellt.

    die debatte nature vs. nurture ist bedauerlicherweise extrem polarisiert. und das, obwohl es meiner kenntnis nach heute ueberhaupt niemanden gibt, der behaupten wuerden, dass man entweder alles kulturell oder alles von der natur her (ein begriff der heute ja schlicht sehr fraglich geworden ist) erklaeren koennte.

    "Auf die Frage, was den Menschen stärker kontrolliert, genetische Evolution oder kulturelle Evolution, weisen alle Fakten eindeutig auf unsere Gene."

    das ist eine sehr starke these, die bisher schlicht unbelegt ist. welche fakten weisen eindeutig auf unsere gene? es geht mir hier nicht darum, zu behaupten, dass die gene keinen einfluss auf uns haetten. das waere unsinn. trotzdem konnte bisher noch kein biologe oder evolutionstheoretiker die von ihnen gemachte behauptung belegen.

    ein beispiel: menschen sind von "natur aus" aggressiv. die frage wie sie mit dieser aggressivitaet umgehen wird dagegen im feld der kultur gestellt.

    die debatte nature vs. nurture ist bedauerlicherweise extrem polarisiert. und das, obwohl es meiner kenntnis nach heute ueberhaupt niemanden gibt, der behaupten wuerden, dass man entweder alles kulturell oder alles von der natur her (ein begriff der heute ja schlicht sehr fraglich geworden ist) erklaeren koennte.

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  • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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  • Schlagworte Wissenschaft | Evolution
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