Für George Beccaloni wird das Jahr 2009 eine Herausforderung. Während die Welt den 200. Geburtstag von Charles Darwin feiert, hat der Kurator am Londoner Natural History Museum sich vorgenommen, eine Schieflage in der Geschichtsschreibung der Evolutionsbiologie zu berichtigen: Darwin war nämlich weder der Einzige noch der Erste, der die Evolutionstheorie entwickelte. Zeitgleich mit ihm arbeiteten zahlreiche andere Forscher an derselben Idee, unter anderem Alfred Russel Wallace (ZEIT Nr. 44/08).
Vor einigen Jahren hat der 41-Jährige das Museum überredet, die Privatsammlung des großen Naturforschers von dessen Nachfahren zu kaufen: Tausende Briefe und Aufzeichnungen sowie zahllose Exemplare von Schmetterlingen und Insekten, die Wallace auf seinen Reisen durch das Amazonasgebiet und den indonesischen Archipel gesammelt hatte. »Der Personenkult um Darwin ist ungesund«, sagt Beccaloni, »er entspricht nicht den Tatsachen.«
George Beccaloni wirkt menschenscheu und spricht am liebsten über seine Arbeit. Als Kind deutscher und italienischer Einwanderer wuchs er in Kenia und Simbabwe auf und sammelte schon im Alter von zehn Jahren lieber Schmetterlinge, als mit seinen Schulfreunden zu raufen. Während des Zoologiestudiums in London entdeckte er eine neue Leidenschaft. »Eigentlich wollte ich über Schaben promovieren, aber es gab keinen Experten dafür, also bin ich selbst einer geworden«, sagt er mit bescheidenem Lächeln, während er durch die Insektensammlung des Natural History Museum geht. Hier lagern rund 28 Millionen Exemplare, sauber aufgespießt in hölzernen Schaukästen. Als Kurator für Gespenster-, Stab-, Spring- und Heuschrecken, Ohrwürmer, Grillen, Termiten und Schaben betreut Beccaloni rund eine Million Exemplare in diesem weltweit größten Artenarchiv.
Zielsicher öffnet er einen Stahlschrank nach dem anderen und präsentiert die Superlative seiner Sammlung. Dabei erzählt er von Kamikaze-Termiten, die sich gegen angreifende Ameisen wie Selbstmordattentäter in die Luft sprengen, um ihren Staat zu schützen. Und er erklärt, wieso der miese Ruf der Kakerlake ungerechtfertigt ist. »Von den 4500 Schabenarten, die es gibt, kommen nur 30 als Schädlinge im Haushalt vor. Die meisten leben als Einzelgänger.«
Eine Spezies hatte es ihm besonders angetan: die Fauchschabe aus Madagaskar. Für sie verbringt er sogar seinen Urlaub im südpazifischen Urwald. Das ist nicht sehr familienfreundlich, sollte man meinen. Aber Beccaloni hat Glück. »Für meine Frau Jane ist das der absolute Ferientraum«, sagt er. »Sie arbeitet auch hier am Museum – als Kuratorin für Spinnen.« John F. Jungclaussen
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- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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