Ein ganzes Netz voll neuer Arten – für Angelika Brandt erfüllte sich 2002 der Traum jedes Evolutionsbiologen. »Uns ist gleich aufgefallen, dass darin unheimlich viele unbekannte Tiere waren«, erinnert sich die Hamburger Zoologin an den Beutezug in der Antarktis.
Seegurken, Schwämme, Krebstierchen und Amöben zog Brandt mit ihren Forscherkollegen auf ihrer Polarexpedition aus dem antarktischen Weddellmeer. Keiner von ihnen hatte mit einem solchen Ergebnis gerechnet. An Land nimmt die Biodiversität mit schwindender Sonneneinstrahlung ab. In den Tropen tummeln sich unzählige Arten, während in den Polarregionen Pflanzen- und Tiergesellschaften ärmer werden. Darum waren die Forscher davon ausgegangen, auch in der antarktischen Tiefsee auf einen verarmten Lebensraum zu stoßen. Tatsächlich aber fanden sie Hunderte bis dahin völlig unbekannte Lebensformen.
Die Spuren der Evolution lassen sich an vielen dieser Tiere direkt ablesen. Immer wieder schob sich in der Antarktis das Eis vom Land ins Meer und zwang die Bewohner des flachen Kontinentalschelfs, in tiefere Regionen auszuweichen. »In der Tiefsee finden wir heute Tiere, deren Augen nur noch aus wenigen Zellen bestehen«, erklärt die Zoologin. »Diese Arten müssen vor langer Zeit vom Kontinentalschelf eingewandert sein, wo es noch Tageslicht gibt.« Denn bis in 5000 Meter Tiefe dringt kein Lichtstrahl mehr.
Auf dem Forschungsschiff Polarstern hat Brandt nicht nur Schleppnetze ausgeworfen, sondern auch viel Zeit damit verbracht, die Funde zu be stimmen – oft bei eisigen Temperaturen in der Kühlkammer, bekleidet mit Schal, Mütze und Handschuhen.
Die Arbeit im Labor ist unverzichtbar, um zu verstehen, wie die Arten aus der Tiefsee zu ihrer heutigen Verbreitung gelangt sind. Aus der Antarktis strömt Tiefenwasser in viele Teile der Weltmeere. Kleine Organismen werden einfach mitgeschwemmt. Wie weit die antarktischen Lebewesen sich bereits in der Welt verbreitet haben, zeigt die Erbgutanalyse einer Amöbe, die sich auch in der Tiefsee nördlich von Schottland findet. Die DNA der beiden Arten, sagt die Zoologin, sei praktisch identisch – ein klarer Hinweis darauf, dass die schottischen Amöben ihren Ursprung vor nicht allzu langer Zeit in der Antarktis nahmen.
Von einem vollständigen Stammbaum der antarktischen Artenvielfalt ist Angelika Brandt noch weit entfernt. »Von vielen Tieren haben wir nur ein Individuum, und das ist meistens auch noch kaputt«, klagt die 46-Jährige. Eines aber haben ihre Expeditionen gezeigt: In der antarktischen Tiefsee herrscht keineswegs gähnende Leere. Josephina Maier
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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