Der Stammbaum des Menschen steckt in kleinen, gelben Dateiordnern: einer für Sahelanthropus, einer für den Neandertaler, einer für den Hobbit von der Insel Flores, einer für Homo sapiens. So liegen sie auf der Computerfestplatte von Christoph Zollikofer, gefüllt mit Bilddaten von Schädel- und Knochenbruchstücken. In der virtuellen Welt kann der Anthropologe von der Universität Zürich mit wenigen Mausklicks Fossilien vom Gestein befreien und Bruchstücke ohne Klebstoff zusammenfügen; hier ein Jochbein kopieren, dort einen vom Gestein zerdrückten Schädel richten.
Vor allem aber hilft der Computer dabei, die Verwandtschaftsverhältnisse der Fossilien aufzuklären. »Früher konnte man nur einzelne Merkmale am Schädel abmessen, jetzt geben wir einfach einen Haufen Messpunkte ein und lassen den Rechner vergleichen«, sagt Zollikofer.
Ein Ergebnis seiner Computerstudien: Der Neandertaler ist nicht unser Vorfahr. Trotzdem waren die Frühmenschen uns ähnlicher als lange gedacht, das haben Zollikofer und seine Kollegin und Partnerin Marcia Ponce de Léon in ihrer letzten großen Studie gezeigt. Bei der Geburt hatten die Neandertaler ein ähnlich großes Hirn wie der Mensch, erst später entwickelte sich ihr Dickschädel – mit mehr Hirnmasse, als wir sie heute haben.
Dass die Menschheitsgeschichte womöglich nicht in Ostafrika begann, wie viele Forscher glauben, fand Zollikofer ebenfalls am Computer heraus. Der im Jahr 2001 gefundene Sahelanthropus tchadensis, sei eindeutig ein Hominide, kein Affe, und damit der älteste bekannte menschliche Vorfahr. Vielleicht also hat sich der aufrechte Gang in der üppigen Vegetation Zentralafrikas entwickelt und nicht im offenen Grasland des Ostens.
Auch der erst 2003 auf der indonesischen Insel Flores entdeckte Hobbit sortierte Zollikofer in den Ordner »Hominide«. Das kleinwüchsige Fossil zeigt, dass die Evolution keine Einbahnstraße ist. Offenbar war es für den Homo floresiensis klug, auf die Körpergröße und die Hirnmasse zu verzichten, die seine Vorfahren bereits erreicht hatten. Evolution heißt eben nicht nur größer, schneller, weiter.
Aus seinen Computerbildern schließt Zollikofer nicht nur auf Verwandtschaftsverhältnisse, sondern auch darauf, wie die Hominidenfamilien lebten: Neandertalerfrauen bekamen ihre Kinder erst spät und litten bei der Geburt genauso wie Menschenfrauen heute. Und womöglich fütterten die Frühmenschen auch ihre Alten durch: Ein früher Vertreter der Gattung Homo überlebte mehrere Jahre mit nur einem Zahn. In dem gelben Ordner von Zollikofer steckt eben weit mehr als ein Stammbaum – eine Art Familienalbum. Stefanie Schramm
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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