Der letzte Generalist

Der »Kampf der Kulturen« verstellt den Blick auf ein gewaltiges Lebenswerk – zum Tod von Samuel Huntington Von Josef Joffe

Das Netzwerk der »Baby-Sams«, der Schüler von Samuel Huntington, erfuhr es per Blackberry-Buschtrommel, bevor Harvard die Todesnachricht offiziell verkündete. Eliot Cohen, Chefberater der US-Außenministerin, sprach für alle, als er ihn als einzigartigen »Lehrer, Mentor und als Vorbild« pries. Aaron Friedberg aus Princeton: »Sam war ein wahrhaft großer Mann; einen wie ihn werden wir nicht mehr erleben.« – »In der Tat«, antwortete Ruth Wedgwood (Johns Hopkins), »er war das Beste, was Harvard zu bieten hatte: tiefes Wissen, gepaart mit literarischer Eleganz.« Er werde »in seinen Studenten (und deren Studenten) weiterleben«, schrieb ein anderer Kollege, ein »Gigant« sei er gewesen, ein dritter. Henry Rosovsky, der frühere Harvard-Dekan, brachte es auf den Punkt: »Er war einer der einflussreichsten Politikwissenschaftler der letzten 50 Jahre.«

Bismarck höhnte, dass nie so viel gelogen werde wie vor der Hochzeit, nach der Jagd und bei einem Begräbnis. Das gilt auf keinen Fall für Huntington. Mit 18 war er in Yale fertig und lehrte mit 23 in Harvard. Lange hielten die Studenten ihn für einen der Ihren, diesen schlaksigen, schüchternen und manchmal stotternden Nachfahren jenes Huntington, der die Unabhängigkeitserklärung 1776 unterschrieben hatte. Ein rechter »Nerd« schien er zu sein, und der Autor dieser Zeilen gibt reuig zu, dass er seinerzeit nach zwei Vorlesungen von der Fahne ging. Heute singt er umso lauter im Chor der Bewunderer mit.

Denn Huntington war der Letzte, der die großen Fragen der Politik anpackte – in 17 Büchern, von denen jedes einzelne der Disziplin seinen Stempel aufdrückte. Solche Giganten kann es nicht mehr geben im Zeitalter der Spezialisierung und der kleinteiligen Monografien. Huntingtons berühmtestes Buch, Kampf der Kulturen (1996), ist in 39 Sprachen übersetzt worden; es hat Huntington reich gemacht. Bloß überschattet es das »Gesamtkunstwerk«.

Beginnen wir mit The Soldier and the State, das 1957 erschien. Es ist die definitive Analyse eines uralten Problems: Was ist des Staates, was des Militärs? Mittlerweile in der 15. Auflage, wurde diesem Buch zum 50. Jubiläum in der militärischen Elite-Hochschule West Point ein ganzes Symposion gewidmet.

Noch einflussreicher wurde Political Order in Changing Societies (1968). Noch heute, 40 Jahre später, kommt kein Student der Entwicklungspolitik oder Vergleichenden Herrschaftslehre an diesem Werk vorbei. Die Hauptthese: Ordnung, gleich welcher Art, ob demokratisch oder autoritär, sei die Schlüsselvoraussetzung für wirtschaftliche wie politische Entwicklung.

Und wo bleibt die Demokratie? The Third Wave: Democratization in the Late Twentieth Century (1991) untersucht 35 Länder, die den Übergang in die Volksherrschaft geschafft haben. Wer wissen will, warum mit der Berliner Mauer auch die Diktaturen fielen, profitiert auch 18 Jahre später von der »Dritten Welle«.

Huntingtons Riecher für die epochalen Themen führte 2004 zu Who Are We? The Challenges of America’s National Identity. Wider alle politische Korrektheit entzündete er hier eine Fackel für die »Leitkultur« der Gründerväter: angelsächsisch, protestantisch, aufklärerisch im Sinne von Locke, nicht Rousseau. Was, kein Multikulti? Die Antwort: »Was wäre aus Amerika geworden, wenn es im 17. und 18. Jahrhundert von katholischen Franzosen, Spaniern und Portugiesen besiedelt worden wäre? Das wäre nicht Amerika, sondern Quebec, Mexiko oder Brasilien.«

Heute steht das »Gesamtkunstwerk«, das alle Abteilungen der Politologie überwölbt, im Schatten des Clash. Vieles an diesem Buch ist falsch, alles ist aufregend – 600 Seiten lang, beginnend mit der Eleganz der Formulierungen: »the West against the rest«, »the bloody borders of Islam«. Die These: Konflikte werden nicht mehr von Religionen (17. Jahrhundert), Staaten (18.) oder Ideologien (20.), sondern von Kulturen (»civilizations«) ausgefochten.

Zu knapp, zu elegant ist diese These. Sie ist tausendfach diskutiert, attackiert und negiert worden. Sie erklärt nicht, warum Saudis die besten Verbündeten der USA sind, warum der Westen Partei für Bosniens Muslime ergriff. Vor allem lässt sich der »Clash of Civilizations« mit Blick auf den Islam genauso gut in »Civilization of Clashes« verkehren. Sind nicht die schlimmsten und längsten Konflikte (Irak vs. Iran, PLO vs. Jordanien, Türken vs. Kurden) innerhalb des Islams ausgebrochen?

Lassen wir zum Schluss Harvards Stephen Rosen sprechen: »Huntingtons Brillanz wurde von Wissenschaftlern und Staatsmännern rund um die Welt bewundert. Aber wer ihn gut kannte, hat ihn geliebt, weil er die unbeugsame Treue zu seinen Prinzipien und Freunden verband mit der fröhlichen Lust an der scharfen Kritik seiner Positionen.«

Huntington starb Heiligabend im Alter von 81 Jahren auf Martha’s Vineyard. Er war 51 Jahre lang mit Nancy Huntington verheiratet und hinterlässt zwei Söhne sowie vier Enkel.

Der Autor hat Huntington 1970 als Student in Harvard kennengelernt; 1990/91 lehrte er auf Einladung von Huntington Internationale Politik in Harvard

Foto: Paolo Tre/Contrasto/laif

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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