Der Blick von draußen
Zum Tod des Journalisten Claus Heinrich Meyer
Das Offensichtliche interessierte ihn nie. Er nahm Kleinigkeiten ins Visier, wenn er große Themen im Kopf hatte. In seinem Porträt über den langjährigen SPD-Vordenker Peter Glotz schrieb er, wie er von diesem Glotz träumte, wie verrückt sich dieser Glotz plötzlich in diesem Traum benahm. Das war typisch für Claus Heinrich Meyer: Die Realität, wie sie ihm dargeboten wurde, reichte dem Mann nicht. Er überschritt Grenzen, um von da draußen eine bessere Sicht zu haben.
Claus Heinrich Meyer war ein politischer Journalist im besten Sinne. Legendär waren seine Reportagen über die Bonner Republik oder seine Städteporträts. Besonders seine Heimatstadt Gelsenkirchen, in der er 1931 geboren wurde, konnte niemand so beschreiben wie er. Meyer prägte außerdem mit anderen zusammen jahrzehntelang die berühmte Glosse seiner Süddeutschen Zeitung, das Streiflicht auf Seite eins. Wo Meyer war, durfte keine Langeweile, keine Routine sein. Auf diese Weise hat er erheblich dazu beigetragen, dass die Süddeutsche Zeitung die beste Tageszeitung der Republik wurde.
Meyer hasste Veränderungen, und er liebte sie. Zunächst hielt er die Einführung der Computersysteme für den Untergang des schreibenden Abendlandes. Später hatte er ein geradezu zärtliches Verhältnis zu seinen Computern. Er pendelte die letzten Jahre zwischen München und Berlin, wo er den Wandel der Stadt geradezu begeistert in sich aufsog. Claus Heinrich Meyer ist kurz vor Weihnachten, 77-jährig, in seiner Münchner Wohnung gestorben. Stephan Lebert
Foto: Ludmilla Hackl
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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