Guantánamo Ein Akt der Menschlichkeit
Warum Deutschland Häftlinge aus Guantánamo aufnehmen sollte
Je früher das amerikanische Gefangenenlager in Guantánamo Bay auf Kuba geschlossen wird, desto besser. Besser für die Häftlinge, die dort teils seit Jahren unter blauem Himmel eingekerkert sind. Besser für Amerika, das mit dem rechtsfreien Camp jeden Tag seine eigenen Werte verrät und sein Ansehen in der Welt ruiniert.
Ein rasches Ende der willkürlichen Inhaftierungen aber wäre auch besser für den Westen insgesamt. Aus humanitären Gründen. Um die Herrschaft des Rechts zu erneuern. Und als Zeichen an die Welt, dass freiheitliche Demokratien ihre Fehler eingestehen und korrigieren können, wie zögerlich und bockbeinig auch immer. Solange das amerikanische Gefangenenlager existiert, klingt jedes Eintreten für die Menschenrechte verlogen und falsch.
Wenn Bundesaußenminister Steinmeier jetzt also ankündigt, die Aufnahme von Guantánamo-Häftlingen in Deutschland zu prüfen und damit den USA bei der Auflösung des Lagers möglicherweise zu helfen, dann ist das keine vorauseilende Vasallentreue, auch kein wohlfeiler Willkommensgruß ins neue Weiße Haus, sondern vernünftige Politik, selbst wenn der Minister damit bei seinen europäischen Kollegen einstweilen wenig Unterstützung findet. Denn die Zukunft der Gefangenen von Guantánamo ist die schwierigste Frage, wenn Barack Obama sein Wahlversprechen wahr machen und das Lager auf der US-Marine-Basis schließen will.
Obama und seine Juristen haben nur zwei Möglichkeiten, mit den Häftlingen umzugehen: Sie müssen sie anklagen, wenn genügend Beweise vorliegen, in ordentlichen, transparenten Verfahren vor normalen US-Strafgerichten, die durchaus Erfahrung und Erfolge im Umgang mit Terrorverdächtigen haben. Oder sie müssen sie freilassen – ganz gleich, welche bösen Absichten ihnen die Geheimdienste unterstellen. Irgendetwas dazwischen, irgendeine neue präventive Sicherheitsverwahrung ohne Kontrolle der Gerichte, ein weiteres Wegsperren ohne Anklage, darf es nicht geben.
Das ist nicht ohne Risiko, gewiss, mindestens ein aus Guantánamo entlassener Dschihadist verübte später ein Selbstmordattentat in Afghanistan. Doch einzig ein klarer, harter Schnitt kann das Vertrauen in den amerikanischen Rechtsstaat wiederherstellen. Und allein an einem solchen Verfahren kann sich Deutschland beteiligen, will es sich nicht auch noch mit dem Gift von Guantánamo infizieren.
Mit anderen Worten: Wenn Deutschland hilft, dann nur nach unseren Regeln. Allzu viel wird Berlin trotz der freundlichen Ankündigungen Steinmeiers ohnehin nicht tun können.
Die Prozesse gegen die mutmaßlichen Anführer von al Qaida, die noch in dem US-Lager festgehalten werden, sind ausschließlich Sache der Amerikaner. Sie haben die Verdächtigen festgenommen, sie haben die Geheimdienstinformationen gesammelt, sie müssen die Gefangenen vor Gericht stellen. Auch die Freilassung der übrigen Häftlinge und ihren Rücktransport in die Heimatländer wird die neue Regierung in Washington organisieren müssen.
Die Bundesrepublik und andere Verbündete der USA – Portugal etwa, dessen Außenminister sich ähnlich geäußert hat wie Steinmeier – kommen erst dann ins Spiel, wenn es um die Freilassung von Gefangenen geht, denen der Weg nach Hause versperrt ist. Mindestens zwei Dutzend von ihnen droht nach Einschätzung von Menschenrechtsgruppen in ihren jeweiligen Heimatländern weitere Verfolgung, womöglich Folter und Hinrichtung.
Mehrere chinesische Uiguren zählen zu dieser Gruppe, zudem Usbeken, Ägypter, Palästinenser und mindestens ein Somali. Gestrandete des »Kriegs gegen den Terror« sind sie, Männer, deren einziges Verbrechen es wohl gewesen ist, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Nichts liegt gegen sie vor, kein Komplott gegen Amerika haben sie geplant, kein Selbstmordattentat, wie selbst die Regierung Bush einräumt, und doch sitzen sie zum Teil seit Jahren in Guantánamo fest, wenn auch unter gelockerten Bedingungen. Ihnen Asyl in Deutschland zu gewähren, ganz so wie anderen politisch Verfolgten auch, wäre ein Signal an Washington. Und ein Akt der Menschlichkeit.
Für eine Handvoll Uiguren, denen in China das Schlimmste droht, sollte allemal Platz sein in Deutschland. Selbst wenn die chinesische Führung bereits Widerstand angekündigt hat.
- Datum 31.12.2008 - 07:00 Uhr
- Serie opi
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
- Kommentare 7
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Was Guantanamo angeht gebe ich dem Autor in allen Punkten recht, aber gerade der letzte Satz
Selbst wenn die chinesische Führung bereits Widerstand angekündigt hat.
stimmt mich nachdenklich einmal ganz abgesehen von der Frage, wie gefährlich die freigelassenen Häftlinge in Deutschland wären. Angesichts dieser Nachteile frage ich mich nach dem politischen Mehrwert. Unter dem humanitären Aspekt hingegen wäre es aus deutscher Sicht näherliegend, den USA selber die Aufnahme der entsprechenden Gefangenen nahezulegen, denn bei den USA allein liegt die Verantwortung für Guantanamo und die darin Inhaftierten, sie haben diese Verantwortung gewollt, nun dürfen sie sie nicht einfach auf andere abschieben. Und zu glauben, daß Deutschland durch die Aufnahme von Gefangenen den Westen wieder in eine Art Zustand der Unschuld zurückversetzen könnte ist äußerst naiv. Und auf Dankbarkeit braucht Deutschland nicht zu hoffen, das wäre allzu naiv (ein beredtes Beispiel ist in dieser Hinsicht Polen unter den Kaczynski-Brüdern). Es geht also um die Frage des nationalen Interesses, und in diesem liegt die Aufnahme der Gefangenen in meinen Augen nicht, zwar sollte Deutschland wie die restlichen westlichen Staaten (über diplomatische Kanäle) auf eine humanitär befriedigende Lösung dieser Frage drängen, aber der Ball liegt bei den USA und es ist nicht unsere Aufgabe, uns hier als potentielles Aufnahmeland anzudienen und folglich den USA einen Teil des Problems ohne Not abnehmen -- und wenn doch, dann nicht, ohne Gegenleistungen der USA einzufordern; denn kostenneutral wäre die Aufnahme solcher Gefangener sicherlich nicht.
Guantanamo Haeftlinge aufzunehmen.Das sollte die USA selber tun oder dafuer sorgen dass wo immer sie aufgenommen werden auch entsprechende Entgelt fuer ihren Unterhalt vorhanden ist.
Ich bin sogar der Meinung dass es absolut gefaehrlich waere diese Leute aufzunehmen und sie eine Gefahr fuer die innere Sicherheit D. sein koennten.
DIe USA haben sich das eingebrockt, es ist ihre Verantwortung.
Ich kann nur Zustimmen , es geht doch nicht an das die Amerikaner Leute entführen und dann sagen , sry tut uns Leid zu uns kommt ihr trotzdem nicht die anderen sollen sich um euch kümmern...sollen doch die Amerikaner sie zu sich nehmen.
Ich kann nur Zustimmen , es geht doch nicht an das die Amerikaner Leute entführen und dann sagen , sry tut uns Leid zu uns kommt ihr trotzdem nicht die anderen sollen sich um euch kümmern...sollen doch die Amerikaner sie zu sich nehmen.
Abschieben!
Zitat: "Um die Herrschaft des Rechts zu erneuern." ... muss gerechtigkeit herrschen!
Diesen opfern des ami-terrors steht klaerung ihres falles, entschaedigung oder wiedergutmachung nach ihren wuenschen (da kulturkreisproblematik) und die bestrafung der taeter zu. Durch abschiebung soll vor allem die bestrafung der taeter, ein fundament der ami-rechtsethik, vermieden werden. Damit wird nicht die herrschaft des rechts erneuert sondern die herrschaft der macht fortgefuehrt.
Nein! Diese juristischen faelle sind keinesfalls "aussschliesslich sache der amerikaner". Das sind verstoesse gegen unveraeusserliche grundrechte die menschen nicht entzogen werden duerfen! Diese faelle muessen zumindest unter internationaler beobachtung (besser kontrolle) verhandelt werden.
Den opfern wird mit der ignoranz ihnen gegenueber und der abschiebung ein weiters unrecht angetan.
Welche vorkehrungen werden eigentlich von juristischer seite her getroffen um einen wiederholungsfall zu vermeiden?
Die herrschaft des rechts wird verschachert - der untergang des abendlandes - in zeitlupe
Ich kann nur Zustimmen , es geht doch nicht an das die Amerikaner Leute entführen und dann sagen , sry tut uns Leid zu uns kommt ihr trotzdem nicht die anderen sollen sich um euch kümmern...sollen doch die Amerikaner sie zu sich nehmen.
Wir sollten diese Leute nicht aufnehmen. Sie sollten alle in Ihre Heimatländer. Ganz unschuldig werden Sie ja nicht gewesen sein, oder warum wollen Sie nicht in Ihre heimat zurück? Haben wir nicht genug eigene soziale Probleme, die wir nicht lösen wollen? Was Menschenrechtsorganisationen leisten, sieht man an/in Israel: Raketen und Vernichtung der Israelis- Beifall, Bei der Notwehr fällt man über Israel her und brüllt Terror. Haben Israelis keine Menschenrechte verdient?
Ich erlaube mir, einen ZEIT-inadäquaten naiven Standpunkt einzunehmen... .
Die USA haben (aus der vielleicht verständlichen Hysterie) des 11.09. in Guantanamo einen rechtsfreien Raum geschaffen.
Der Wechsel an der Spitze der US-Administration ermöglicht es, ein längst überfälliges Umdenken einzuleiten.
Wo genau liegt hier die Schwierigkeit? Die Insassen von G. sind vor ein ordentliches Gericht zu stellen; die für schuldig Befundenen kommen in den regulären Strafvollzug, die Freigesprochenen können gehen, wohin sie wollen (sofern das Zielland einverstanden ist).
Sollte sich kein Aufnahmeland finden, wären ganz selbstverständlich die USA in der Verpflichtung. (Nebenbemerkung: da es sich aus islamischer Sicht hier um Quasi-Märtyerer handelt, wäre es schon sehr befremdlich - oder eben auch erhellend - wenn muslimische Staaten hier ihre Solidarität verweigern würden.
Ebenso befremdlich wäre es auch, wenn es die Ex-Häftlinge nun ausgerechnet in die Nicht-Islam-Zone ziehen würde...).
Kann mir irgendwer erklären, was Deutschland mit diesen Leuten zu tun hat, warum gerade dieses Land hier die Verantwortung an sich reißen sollte, warum wir uns Probleme aufhalsen sollten, an deren Entstehung wir nicht im mindesten beteiligt waren?
Wie gesagt, nur ein naiver Leserstandpunkt.
Soll Steinmeier die Leute doch adoptieren, wenn ihm an ihnen so viel gelegen ist.
Soll Steinmeier die Leute doch adoptieren, wenn ihm an ihnen so viel gelegen ist.
Soll Steinmeier die Leute doch adoptieren, wenn ihm an ihnen so viel gelegen ist.
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