Kämpferin für die Gemeinschaft

Raus aus dem Büro und einmischen in der Nachbarschaft: Das fordert die Londoner Management- und Politikberaterin. Ihre Initiative Common Purpose hilft dabei von Petra Pinzler

Julia Middleton?

Julia Middleton steht mitten im Raum. Gelassen, die Arme verschränkt, die halblangen blonden Haare hinters Ohr gesteckt, die Straßenkleidung unter einem Samtmantel verborgen, ein verstecktes Schmunzeln in den Augenwinkeln. Ihr Blick streift über den Rand der Lesebrille hoch zu den schweren goldenen Lüstern an der Decke, dann wandert er über die Tische, auf denen eben noch Lachsterrine, Entenbrust Gressingham und Orangentorte standen. Verblieben sind an diesem Abend in London nur noch ein paar halb gefüllte Rotweingläser. Schließlich mustert sie ihr Publikum: viele satte, müde Männer und wenige Frauen in feinem Tuch, alles Mitglieder des ehrwürdigen Cornhill Club. Zugelassen wird man nur auf Einladung und nur dann, wenn zwei Bürgen, am besten ehrenwerte Banker, darum bitten.

Es wird ruhig. Auch Julia Middleton schweigt. Ganz offensichtlich genießt sie die wachsende Erwartung. Sie soll hier über Leadership dozieren, also darüber, was eine richtige Führungsfigur ausmacht. Sie beginnt ganz entspannt, fast beiläufig mit einer Art Erzählung.

»Ich habe mich gefragt, wie es Ihnen geht? Ich bin jedenfalls verwirrt«, sagt sie und führt ihr Publikum durch eine verrückte Welt: explodierende Hotels in Mumbai, ein Börsianertreff in der Londoner City – und mittendrin das rosa Schlafzimmer ihrer 15-jährigen Tochter. Die lebe nur in ihrer Welt und für ihre Welt. Ihr Zimmer, ihre Meinungen hätten für sie ungeheure Bedeutung, die Welt draußen hingegen sei weitgehend irrelevant. Für eine 15-Jährige möge das noch angehen. Doch so verhielten sich auch viele Manager. Sie verließen ihr Kreise nicht, interessierten sich nicht für die Gesellschaft und sähen daher Gefahren oder auch Chancen erst, wenn es zu spät sei.

Echte Führungspersönlichkeiten denken an ihr direktes Umfeld

Wer wisse das dieser Tage besser als Banker, sagt Julia Middleton. Einige im Raum nicken, andere, die offensichtlich die Finanzkrise vor Augen haben, grinsen mit einer Spur Bitterkeit. Einer bittet um drei Regeln für Manager, die so etwas vermeiden können. Julia Middleton wird die Frage später mit dem nachsichtigen Satz kommentieren: »Viele wollen die Welt mit ein paar Faustregeln geordnet wissen, als ob das so einfach wäre. Die Welt ist doch bunt und chaotisch.« Doch jetzt überlegt sie nur kurz und packt ihren Vortrag dann höflich und eloquent in drei Regeln: Mach denen, die dir immer zustimmen, das Leben schwer! Vergiss immer mal wieder die Konzentration auf dein Geschäft, wage dich auf unbekanntes Gelände oder triff jemanden, der nicht zu deinen Kreisen gehört! Kümmere dich um das, was in deiner Gesellschaft passiert!

Damit ist Middleton schließlich bei jenem Thema angelangt, das sie wirklich bewegt: Sie will, dass die Zuhörer sich mehr um das Gemeinwohl kümmern. Middleton ist nicht nur Dozentin für Führungsfragen. Sie ist vor allem Gründerin von »Common Purpose«, was übersetzt so viel wie »gemeinsame Sache« bedeutet. In mittlerweile zwölf Ländern sorgt diese Organisation dafür, dass Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen, miteinander reden und gemeinsam nach Problemen und Chancen ihrer Nachbarschaft suchen – der Unternehmer mit der Umweltaktivistin, die Bankerin mit dem Kulturpolitiker, der Sozialarbeiter mit dem Polizisten. Wenn man nur die richtigen Leute aussucht, so die Idee, wenn diese Leute dann über ein längere Zeit gemeinsame Erfahrungen sammeln, entstehen Ideen und Projekte, die allen nützen –, und die Welt wird dadurch ein bisschen besser.

Das Angebot kommt an. Nicht nur an diesem Abend und in dieser Runde. Middleton hat Zugang zur Elite der britischen Wirtschaft, wohl auch weil sie eine brillante, höchst unterhaltsame Rednerin ist und nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommt. Sie doziert nicht, in welche Richtung die Welt denn nun verbessert werden müsste. Sie amüsiert die Zuhörer mit kleinen Geschichten und packt sie schließlich bei der Ehre und beim Selbstverständnis.

Echte Führungsfiguren – und wer möchte das nicht sein – fühlten sich auch für die Probleme der Gesellschaft zuständig, schon aus Eigeninteresse, so ihre Botschaft. Deswegen müssten sie raus aus ihren Büros: »Die Aussicht aus unserem Bürofenster wechselt selten« steht auf der Internetseite von Common Purpose.

Hinschauen, sich einmischen, miteinander reden: Eigentlich wird da für bürgerliche Selbstverständlichkeiten geworben – und doch scheint die Initiative von Common Purpose eine Marktlücke zu füllen. »Viele Mitarbeiter von Unternehmen wollen gern etwas tun, wissen aber nicht genau, wo und wie«, sagt Julia Middleton. Es gebe schlicht zu viele Berührungsängste, zu wenig passende Programme.

Die Idee, dass man das ändern muss, dass es just dafür Kurse braucht, kam der 50-jährigen Britin vor zwei Jahrzehnten. Damals saß sie, schwanger mit dem zweiten Kind, in ihrem Büro bei der Industrial Society, einem alteingesessenen britischen Thinktank, und hörte einem Gast aus den USA zu. Der wusste viel über seine Stadt, kannte deren Potenziale und Probleme sowie jede Menge interessante Mitbürger. Gelernt hatte er alles in einem sogenannten Leadership-Seminar. Der Begriff, der sich nur schwer ins Deutsche übersetzen lässt, umfasst mehr als das Erlernen von ein paar Management-Tricks. Vielmehr geht es um die Ausbildung runder Persönlichkeiten, die führen, die andere mitreißen können und die sich um mehr als nur die eigene Bilanz kümmern – zum Vorteil aller. Das ist es, dachte sich Middleton damals, kündigte noch am selben Tag und gründete Common Purpose.

Heute gibt es die Initiative in 45 britischen Städten. Kürzlich wurde die erste indische Dependance in Bangalore eröffnet, gerade war Middleton in Mumbai, demnächst plant sie die Expansion in den Orient. In einem französischen Café an der eleganten Piccadilly Road, gleich neben dem Delikatessentempel Fortnum and Mason in der Innenstadt von London, erzählt Julia Middleton begeistert von ihrem jüngsten Coup. Gerade eben erst habe sie ein paar Blocks weiter beim Termin in einer imposanten Residenz am Hyde Park einer der reichsten Frauen Arabiens die vorläufige Grundfinanzierung für die Expansion in deren Region abgetrotzt.

»Die hat mich gemustert und gesagt, ich sei doch ganz offensichtlich sehr fähig. Warum ich nicht in der Wirtschaft arbeite und viel Geld verdiene, statt mich mit so etwas zu beschäftigen. Aber dann habe ich sie offensichtlich doch überzeugt«, sagt Julia Middleton, lacht und stochert in ihrem Salat. Anscheinend ist ihr das Essen ebenso unwichtig wie teure Kleidung oder feines Make-up. Sie sagt dazu beiläufig: »Nebensächlichkeiten interessieren mich nicht.« Und setzt grinsend hinzu: »Aber beim Wesentlichen bin ich tatsächlich ungeheuer gut organisiert.«

Gegen die Verschwendung und den Verkehrsinfarkt

Das muss sie wohl auch sein. Ihr Mann ist inzwischen Direktor bei einem der größten Verlagshäuser Großbritanniens, sie hat fünf Kinder großgezogen und immer gearbeitet. Das alles lässt sich nur mit enormem Organisationstalent und sehr viel Energie meistern. Sie hat beides. Schon auf dem Weg per Bus vom feinen Londoner Zentrum zum Büro von Common Purpose in Islington schickt Julia Middleton E-Mails, sie bietet am Telefon der Frau eines Mitarbeiters voller Herzlichkeit an, übers Wochenende deren drei Kinder zu betreuen, und plant im nächsten Gespräch die weiteren Schritte in Arabien.

Im Kern geht es Common Purpose immer um das Gleiche. Ethan, einer der Mitarbeiter fürs Internationale, erklärt das später an einem kleinen Tisch mitten in dem vollgestopften Großraumbüro, zwischen brummenden Computern und verstellbaren Trennwänden: Die Zentrale pflege das Know-how, leiste Starthilfe und entwickele die Kurse. Die Mitarbeiter draußen passen die Ideen der jeweiligen Kultur an, werben um Geld und um Teilnehmer für die Kurse. Common Purpose überzeugt dabei ganz unterschiedliche Menschen mit den immergleichen drei Argumenten, an den mehrmonatigen Kursen teilzunehmen: Erstens können sie ihre Fähigkeiten als Führungsfigur ausbauen. Zweitens bekommen sie Netzwerke und Kontakte auch jenseits der eigenen Kreise. Und drittens können sie auch noch die ein oder andere Idee umsetzen.

Seitdem ein Mitarbeiter des Hamburger Flughafens an einem solchen Kurs teilgenommen hat, werden die am Tage nicht gelesenen Zeitungen in das nahe gelegene Gefängnis gebracht. Früher wurden sie weggeworfen. Das Internationale Theater in Frankfurt am Main hat einen Theaterkurs für Immigrantenkinder organisiert, finanziert von einer Bank. Und in Bangalore brachte eine Diskussion zwischen Umweltschützern, Unternehmern und Beamten über den Verkehrsinfarkt in der Stadt das Aha-Erlebnis für die Beteiligten: Zunächst mokierten sich die Unternehmer über die Verwaltung, weil der Flughafen wochenlang nicht eröffnet werden konnte. Die Straße fehlte. Julia Middleton fragte darauf hin: Warum hat denn keiner frühzeitig interveniert, das wäre doch im eigenen Interesse gewesen? Als darauf keiner die Antwort hatte, klickt es bei allen Beteiligten: Warum nicht früher einmischen?

»All die, die jetzt wieder einmal über die unterentwickelte Dritte Welt lästern«, ergänzt Julia Middleton später die Erzählung, »sollten sich fragen, bei wie vielen Problemen in der eigenen Stadt sie wegschauen, obwohl sie eigentlich darunter leiden.« In Bangalore mischten sich jetzt unterschiedliche Gruppe in die öffentliche Verkehrsplanung ein, unterstützten die Behörden. Und die ließen das auch zu.

Vor allem in Deutschland stieß so viel Pragmatismus zu Beginn zunächst auf gehörige Skepsis. Die einen hielten Common Purpose zunächst für so eine Art Stiefelhalter des Neoliberalismus. Warum sie ausgerechnet mit der Wirtschaft die Aufgaben des Staates lösen wolle, wurde Middleton gefragt. In den Unternehmen wiederum verstanden manche nicht, warum ausgerechnet sie Mitarbeiter für diese Projekte freistellen und finanziell unterstützen sollten. Und manche Politiker hatten Angst, bei Common Purpose würden Kungelrunden geschaffen.

Genau das Gegenteil sei doch der Fall, sagt Frank Trümpel, der die deutschen Programme leitet. Durch die Kurse wachse die Zahl der Leute, die sich für Politik interessierten. Den Staat könne und wolle man nicht ersetzen. Mit seinen klassischen Methoden könne er jedoch viele Probleme nicht mehr lösen. Deswegen sei Common Purpose auch mitnichten unpolitisch, man helfe Leuten nur, über den Tellerrand zu schauen und trotz aller ideologischen Unterschiede neue, praktische Ansätze für konkrete Probleme zu finden. Das überzeugt offensichtlich: Inzwischen arbeitet die Initiative in sieben deutschen Städten.

Am Ende des feinen Abends mit den Mitgliedern des Cornhill Club, kurz bevor der Vorsitzende die Veranstaltung mit dem energischen Klopfen eines Holzhammers beendet, überzeugt Julia Middleton auch die Banker mit einer Anekdote davon, dass zielgerichtetes Handeln ohne Rücksicht auf die Begleitumstände ziemlich schiefgehen kann. Sie erzählt, wie sie mit ihrem Gatten und ihren Kindern vor der Küste Schottlands in einem kleinen Boot segelte, als Sturm aufkam. »Binde Tom mit dem Seil fest, damit er nicht über Bord geht«, rief ihr Mann irgendwann und sie, vollkommen konzentriert auf diese einzige wichtige Aufgabe, blickte nicht nach rechts oder links und band den Jungen fest. Als sie dann schließlich wieder sicher im Hafen angekommen waren, sagte ihr Mann auf einmal trocken. »Du hast ihn schön festgebunden. Aber du hättest besser nicht das Ankerseil genommen.«

Fotos: Dominik Gigler für DIE ZEIT; unten: Mauritius

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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