Der große amerikanische Baseballspieler Yogi Berra hat das Prophetengeschäft mit einem einzigen Satz vernichtet: "Ich mache nie Voraussagen und schon gar nicht über die Zukunft." Die Yogi-Regel gehört heute zum geistigen Überlebenstraining – als Kraftmittel gegen die tagtäglichen Horrormeldungen zur Wirtschaftskrise.

Erinnern Sie sich? Im Sommer sagte Goldman Sachs einen Ölpreis von 200 Dollar pro Barrel voraus. Am 16. Dezember prophezeite Merrill Lynch 25 Dollar für 2009. Lord Kelvin, Vorsitzender der Royal Society, meinte 1895: "Flugmaschinen, die schwerer als Luft sind, sind unmöglich." Und Thomas Watson, IBM-Chef, dozierte 1943: "Weltweit gibt es einen Markt für vielleicht fünf Computer."

Dies zur Beruhigung, falls Sie sich noch an den Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walther, erinnern, der "minus vier Prozent" für die deutsche Wirtschaft 2009 aus dem Computer gefischt hat, derweil sein Kollege von der Dresdner, Michael Heise, im Proph-Poker nur bis minus 0,7 mithielt. Zu dumm für Heise, kann doch das Kassandra-Spiel nur gewinnen, wer katastrophenmäßig alle anderen überbietet. Das wussten schon Jesaja & Jeremia. Deshalb sind die "kleinen Propheten" wie Amos und Hosea fast vergessen.

Welcher Händler des Untergangs hat denn den Crash von 2008 vorausgesagt? Manche haben vor der Blase gewarnt, vor überhitzten Immobilienpreisen weltweit. Wer aber hat die 62 Billionen Dollar an Derivaten für den Handel mit Ausfallrisiken (Credit Default Swaps) moniert? Oder aufgeschrien, als Goldman Sachs Ende 2007 mit 43 Milliarden Dollar Eigenkapital Papiere für 1000 Milliarden zusammengekauft hatte? Der Kern der Krise ist nicht die Immobilienblase, sondern der Kollaps der Kreditmärkte. Wer hat den vorausgesehen?

Jeremia hatte sich wenigstens ganz neue Horrorszenarien ausgedacht. Seine Jünger – Volkswirte aller Art – machen’s auf weniger originelle Weise: Sie extrapolieren von heute auf morgen. Die Wirtschaft ist gestern geschrumpft? Dann wird sie morgen weiter schrumpfen. Die Preise fallen? Jetzt dräut die Deflation! Aber welchen Wert haben Weissagungen, die auf dem Gestern fußen?

Diese Frage gilt erst recht in einer nie dagewesenen Krise. Noch nie haben die Finanz- und die Realkrise gleichzeitig und unabhängig voneinander attackiert; irgendein böser Geist hat Wall Street just in dem Moment hochgehen lassen, da die Rezession in der EU und den USA ohnehin auf dem Programm stand. Zweitens: Noch nie ist die Welt simultan abgestürzt; früher pflegte Amerika zu wachsen, während Japan oder Europa in die Rezession rutschte – oder umgekehrt. Und China kannte bis 2008 ohnehin keine Krise.

Ergo: In diesem Crash weissagt das Gestern gar nichts. Andererseits: Wenn plötzlich alle simultan erkranken, kann die Heilung genauso schnell kommen – aus ebenso unerkannten Gründen. Logisch, oder? Deshalb wünschen wir uns ehrliche Propheten, nicht Wettläufer der Apokalypse. Glauben dürfen wir allenfalls denen, die schon mal recht behalten haben, und zwar mit nachprüfbaren Voraussagen. Orakel gelten nicht, Prophezeiungen ohne Datum auch nicht. "Es kommt noch schlimmer" erschreckt, aber erhellt nicht.