Mathematiker der Seele

In seinen poetologischen Schriften erklärt der Dichter Schritt für Schritt, wie er seine Effekte kalkuliert Von Evelyn Finger

Bevor der berühmteste Rabe der Weltliteratur den Schauplatz des Gedichtes betritt, lässt der Dichter ihn sechs Strophen lang draußen vorm Fenster warten. Bevor der Totenvogel zu mitternächtlicher Stunde seine Unheilsformel verkündet, muss er endlos an die Scheibe der Bibliothek pochen und dann noch zwei weitere Strophen stumm auf dem Türsims hocken, während das lyrische Ich, ein schwermütiger Nachtmensch, sich über den Besuch wundert. Was ihn hertreibt? Wie er heißen mag? »Nimmermehr!«, krächzt der Rabe. Das ist das einzige Wort, das er kennt, und je dringlicher der Mensch das Tier befragt, desto monotoner die Antwort. Doch anstatt den Raben in Ruhe zu lassen, tut der Held der Ballade, was ein Poescher Held in einem Poeschen Text tun muss, wo alles Fantastische absolut folgerichtig geschieht: Immer tiefer steigert er sich in das Gespräch hinein. Immer selbstquälerischer werden seine Fragen, bis zu der letzten, ob er seine verstorbene Geliebte im Himmel wiedersehen werde? Natürlich nicht. Das finale Nimmermehr ist eine typische Poe-Pointe, auf die der Leser wartet wie auf eine rettende Katastrophe. Sie besteht in der Erkenntnis, dass der Rabe kein Dämon ist, sondern die Trauer, die Untröstlichkeit und die Agonie des Helden verkörpert. Hier erst erschließt sich der Sinn des Gedichtes. Hier liegt sein Anfang – am Ende, wo nach Poes Meinung alle Kunstwerke beginnen sollten.

Wir müssen uns den romantischen Dichter als scharfen Denker und kaltblütigen Konstrukteur vorstellen. Seine Kunst beruht nicht so sehr auf subjektivem Empfinden, sondern auf selbst gesetzten Regeln. Dass jedes Werk auf einen Schlusseffekt hin komponiert sein müsse, war nur eine von vielen. So forderte Poe 1846 in seinem Aufsatz Die Methode der Komposition, ein Text müsse »Schritt um Schritt mit der Präzision und strengen Folgerichtigkeit einer mathematischen Gleichung seiner Vollendung entgegengehen«. Poe, der Mathematiker der Seele? Tatsächlich konnte er endlos von Taktgenauigkeit schwärmen, Schachautomaten analysieren und über Geheimcodes philosophieren.

In seiner Auffassung vom Dichten war der Meister des Irrationalen ein rational planender Handwerker. Anders als Herder glaubte er nicht an naturhaftes Genie, ähnlich wie Schiller setzte er auf kalkuliertes Lesevergnügen. Die Logik des Verses (1843) oder Das poetische Prinzip (1848) lauten programmatische Titel seiner theoretischen Schriften, die uns daran erinnern, dass die Romantiker selbst sich gegen den romantizistischen Geniekult wehrten. Indem Poe das Kalkül und die Intuition gleichzeitig verteidigte, attackierte er jene künstlichen Gegensätze, die die Debatten seiner Epoche dominierten und bis heute verhängnisvoll fortwirken: Aufklärung versus Empfindsamkeit, Verstand versus Gefühl, Wissenschaft versus Kunst.

Vielleicht sind seine poetologischen Essays so wenig bekannt, weil sie immer noch dem Zeitgeist widersprechen. Am meisten gelesen wurde die Methode der Komposition , weil der Autor darin eine relativ leicht verständliche Produktionsästhetik liefert. Anhand des Raben rekonstruiert er in lockerem Stil seine eigene Arbeitsweise: Habe man beispielsweise als Tonart die Melancholie gewählt, folge daraus ein bestimmter Klang, und wer nach einem Wort suche, um diesen Klang zu erzeugen, verfalle fast unvermeidlich auf nevermore . Als Nächstes benötige man nur noch einen Vorwand, um das Zauberwort ständig zu wiederholen, am naheliegendsten sei der Papagei, aber ungleich passender zur melancholischen Grundstimmung eben der Rabe…

Nicht ohne Witz berichtet Poe, wie er den grotesken Stoff praktisch bewältigte. Wie er erkannte, dass es keineswegs der Vogel sei, der den unglücklichen Helden zu immer neuen Fragen provoziere, sondern dessen eigene perverse Angstlust. Wie er, Poe, an diesem Punkt seiner Überlegungen zur Feder griff und zuallererst eine Schlussfrage formulierte. – Ob sich die Sache wirklich so zutrug, ist nicht überliefert. Doch unzweifelhaft gehört zu Poes Modernität, dass er seine Methoden reflektierte und dem Leser Interpretationsansätze lieferte. Der Fantast im Kostüm des Verstandesmenschen und der Verstandesmensch im Kostüm des Fantasten: So spielte Poe seine Rollen, je nachdem, ob er gerade Literatur oder Fachliteratur verfasste. Er inszenierte sich als Detektiv seiner selbst, nicht zuletzt in den Kriminalgeschichten.

Bevor das berühmteste Verbrechen der Literaturgeschichte begangen wird, erklärt der Autor, wie man es aufklären muss. Bevor er den Doppelmord in der Rue Morgue inklusive blutiger Einzelheiten schildert, erlaubt er sich einen weitschweifigen Exkurs über analytisches Denken im Gegensatz zum Rechnen, zum Fantasieren, zum Imaginieren. Nebenher liefert er eine Charakteristik des idealen Detektivs. »Wie sich der starke Mensch seiner körperlichen Fähigkeiten freut, so entzückt den Analytiker jene geistige Wirkungskraft, welche entwirrt. Er findet Gefallen an Rätseln und legt bei ihrer Lösung einen Grad von Scharfsinn an den Tag, welcher dem gemeinen Begreifen außernatürlich erscheint.« Dass Poe seine eigentliche Erzählung als bloßen Kommentar der vorgetragenen Thesen annonciert, bezeugt den Mut eines Autors, der immer wieder Unerhörtes wagte: Kriminalisten vom Sessel aus agieren lassen, barbarische Taten unsentimental beschreiben, schlüssige Mordtheorien vortragen, aber die Geschichte abbrechen, ohne den Namen des Mörders genannt zu haben.

Was an seiner Poetologie fasziniert, sind aber letztlich nicht technische Aspekte. Mag sein, dass eine perfekte Erzählung so kurz sein sollte, dass ihre Lektüre das Zeitmaß einer halben Stunde nicht unterschreitet, dasjenige von zwei Stunden nicht übersteigt. Mag sein, dass Romane um ihrer Länge willen nicht empfehlenswert sind, weil sie sich schwerlich in einem Zuge lesen lassen und somit keine Einheit des Effekts erlauben, die der Autor für unabdingbar hielt. Aber der wahre Reiz einer Literatur nach Poeschem Vorbild liegt in einer philanthropischen Ketzerei: Bei Poe werden kraft des Verstandes Wunder bewirkt. Mag sein, der gute Mensch im Sinne einer christlichen Ethik kommt nicht mehr vor, aber immerhin gibt es noch den klugen Menschen als ordnendes Prinzip wider das Chaos. Poe glaubte, dass unser Universum einst ganz war, dann zerfiel und nun wieder zusammengefügt werden muss. Seine Kriminalgeschichten sind Versuche, das Auseinandergefallene zusammenzufügen, durch retrospektive Spekulation die Entstehung der Welt zu erklären und die Menschheit wenigstens theoretisch zu retten.

Abb.: © Harry Clarke - aus »The Tales of Mystery and Imagination« by Edgar A. Poe und Seite 40

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service