Rezeption

Umweg zum Ruhm

Ohne Charles Baudelaire, seinen Bruder im Geiste, wäre Edgar Allan Poe dem Vergessen anheimgefallen

Edgar Allan Poe, schon zu Lebzeiten eher umstritten als bekannt, wäre nach seinem Tode gänzlich vergessen worden, wenn er nicht jenseits des Atlantiks, in Frankreich, von einem ebenfalls berüchtigten, aber bald berühmten Dichter entdeckt worden wäre: Die Begeisterung Charles Baudelaires, aus der sich alles Spätere, der zusehends anschwellende Weltruhm Poes ergab, ist eine der erstaunlichsten Fügungen der Literaturgeschichte.

Aber alles andere als zufällig. Denn die Geringschätzung der Amerikaner wie die Bewunderung Baudelaires hatte den gleichen Ursprung: Das war Poes Verachtung für Fortschrittsglauben und Tugendterror der Gesellschaft. Die Yankees seiner Zeit, die damals schon moralisch für den Bürgerkrieg gegen den lasterhaften Süden aufrüsteten, hatten wenig Sinn für einen Dichter, der den erzieherischen Auftrag der Poesie bestritt und im Übrigen auch persönlich, als Gelegenheitstrinker, kein erzieherisches Beispiel gab. Es fällt heute schwer, im Alkoholismus etwas zu erkennen, das zum Haupthindernis für die Wertschätzung eines Dichters werden könnte; aber doch war es so. Man könnte fast sagen: Ohne die Verachtung der Amerikaner für den strauchelnden Außenseiter, für den Poète maudit, wäre Baudelaire gar nicht so recht auf den Geschmack gekommen.

Denn das Phänomen, Charles Baudelaire sagt es in den Vorreden zu seinen Poe-Übersetzungen mehrfach, war kein exklusiv amerikanisches, es war die Diktatur der öffentlichen Meinung, die keine Abweichung in der Lebensführung und keine ketzerischen Ansichten duldet, und diesen Meinungsterror gab es auch im republikanischen Frankreich. Baudelaire wusste genau, wogegen Poe zu verteidigen und woran er gescheitert war. Bezeichnenderweise entdeckte er den ersten Text Poes in einer französischen Zeitschrift, die ihn nur als abschreckendes Beispiel reaktionärer Gesinnung abdruckte.

La Démocratie pacifique, ein Organ der Frühsozialisten in der Nachfolge Charles Fouriers, versah Poes Schwarzen Kater mit der Vorbemerkung: »Wir bringen diese Novelle, um zu zeigen, zu welchen seltsamen Argumenten die letzten Parteigänger des Dogmas von der angeborenen Verderbtheit sich genötigt sehen.« Und in der Tat ist die Frage der Erbsünde oder auch nur einer menschlichen Begabung zum Bösen die entscheidende Frage, wenn es um die Möglichkeit eines menschlichen Fortschritts geht. Kein Sozialist, geschweige denn Kommunist, der den Neuen Menschen schaffen will, kann den moralischen Geburtsmakel akzeptieren.

Poe war vielleicht nicht so ideologisch wie Baudelaire, der gerne erklärte, die Kirche abzulehnen, doch die Erbsünde für heilig zu halten. Aber Poe glaubte und demonstrierte in seinen Erzählungen etwas viel Weitergehendes: nämlich die Freude des Menschen, Böses zu tun, nur weil es böse war – und auch wenn es ihn selbst im Innersten verletzte.

Mit dieser letzten Drehung, unter anderem in dem Schwarzen Kater ausgesprochen, ist Poe schon bei Dostojewski, der nicht zufällig nach Baudelaire zu den größten Verehrern des Dichters in Europa wurde. Die europäische Rezeption, die übrigens fünfzig Jahre brauchte, um den Dichter in seine Heimat zurückzubringen, entwickelte sich also keineswegs im Widerspruch zu der amerikanischen Einschätzung; sie verkehrte nur die Vorzeichen und lobte den Dichter für das, was die Optimisten verabscheuten: die Fortschrittsfeindschaft und Abgründigkeit seines Menschenbildes.

Indes: Auch wenn Charles Baudelaire geradezu wollüstig badete in Poes Demokratieskepsis und früher Sozialistenverachtung (für die es in der Tat entlegene, aber besonders höhnische Zitate gibt), so ist doch die politische Pointe nicht eindeutig. Für Poe wie für Baudelaire ist der Mensch ein anarchisches Ungeheuer, mit dem schlechterdings kein Staat zu machen ist. Mit Baudelaires Worten, die den Keim seiner Begeisterung für Edgar Allan Poes Werke und die ganze Provokation für die Philanthropen enthalten: »Welch erfreulicher Anblick, einige Explosionen alter Wahrheiten derart all diesen Liebedienern der Menschheit ins Gesicht platzen zu sehen, all diesen Wiegenschauklern und Hätschlern mit ihrem ewigen Eiapopeia in allen möglichen Tonarten: ›Ich bin als guter Mensch geboren, und ihr auch, und wir alle sind als gute Menschen geboren!‹ – und dabei vergessen diese albernen Gleichmacher – nein, sie stellen sich nur, als vergäßen sie, dass wir alle als freiherrliche Bösewichte zur Welt kommen!«

Baudelaire hat in Poe als Erster den Blick auf die Nachtseite der Moderne entdeckt – der aber seinerseits ein vollkommen moderner Blick ist, technisch, nüchtern, dezidiert wissenschaftlich. Die Klage und die kristalline Härte sind die beiden Vorzüge, die Baudelaire vor allen anderen an Poes Werken immer wieder gelobt hat. Und in der Tat ließ sich Poe durch die moderne Wissenschaft nicht von seiner Zivilisationsskepsis abbringen; im Gegenteil. Die Wissenschaft liefert erst die überlegene Einsicht in die unrettbare Hinfälligkeit des Menschen: Groß ist sein Verstand, schrecklich sein Schicksal. Der Widerspruch, der später zwischen dem Fantastisch-Schaurigen und dem Scharfsinnig-Analytischen konstruiert wurde, bestand für Poe nicht – und auch noch nicht für seinen Entdecker Charles Baudelaire.

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Leser-Kommentare

    • 04.01.2009 um 19:56 Uhr
    • 795mar

    Was für einen Quatsch der Herr Autor da von sich gibt!
    Allan Poe's Werk ist nicht wegzudenken aus dem Literatur Olymp.
    Über Kunst lässt sich nun wirklich nicht sinnvoll streiten.-

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    Es gibt sehr viele Autoren, die trotz ihrer Qualität lange Zeit unbeachtet bleiben, einfach weil die Zeit noch nicht reif ist für ihr Werk. Wie etwa Kleist oder Hölderlin. Wer nicht rezipiert und diskutiert wird, kann auch in keinen Olymp einziehen. Das hat nichts mit Wert zu tun. Wie es dem Werk des einzelnen letztlich gelingt zu angemessener Beachtung zu finden, ist sehr spannend und nennt sich Rezeptionsgeschichte, um diese ging es Herrn Jessen wohl vornehmlich und nicht darum E.A. Poe zu diskreditieren.

  1. Es gibt sehr viele Autoren, die trotz ihrer Qualität lange Zeit unbeachtet bleiben, einfach weil die Zeit noch nicht reif ist für ihr Werk. Wie etwa Kleist oder Hölderlin. Wer nicht rezipiert und diskutiert wird, kann auch in keinen Olymp einziehen. Das hat nichts mit Wert zu tun. Wie es dem Werk des einzelnen letztlich gelingt zu angemessener Beachtung zu finden, ist sehr spannend und nennt sich Rezeptionsgeschichte, um diese ging es Herrn Jessen wohl vornehmlich und nicht darum E.A. Poe zu diskreditieren.

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  • Von J.Jessen
  • Datum 4.1.2009 - 18:48 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
  • Kommentare 2
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