Schriftsteller Pinters längste Pause
Zum Tod von Harold Pinter, Literaturnobelpreisträger, Autor, Schauspieler, Regisseur
Tot, erst jetzt! Darin liegt ein Triumph. Als Harold Pinter im Dezember 2005 den Nobelpreis erhielt und – statt zur Preisverleihung nach Stockholm zu reisen – krebskrank ein Londoner Krankenhaus ansteuern musste, damals schon galt Pinter als fast tot. Drei Jahre und drei Wochen ist das her, noch vor wenigen Tagen wurde der 78-Jährige auf dem Londoner Parkett gesichtet, und erst jetzt, an Heiligabend, ist Harold Pinter gestorben, der große alte Mann des Theaters, der widerständige, alle stets überraschende, kompromisslose, Furcht einflößende Pinter. Fast hätte man geglaubt, er würde auch mit Tod fertig werden, wer, wenn nicht er?
Der Sohn eines kleinen jüdischen Schneiders aus Hackney. Der Gesellschaftslöwe, verheiratet mit Lady Antonia Fraser, glamourös wie sie. Der Intellektuelle, Verfasser von 29 Dramen, unzähligen Filmskripts, Gedichten, Protestbriefen an die Mächtigen der Welt, Polemiken gegen vieles. Pinter, der linke Querulant. Regisseur und Schauspieler. Einer, der das Theater so tief prägte, dass sein Laudator in Stockholm, Per Wästberg, vom »Pinterland« sprach. Ein Mann mit jener Art von Männlichkeit, die man noch in alten Filmen findet, bei Richard Burton vielleicht, wo die Rauheit des Proleten gepaart ist mit Geist und süßer Romantik. Einer, der für jede Überraschung gut war, gerne für eine, der sein Publikum bange entgegensah.
»Wie geht es Ihnen?«, habe er freundlich gefragt, erinnert sich ein Zeitgenosse an eine Begegnung mit Pinter. »Was zum Teufel ist das für eine Frage?!«, habe Pinter zurückgebellt.
Schon sein erstes Stück war ein Skandal, abgesetzt nach fünf Tagen
Pinters Zeit war eine, in der das Theater noch an der vordersten Kante der gesellschaftlichen Bühne gespielt wurde, was ja vorbei ist, auch hierzulande, wo ein Drama lange nicht mehr diesen elektrischen Schock durch die Feuilletons schickte, wie es zuletzt einem Peter Handke zu inszenieren gelang, einem Peter Weiss, einem Rainer Werner Fassbinder. Wo eine Uraufführung ein Skandal werden konnte, wie schon das erste Pinter-Stück es war, Die Geburtstagsfeier, abgesetzt nach nur fünf Tagen, am 19.Mai 1957. Kaum eine Handvoll Zuschauer war erschienen, genau genommen sechs, kaum einer von ihnen hielt durch, diese Bombardierung mit trostlosen Satzbrocken, Drohgebärden, Andeutungen einer willkürlichen, bösen Gewalt, die über ein altes Ehepaar hereinbricht, das eine leere Pension führt. In Düsseldorf musste Pinter einmal 30-mal vor den Vorhang, für ein wild buhendes, ein vor Empörung rasendes Publikum.
Auf Pinters Bühne erscheinen Leute, Penner, Betrüger, Versager, welche die Zuschauer vor der Bühne gewohnt waren zu übersehen und denen nun nicht auszuweichen war. Alles war diesem Pinter zuzutrauen, nicht zuletzt, dass ein Drama wie Die Geburtstagsfeier, später dann Der Hausmeister (1959), Die Heimkehr (1964), Betrogen (1978) oder Asche zu Asche (1996) Schullektüre werden würden. Zu Recht. Weil die Stücke etwas spiegeln, das die Essenz des 20. Jahrhunderts ausmacht. Eines Jahrhunderts, das so begierig auf Fortschritt drängte und so gerne die Drohung überhörte, dass auch nach den Kriegen und unter dem seichten Geplauder des Alltags etwas auf Ausbruch drängte, was alles hinwegfegen würde, Familie, Liebe, Freundschaft. Ein Dräuen von Urgewalt, etwas Böses, am deutlichsten hörbar in den leer hallenden Augenblicken zwischen den Wörtern und Sätzen.
Pinter entwickelte die Kunst, solche Augenblicke zu dehnen, bis sie als »Pinterpause« sprichwörtlich waren, er kultivierte sie zu angstvollen Momenten, unterspült durch die Unbestimmtheit der Figuren, über deren Herkunft wir wenig erfahren, von Orten, die im Ungefähren hängen. Ein schäbiges Hinterzimmer. Ein ödes Wohnzimmer. Die Demontage von Ort, Beziehung, Zeit erzeugt eine Verlorenheit, der sich die Figuren nicht ohne Würde widersetzen. Anders als bei Samuel Beckett kommt das nicht als philosophische Betrachtung rüber, sondern auch vibrierend von Schmerz und Zorn.
Der große Regisseur Peter Zadek, der ein großer Freund Pinters ist, hat die Bedrohlichkeit dieser Dramen mit der jener Mysterienspiele verglichen, in denen das Theater seinen Ursprung hatte und deren Blutgeruch noch bei Shakespeare nachhängt, bei dem Pinter seine erste Rolle fand. Macbeth, gespielt mit 15 Jahren, an der Hackney Downs Grammar School. Pinter liebte Shakespeare. Im Wohnzimmer der Eltern stand ein einziges Buch, mit Shakespeares Dramen. Pinters Figuren haben gelegentlich etwas von jenen finsteren Gestalten, die bei Shakespeare für dröhnendes Gelächter sorgen, wenn die Spannung unerträglich wird. Vor allem aber liebte Pinter die Sprache Shakespeares. In seinen Notizen zu Shakespeare beschreibt er sie: »guttural, gepfeffert, sparsam, voluminös, durchfallartig, transparent, hingeschleudert, zart, konsonantisch, stammelnd, aussätzig, nackt, messerscharf, humpelnd, durchdringend, flüsternd, klinisch, taub, verquält, lüstern, böse, vollmundig, durchgeknallt, einsilbig, krampfhaft, unanständig, predigend, unmittelbar, eisig, bösartig, furchtsam, geblendet, blasig, schimmlig, quälend…« Usw., viele Zeilen lang. Man versteht, welche Disziplin es Pinter gekostet haben muss, sich sprachlich auf jene Dürre zu reduzieren, die der Ausdruck seiner Moderne ist, was einem Verstummen von Hoffnung nahekommt. Nicht eingerechnet den Pinterschen Willen zu überleben, natürlich, und seinen Furor.
Noch in seiner letzten großen Rede forderte er atemlos Gerechtigkeit
Für seine letzte Rede erschien er vor dem Publikum der Stockholmer Nobelpreisverleihung per Video wie ein Wiedergänger von Hamlets totem Vater, atemlos Gerechtigkeit fordernd, in diesem Fall für die Opfer der amerikanischen Außenpolitik: »Nach dem Ende des 2. Weltkrieges unterstützten die Vereinigten Staaten jede rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt, und in vielen Fällen brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien, Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die Türkei, die Philippinen, Guatemala, El Salvador und natürlich Chile…« Usw., viele Zeilen lang.
Pinter sprach ohne Pause, als könnte er die letzte, ewig währende Pause hinausschieben, in der alles sein Ende findet, auch der Ruhm, der so schnell ein Opfer des Vergessens wird, was ja die letzte Drohung ist.
Einmal, erzählte Pinter gerne, habe ihm eine Mutter ihren kleinen Sohn vorgestellt. Herr Pinter, habe sie dem Buben voller Ehrfurcht erklärt, sei ein ganz berühmter Schriftsteller! A very important writer!
»Und kann er auch ein W?«, habe das Kind gefragt. Pinter erzählte es mit dröhnendem Gelächter.
- Datum 31.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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