SPD-Hessen »Jo, isch kann«
Thorsten Schäfer-Gümbel hat die hessische SPD mit Witz und Selbstironie fürs Erste geeint
Die Bratwurst nimmt er gern, aber das Sauerkraut lässt er zurückgehen. Sauerkraut und Fußball seien die beiden Dinge, die ihn »nun wirklich von der Andrea« unterschieden, behauptet Thorsten Schäfer-Gümbel im Restaurant des Flugplatzes von Kassel-Calden. »Die Andrea« liebe Sauerkraut, er hasse es. Und »die Andrea« sei Eintracht-Frankfurt-Fan, er hingegen Anhänger von Bayern München. So viel zu Verlierern und Gewinnern, so viel zu ihm selbst und Andrea Ypsilanti. »Die Bratwurst ist übrigens besser als gedacht«, sagt er dann und lächelt sein schönstes Riesenbabylächeln.
Über Kassel-Calden erzählen sie weiter südlich im Land, es läge in Hessisch-Sibirien. Und über Schäfer-Gümbel erzählen sie im Rest der Republik, dass sie so einen wie ihn noch nie gesehen hätten. Schäfer-Gümbel, 39, geborener Bayer, politisch sozialisierter Südhesse, römisch-katholisch getauft, heute evangelisch, lebt und erlebt Politik im Zeitraffer. Am 8. November präsentierte ihn die Frau, die bei ihm nur »die Andrea« heißt, einer verblüfften Öffentlichkeit als SPD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl Anfang 2009. Seit dem 9. November führt Schäfer-Gümbel Tagebuch. Festgehalten hat er, wie ihm, dem Überraschungskandidaten, umgehend das Etikett »Marionette Ypsilantis« umgehängt wurde. Wie die Medien seinen Aufstieg vom Sprecher der Landtagsfraktion für Technologiepolitik, vom stellvertretenden Vorsitzenden der SPD Hessen-Süd, vom fleißigen Zuarbeiter zur neuen Nummer eins der Sozialdemokraten im Land als gespielten Witz mit zehnwöchiger Laufzeit inszenierten.
Die Brille, der Doppelname – erst waren sie lustig, dann Markenzeichen
Wie sie sich über seine zu kleine Brille lustig machten, seinen Müller-Lüdenscheid-ähnlichen Namen, seine zu weichen Gesichtszüge. Er galt als Übergangsfigur, gutmütig und naiv genug, um sich am 18. Januar eine historische Wahlklatsche verpassen zu lassen und danach wieder in die dritte Reihe zu verschwinden. Und niedergeschrieben hat er, wie plötzlich alles anders war, wie sich die Witz- zur Kultfigur wandelte, wie der vermeintlichen Marionette plötzlich ein Eigenleben attestiert wurde, wie sich Thorsten Schäfer-Gümbel zu »TSG« verdichtete. TSG, der Mann, der die verkrusteten Rollenspiele mit etwas aufbricht, was der hessischen Politik stets gefehlt hat: Selbstironie.
Die Debatte um seine Brille beendet Schäfer-Gümbel, indem er sich eine neue zulegt, die aussieht wie die alte. Den Diskurs über sein Äußeres, indem er im Landtag Koch zuruft, es würde im Januar zwar nicht Germany’s next Topmodel gewählt, aber im Zweifel würde er eine solche Wahl für sich entscheiden. Und über die »Yo isch kann«-T-Shirts, mit denen er satirisch in die »Yes, we can«- Höhen internationaler Welterrettungserwartung aufsteigt, kann Schäfer-Gümbel herzhaft lachen. Auch deshalb, weil er ganz genau weiß, dass all der Ulk mit dem Äußeren, all das Gerede über den Zynismus der Medien und die Ehre des Gümbel ihn in Rekordzeit bekannt gemacht haben. »Es gab in Hessen SPD-Spitzenkandidaten, die nach zwei Jahren deutlich schlechtere Bekanntheitswerte hatten als ich nach zwei Wochen«, sagt Schäfer-Gümbel im Fond seines Wagens zwischen zwei Terminen. Das motiviere schon sehr, jetzt, da der kurze, heiße Wahlkampf beginne, das setze schon »eine gehörige Portion Adrenalin frei«. Er sei selbst überrascht davon, wie »grandios die Sache« für ihn »als Person« laufe, wenn man bedenke, aus welchem Chaos das alles erwachsen sei. Euphorie? »Laut Duden ist Euphorie ein überschwängliches Glücksgefühl nah am endgültigen physischen und psychischen Zusammenbruch«, schießt es aus ihm heraus. »Und Zusammenbrechen steht nicht auf meinem Plan.«
Ypsilanti ist noch da, immer noch. Sie hätte vom Landes- oder vom Fraktionsvorsitz oder gar von beidem zurücktreten müssen, um TSG nach außen wie innen wirklich stark zu machen, meinen die einen in der hessischen SPD. Ein Rückzug ihrer Frontfrau hätte weite Teile der Partei im Wahlkampf gelähmt, vielen Mitgliedern jede Motivation genommen, glauben andere. Schäfer-Gümbel gehört eher zu Letzteren – und lässt hie und da durchblicken, dass es zwischen ihm und »der Andrea« eine klare Vereinbarung gibt, wonach seine Rolle nach der Wahl kaum kleiner ausfallen werde als zuvor, ungeachtet des Ergebnisses. Für die Andrea gilt das wohl weniger.
Redaktionsbesuch bei der HNA, der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen in Kassel. Für Schäfer-Gümbel ein Vorgeschmack darauf, was in den rund zweieinhalb Wochen bis zum Wahltag auf ihn zukommen könnte. Die HNA- Redakteure wollen über das reden, was war, Schäfer-Gümbel über das, was kommt. Nur beim Thema Ypsilanti ist es umgekehrt. Im Gegensatz zu Ypsilanti hat Schäfer-Gümbel den Versuch, mit Grünen und der Linkspartei ein politisches Bündnis einzugehen, das genannt, was es war: Wortbruch. Für ihn war klar, dass er Vergangenes beim Namen nennen muss, damit die hessische SPD in Zukunft wieder Gehör findet. Dazu sägte er noch Hermann Scheer ab, Ypsilantis Solarpapst – und zog dann am 13.Dezember beim Landesparteitag in Alsfeld einen Schlussstrich. Damit solle es dann auch genug der Buße sein, fortan werde man wieder darüber sprechen, was man politisch wolle.
Doch so einfach ist das nicht. Die CDU akzeptiert den Schlussstrich nicht, viele Wähler tun es ebenso wenig – und bei der HNA niemand. Warum zweimal mit dem Kopf an die gleiche Wand, warum zahle sich der Wechsel bei der Spitzenkandidatur in den Umfragen nicht aus, wo die SPD um die 25 Prozent liege, die CDU aber bei 41 – und warum ist Ypsilanti immer noch da? Schäfer-Gümbel gerät in die Defensive – und kontert selbstbewusst. Das Erste sei hinlänglich beschrieben, die persönlichen Umfragewerte, vor allem die Frage der Beliebtheit, seien doch wohl eher für Koch bedenklich, der seit zehn Jahren regiert, als für ihn, den Nobody, und ja, »die Andrea« sei noch da, aber er sei jetzt die Nummer eins. Außerdem habe die HNA in der Debatte um den Ausbau des Flughafens Kassel-Calden einseitig berichtet. Es folgen vier Punkte mit diversen Spiegelstrichen. Als der Chefredakteur nach rund 20 Minuten sagt, »Lassen Sie mich die Frage…«, unterbricht ihn Schäfer-Gümbel: »Ach, eine Frage, bisher haben Sie mich ja nur mit Feststellungen konfrontiert.«
Das ist der Punkt, an dem sich in der jüngsten Hochgeschwindigkeitskarriere die Möglichkeit einer nächsten Stufe andeutetet: des Umschlags vom Selbstbewusstsein in Hochmut. Bei den HNA- Leuten punktet TSG trotzdem. Ihr Fazit nach 60 Minuten: Deutlich besser als Ypsilanti, es gebe da einen großen Unterschied, Schäfer-Gümbel kenne die Fakten.
Ypsilanti plant die »soziale Moderne«, er spricht vom »ländlichen Raum«
Der gute Eindruck basiert im Kern darauf, dass man bei Schäfer-Gümbel etwas antrifft, das wohl nur jene Politiker auszeichnet, die widrige Umstände nach oben spülen: Unverbrauchtheit, Authentizität. Nächster Termin, nächste Autofahrt. Neben der Bildung werde die Wirtschaftspolitik im Zentrum seines Wahlkampfes stehen, erzählt Schäfer-Gümbel unterwegs. Die Frage, wie Hessen mit einer Krise fertig werde, die es im wirtschaftsliberalen Weltverständnis eines Roland Koch gar nicht geben dürfe. Als man ihm entgegnet, hierzu habe er aber auf seinem Nominierungsparteitag herzlich wenig gesagt, bekommt man eine fünfminütige Selbstanklage über die Fehler dieses Tages zu hören. Falscher Übergang hier, Wirtschaft zu spät und zu kurz, insgesamt viel zu lang, das Ende verbaselt.
Dass die Bildungspolitik, im Wahlkampf essenziell, nicht zu seinen Spezialgebieten gehört, räumt Schäfer-Gümbel freimütig ein. Also hat er das geändert. Seit seiner Nominierung tourt TSG unermüdlich durch Hessen. Vorn lenkt Jens Christof Pieper, der Juso, der in 20 Sekunden jede Autobahn der Republik erkennen kann, womit er es schon zum Wettkönig bei Thomas Gottschalk gebracht hat. Und hinten büffelt Schäfer-Gümbel Bildung und was man sonst noch so braucht, um innerhalb von 71 Tagen Landesvater von Hessen zu werden.
Das Wahlprogramm von Ypsilanti gilt unverändert. Nur hat Schäfer-Gümbel die Groß- und Kleinschreibung geändert. Wirtschaft wird jetzt groß-, Energiewende kleingeschrieben. Und ein Bündnis mit der Linkspartei ist nicht mehr ausgeschlossen, wie bei der Wahl vor einem Jahr. Wo Ypsilanti unentwegt die »soziale Moderne« beschwor, spricht TSG nun über den »ländlichen Raum«. In Hessen muss nicht mehr der Endkampf zwischen Gut und Böse ausgetragen werden. Jetzt reicht es zuweilen schon, dass ein Dorf seine Grundschule behalten soll. Wie erfrischend.
Wenn an diesem Wochenende der Wahlkampf startet, steht der erste Sieger bereits fest. Thorsten Schäfer-Gümbel hat den Graben zwischen südhessischen SPD-Linken und nordhessischen SPD-Rechten fürs Erste zugeschüttet und einer in Selbstmitleid versunkenen Partei so etwas Ähnliches wie neuen Kampfesmut vermittelt. Er kann auch als Erfolg verbuchen, dass Roland Koch einem TV-Duell mit ihm aus dem Weg geht. TSG hat also schon viel gewonnen, drei Wochen vor der Wahl. Und auch eine Niederlage am 18. Januar, wenn sie nur nicht zu schlimm ausfiele, wäre für ihn persönlich ein Sieg.
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- Datum 31.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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hätte die SPD tatsächlich nicht finden können.
Bisher war ich gewohnt, hier Politiker zu sehen, die mit heiligem Ernst die rechte/linke Sache vetreten, was natürlich zu Wortbrüchen, ungehobelten Wahlkämpfen etc. berechtigt - der Zweck heiligt die Mittel. Hier haben sich Frau Y und Herr K nicht sehr unterschieden.
Dieser Kandidat ist wenigstens in dieser Hinsicht eine echte Alternative. Erfrischend.
Nun, da Koch vermeintlich haushoch siegen wird, darf auch die ZEIT mal gönnerhaft wohlwollende Zeilen über den Underdog Schäfer-Gümbel verlieren. Ist doch Stalins Widergänger, das Gespann Ypsilanti/Scheer aus dem Weg geputscht. Sage noch einer, die Meinungsmedien hätten keinen Einfluss. Hatte Piechs Laufbursche doch recht - nur BILD und Glotze?
ist das Kernproblem sämtlicher sogen. bürgerlicher Parteien.
Es ist die Trennung von Parteifunktionären und Wählerschaft.
Das immer extremere Auseinanderklaffen der Interessenszenarien, die immer unverholenere Gruppeninteressenvertretungspolitik, die ihren vorläufigen Gipfel in der Lobbypolitik des Deutschen Bundestages gefunden hat und in der - wie man am Beispiel des SPD-Bezirks Eimbsbüttel in Hamburg sehen kann - die Etablierung eines total intransparenten innerparteilichen Machenschaftssystems, das nach den Prinzipien der Kunst der Täuschung totalitären Machtgrüppchen die Möglichkeit der "Machtübernahme" einräumt.
Das hohe Lied des demokratischen Zentralismus singt inzwischen nicht mehr nur die Gefolgschaft der Kommunistischen Plattform. Es wird inzwischen auch vom Seeheimer Kreis der SPD, der Mittelstandsvereinigung der CDU und den entsprechenden Klüngeln in der CSU, FDP und sogar immer größeren Teilen von Bündnis 90/Die Grünen geträllert.
Dieser Zustand von Partikularismus in der deutschen Politik ist aber auch der Grundstein des Niedergangs des deutschen Parlamentarismus, der eben nicht auf feudalistische oder gar finanzspekulativ-feudalistische
Gruppenegoismen fußt, sondern ausschließlich auf konsensuale Gemeingesellschaftspolitik und das Prinzip des Glücks der größten Zahl ausgerichtet ist.
So gesehen sind die Totengräber dieser 2. Deutschen Republik eben die bürgerlichen Parteien und ihre führenden Repräsentanten.
Dieses Urteil ist derart vernichtend, dass man um die Zukunft unserer Gesellschaft massiv zu fürchten hat.
Jaaaaaa, danke für diesen Kommentar!!! ;)
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oída ouk eidós
Es gibt die Gesellschaft nicht mehr, um die Sie sich fürchten. Seit 20 Jahren nicht mehr...
Jaaaaaa, danke für diesen Kommentar!!! ;)
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oída ouk eidós
Es gibt die Gesellschaft nicht mehr, um die Sie sich fürchten. Seit 20 Jahren nicht mehr...
Jaaaaaa, danke für diesen Kommentar!!! ;)
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oída ouk eidós
(entfernt. Bitte bleiben Sie in Ihrer Kritik im Rahmen der Fairness. Die Redaktion/jk)
Nur dafür den neuen Spitzenkandidaten der Hessen-SPD vorzuführen: Nur weiter so, mit jedem Schreibsel wird die Absicht erkennbarer. Arme ZEIT.
Es gibt die Gesellschaft nicht mehr, um die Sie sich fürchten. Seit 20 Jahren nicht mehr...
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