Ich habe einen Traum "Ich würde gerne allen beweisen, dass ich sauber bin"
Britta Steffen möchte sich die Weltmeisterschaft holen und dabei nicht in Dopingverdacht geraten
Mein erster Gedanke nach dem Olympiasieg über 100 Meter Kraul: Ich freu mich auf was zu essen und mein Bett. Das sind bescheidene Träume, aber sie machen glücklich. Mir ist eine Riesenlast vom Rücken, vom Herzen, einfach überall runtergefallen. Wie auf Wolken bin ich gegangen, ich war so unangreifbar! Aber das Gefühl nimmt dann ab, und du fragst: Okay, was will ich jetzt erreichen? Olympiasiegerin – das war ja mein Kindheitstraum. Bei den Spielen 1992 und 1996 hab ich mit meinem Papa Fernsehen geguckt und mit Franziska van Almsick gezittert und für sie gebetet – und dann wurde sie immer »nur« Zweite. Ich hab mir nie zugetraut, dass ich mal etwas Größeres erreiche als sie.
2004 habe ich Franziska dann zum ersten Mal über 200 Meter Kraul geschlagen. Da hab ich geträumt, dass sie und ich in einer dunklen Suhle stecken und uns gegenseitig untertauchen und keine Luft mehr kriegen. Danach war ich wie ein Lamm zu ihr, hab mich nicht mehr getraut, sie anzugucken. Ich bin auch richtig schlecht geschwommen, weil ich ein Problem damit hatte, schneller zu sein als sie. Aber ich habe auch schon geträumt, dass ich unter Wasser atmen kann. Wir hatten zu Hause das Märchen von der kleinen Meerjungfrau, vielleicht lag es ja daran.
Jetzt konzentriere ich mich erst mal auf mein Studium, und dann träume ich davon, mir im Sommer die Weltmeisterschaft zu holen – der einzige Titel, der mir noch fehlt. Da ich nicht wirklich geglaubt habe, in Peking zweimal gewinnen zu können, hatte ich mir vorher gesagt: Danach hör ich auf. Ich wollte immer auf dem Zenit abtreten, aber nun merke ich, wie schwer es ist, loszulassen. Die Schwimmerei kann ich ja nur jetzt betreiben.
Eigentlich war mein Traum, bei den Spielen persönliche Bestzeit zu schwimmen, egal, welche Medaillenfarbe das bedeutet. Damit hätte ich alles richtig gemacht. Und dann schwimme ich drei Wochen vorher viel schneller! Und ich weiß nicht, ob ich mit einem Weltrekord 100 Prozent glücklich gewesen wäre. Denn dann wird dir gleich wieder Doping unterstellt. Von daher war ich fast froh, keine Bestzeit geschwommen zu sein. Geredet wurde aber trotzdem: »Wie kann das sein – alle Deutschen schwimmen schlecht, nur die, die bei einem Dopingtrainer trainiert, schwimmt hier gut!« Da hab ich erst mal geheult. Das war bitter.
Mein Riesentraum wäre, hundertprozentig beweisen zu können, dass ich sauber bin. Dann kann einem keiner mehr. Dazu müsste ich mich wohl 24 Stunden am Tag mit einer Webcam beobachten. Es bleibt ein Traum, den ich mir nicht erfüllen kann, niemals. Die Frage, ob man solche Leistungen wirklich nur mit gesunder Ernährung und Mentaltraining bringen kann, ist ein Totschlagargument. Da kann man nichts gegen sagen. Aber damit muss ich wohl leben.
Britta Steffen, 24, wurde im brandenburgischen Schwedt geboren, wo sie auch mit dem Schwimmen begann. Bei den Spielen von Peking, ihrer dritten Olympiateilnahme, gewann sie Gold über 50 und 100 Meter Freistil. Sie lebt und trainiert in Berlin und studiert dort Umwelttechnik
Aufgezeichnet von Christof Siemes
Zu hören unter www.zeit.de/audio
- Datum 31.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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