Manchmal erzählt die Stille eine Geschichte. Die Art und Weise, wie sie plötzlich einbricht, wie das Gespräch versiegt, wie die vier Männer verstummen, als verstünden sie die Frage nicht. Als könnten sie sich nicht erinnern. Sie versuchen dann die Sprachlosigkeit zu überbrücken, sie nippen am grünen Tee, der mehr wärmt als schmeckt, sie drehen eine der verschrumpelten albanischen Orangen in ihren Händen oder hantieren an dem Gasofen, der die Kälte in der leeren Wohnung nicht vertreiben kann.

Guantánamo? Die Geschichte ihrer Zeit in Guantánamo wollen sie nicht erzählen. Wann immer sie sich dem Ort nähern, der zum Synonym für Folter und Rechtlosigkeit geworden ist, weichen Ahmet, Ayoob, Akhabar und Abubakker aus. Sie meiden Gespräche über die Zeit der Gefangenschaft, als ob sie sich ihres Leidens dort zu schämen hätten. Als ob sich nicht diejenigen schämen müssten, die ihnen das angetan haben.

Sie sind unschuldig. Das haben ihnen die Amerikaner bestätigt. Sonst wären sie nicht hier, in dieser ungeheizten Wohnung in Albanien. Viereinhalb Jahre lang haben sie in Guantánamo gesessen, unschuldig, in jedem Verhör haben sie das betont, und sich gefragt, wieso ihnen nach Monaten geglaubt wurde und sie dennoch nicht frei kamen. »Wir suchen ein Land, das euch aufnimmt«, wurde ihnen gesagt. Die Amerikaner gingen davon aus, dass die Uiguren gefährdet wären, wenn sie nach China zurückkehrten. Einen Staat nach dem anderen hatten sie erfolglos angefragt, ob sie die Uiguren aufnehmen könnten. Doch wer staatenlos ist, so erfuhren die Uiguren, ist schutzlos, wem kein Land Rechte garantiert, der verfügt über keine Rechte.

Guantánamo? Wer dort inhaftiert gewesen ist, musste schuldig sein. Warum sonst wären sie dort gewesen. Drei Jahre vergingen auf der Suche nach einem Land, das den Amerikanern glaubte, dass sie unschuldig seien – dann nahm Albanien sie auf. Sie hatten erst »Albania« gehört und »Alemania« gedacht. Deutschland, da wollten sie gerne hin. Als der Irrtum sich aufklärte, waren sie entsetzt. Albanien, da wollten sie nicht hin. Dann wurde ihnen erklärt, dass sie hier eine Chance hätten. Nur hier.

Da sitzen sie nun, Ahmet, Akhabar, Ayoob und Abubakker, und wollen über Guantánamo nicht sprechen. Nun, da sie frei sind, nun, da ihre Unschuld bestätigt wurde, fühlen sie sich schuldig. Nicht weil sie etwas getan hätten, sondern weil sie frei sind und siebzehn weitere uigurische Gefangene nicht.

Viereinhalb Jahre lang waren sie eingesperrt ohne offizielle Anklage, ohne Prozess, zehn Monate davon in einem Käfig von 1,70 mal 2,20 Meter, sie wurden gefesselt und geknebelt, geschlagen und belästigt, und nun, da sie frei sind, fragen sie, warum es sie getroffen hat und ihre Leidensgenossen nicht. Und dann erzählen sie. Nicht, um die Amerikaner zu belasten, sondern um die Uiguren, die noch in Guantánamo inhaftiert sind, zu entlasten.

Wie sie aufgebrochen sind, damals, als sie noch in China lebten, jeder für sich, Ahmet, Ayoob, Abubakker und Akhabar, die sich damals noch nicht kannten: Diese Geschichte können sie erzählen, ohne zu stocken. Damals hatten sie noch Namen und keine Nummern. China konnte die muslimische Minderheit in der Gegend, welche die Uighuren Ostturkistan nennen, zu jener Zeit verfolgen, ohne dass sich jemanden im Westen darum geschert hätte. Die Gefangenen von später waren damals noch Individuen, jeder mit einem Traum vom Glück, diesem pursuit of happiness, dem Grundsatz, der Amerikanern so wertvoll ist, dass sie ihn in der Verfassung verewigt haben.