Wenn man doch nur wirklich jedes Jahr wieder von null anfangen könnte! Amerikas neuem Präsidenten Barack Obama käme das sehr gelegen. Doch unglücklicherweise ist die Welt nach George W. Bush noch immer Bushs Welt. Geopolitisch betrachtet, ist die Liste der Herausforderungen, mit denen Amerika zu kämpfen hat, im vergangenen Jahrzehnt länger geworden. Es gibt keinen Masterplan, mit dem sich die Probleme im Irak, in Afghanistan, in Russland oder in Iran lösen ließen, auch keinen für den Sieg über al-Qaida.

Zudem sind die Vereinigten Staaten nicht mehr die Macht, die die globale Tagesordnung bestimmt. Die Themen, die jetzt, beim Eintritt in die komplizierte nachamerikanische Welt, auf dem Radar erscheinen, sind vielfältiger und komplizierter geworden. Um beim Bild aus der Astronomie zu bleiben: Man muss die Planeten im Blick haben (die großen Mächte), aber auch die Kometen (die mittleren Mächte) und die Konstellationen von Himmelskörpern (regionale und multilaterale Institutionen). Zugleich darf der kosmische Staub (Terroristen, Pandemien, Finanzkrisen) nicht außer Acht gelassen werden, der schwere atmosphärische Störungen verursachen kann. Jedes Problem hat Auswirkungen auf das gesamte System und erfordert daher eine Reaktion, die spezifisch und systemisch zugleich sein muss. Darin liegt das Paradox des Versuchs, eine künftige Weltordnungspolitik zu finden: Aus geistiger Bequemlichkeit möchte man vielleicht gern glauben, Präsident Obama sei in der Lage, die Führungsrolle der Vereinigten Staaten wiederherzustellen. Doch Amerikas geschrumpfte Macht hat strukturelle Ursachen und hängt nicht von einzelnen Akteuren ab. Unser Sonnensystem hat keine Sonne mehr.

Die systemischste aller Herausforderungen ist die globale Finanzkrise – und sie wird es bleiben. Die meisten westlichen Volkswirtschaften sind in die Rezession geraten. Amerikaner und Europäer kämpfen darum, ihre wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit wiederzugewinnen. Beide sehen sich immer öfter gezwungen, mit ihren Kreditgebern in der Zweiten Welt zu verhandeln, den immer selbstbewussteren Nationen des Südens und Ostens – mit arabischen Scheichs und deren Staatsfonds oder mit Chinas Nationalbank, deren Währungsreserven mittlerweile mehr als zwei Billionen Dollar betragen. Früher waren die Vereinigten Staaten ein Quell der globalen Kapitalversorgung, heute saugen sie selbst Kapital auf.

Zugleich steigt in Asien die Nachfrage. Das riesige Stimuluspaket der Chinesen in Höhe von nahezu 600 Milliarden Dollar wird zum einen China selbst vor inneren Unruhen bewahren. Zum anderen aber haben sich die Chinesen seit der asiatischen Finanzkrise vor einem Jahrzehnt so eng mit den anderen Volkswirtschaften in der Region vernetzt, dass sie zugleich etwa den Aufschwung der koreanischen Wirtschaft stützen. Und auch Australien, ein ehemals enger Bündnispartner der Vereinigten Staaten, ist bislang aufgrund der gewaltigen chinesischen Nachfrage nach Erdgas und Eisenerz so gut wie gar nicht von der Krise betroffen.

Scheinheilige westliche Klagen über »globale Ungleichgewichte« rufen heute nur wenig Mitleid hervor, wo doch die Vereinigten Staaten und Europa so lange zögerten, die Machtungleichgewichte in wichtigen Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zu beseitigen. Selbst nach dem Washingtoner Gipfeltreffen der G20 im vergangenen November ist nicht einzusehen, warum China, Korea, Japan und andere wichtige asiatische Staaten mit großen Währungsreserven ihr Geld für eine zentrale Hilfsinstanz im fernen Washington hergeben sollten. Schließlich können sie ihre Mittel ebenso gut in einen eigenen regionalen Währungsfonds investieren.

Ganz sicher hat die gegenwärtige Finanzkrise die globale strategische Verschiebung in Richtung eines geopolitischen Marktplatzes beschleunigt. China kann seinen Mix aus neomerkantilistischem Handel und Investitionen in Zentralasien und Afrika eher selbstbewusster betreiben. Zugleich freuen sich die Exporteure von Öl und anderen Rohstoffen über die immer noch beachtliche Nachfrage aus China und Indien, die das Wegbrechen westlicher Märkte auszugleichen hilft. Zweifellos hat das auch politische Folgen: Wachsen wird der chinesische Einfluss auf der koreanischen Halbinsel; verbessern wird sich auch die Position Russlands in den Auseinandersetzungen um das Thema Energiesicherheit oder Iran.