Edgar Allan Poe Risse in der WandNr.69
Der Untergang des Hauses Poe: Seine letzte Bleibe verfällt in der Bronx, umflutet vom Durchgangsverkehr
Im Jahre 1844, fünf Jahre vor seinem Tod, beschloss Edgar Allan Poe mit seiner Familie vor der schlechten New Yorker Luft ein paar Meilen nordwärts ins dörfliche Fordham zu flüchten, wovon er sich Besserung für seine tuberkulosekranke Frau Virginia erhoffte. Damals führte ein Ausflug nach Fordham mitten aufs Land, in bukolischer Umgebung weideten Kühe und wuchsen Obstbäume. Heute hat den Ort die Bronx verschluckt, und dorthin fährt der D-Train, eine New Yorker U-Bahn-Linie.
Das letzte Mal, als ich den D nahm, befand ich mich todmüde auf dem Nachhauseweg von Brooklyn zur Upper West Side und scheiterte mit meiner Interpretation seines Nachtfahrplans. Machtlos rauschte ich an meiner und sechs weiteren Haltestellen vorbei, bis ich endlich an der 125th Street in die Freiheit taumelte. Als auch nach einer halben Stunde noch kein Zug in die Gegenrichtung auftauchte, gab ich auf. Draußen schüttete es. Taxi Fehlanzeige. Um drei war ich zu Hause.
Auch heute, an einem trüben Winternachmittag, fällt Regen, stimmungsmäßig durchaus passend für einen Besuch bei Poe. Laut Internet-Lageplan liegt mein Ausflugsziel an der Haltestelle Kingsbridge Road. »It’s right there. You’ll see it«, erklärt der Mann im U-Bahn-Kabuff nach meiner glücklichen Ankunft und wedelt mit der Hand vage Richtung Ausgang. Der Weg ins Freie führt durch einen gelblich-fahl beleuchteten, vermüllten Verkehrstunnel; draußen wartet bleiernes Dezembergrau, heftiger Wind peitscht Regenwasser ins Gesicht.
Umflutet vom Durchgangsverkehr zweier mehrspuriger Straßen liegt wie eine ländliche Insel im urbanen Krach eine eingezäunte Grünfläche, darauf – eingebettet zwischen einem riesigen Sandhügel und verwelkten Staudenbeeten – ein kleines weißes Holzhäuschen. Ein Schild bestätigt: Es handelt sich um des Dichters letzten Wohnsitz, im Besitz des Department of Parks and Recreation, welches das Cottage gemeinsam mit einer gemeinnützigen Organisation, dem Historic House Trust, als Museum betreibt. Romantischeren Gemütern würde das windschiefe Ding, Baujahr 1812, vermutlich Entzückensschreie entlocken, im Näherkommen zeigt sich jedoch die brutale Wirklichkeit: Holzschindeln baumeln lose, Farbe blättert, Fensterläden ächzen morsch in den Angeln.
Drinnen gibt ein netter junger Mann mir, der einzigen Besucherin, für drei Dollar Eintritt eine Führung durch fünf winzige Räume, in deren Wänden tiefe Risse klaffen. Das Dichterdomizil scheint mir akut einsturzgefährdet, der junge Mann weist beruhigend auf eine geplante Restaurierung hin und präsentiert angeblich echte Möbelstücke der ehemaligen Bewohner, darunter, wie er mir stolz versichert, das »original bed«, in dem Virginia schließlich nach zwei Jahren Kampf gegen die Krankheit ihr Leben aushauchte.
Zur Abrundung gibt es nach Überwindung einer halsbrecherisch steilen Treppe im Dachgeschossraum die Vorführung eines abgenudelten Videos, das mich darüber aufklärt, Poe habe hier Annabel Lee, Eureka und The Bells geschrieben. Virginias Bett kommt auch vor und selbstverständlich die geheimnisvoll-ungeklärten, nahezu unheimlich Poe-gemäßen Umstände, unter denen der Dichter zwei Jahre nach Virginias Tod in Baltimore ums Leben kam. Maria Clemm, seine Schwiegermutter, die ebenfalls mit im Cottage gewohnt hatte, verkaufte schließlich die Einrichtung und beschloss ihre Tage verarmt in einem Heim, in dem sie von den Zuwendungen wohltätiger Menschen lebte. 1913 nahm sich die Shakespeare Society des von der Zerstörung bedrohten Cottage an und verpflanzte es etwa hundert Meter an seinen jetzigen Platz.
Von seinem Ursprungsstandort, wo heute sechzehn Buslinien an den im Anschluss errichteten Mietskasernen vorbeirauschen, konnte Poe einst bis zum Long Island Sound schauen. Von der bereits für 2008 versprochenen Restaurierung zeugt bisher nichts als der gewaltige Sandhaufen gegenüber der Veranda. Arme Bronx Historical Society! So knapp wie die Kassen der Stadt in den nächsten Jahren sein werden, erscheint mir die Zukunft des Cottage so schwarz wie Poes Rabe.
Ich verabschiede mich dankend von meinem netten Museumsführer. Draußen schüttet es wie aus Kübeln. Sind Ausflüge in die Bronx eigentlich untrennbar mit grauenhaftem Wetter verbunden?
Zu Hause klart der Himmel auf. Freunde, die in der Bronx leben, schwören, an schönen Tagen sei auch bei ihnen der Himmel blau und die Sonne strahle, genau wie in Manhattan, aber ich habe Zweifel. Ich glaube, dass Poes ruheloser Geist dort umherwandert und es in trüber Finsternis regnen lässt.
- Datum 31.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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