Bauer sucht ZEIT
Unser Artikel über moderne Landwirtschaft rief Widerspruch hervor – und die Einladung zu einem Besuch auf dem Hof Von burkhard strassmann
Fernes Dröhnen von der A3, gelegentlich ein ICE. Leises Summen vom Gasmotor der Biogasanlage. Muhende Kühe. Nein, Kühe blubbern nicht, und die gärende Jauche unter der dunkelgrünen Plastikplane hört man nicht. Eins zu null für Bauer Höhler.
Angelika Höhler zieht es gleich zum Vieh. Immer zieht es sie zum Vieh. Ihr Mann sagt, sie sei eine »Kuhfrau«. – »Der Landwirt will überhaupt nichts mehr mit seinen Tieren zu tun haben«, hatte in der ZEIT gestanden. Wer so etwas schreibt, kennt Frau Höhler nicht.
Ohne sie hätte der Bauer die Viecherei längst aufgegeben. Ackerbauer müsste man sein, da könnte man im Winter zum Jagen fahren. Aber so? Mit Kühen? 365 Tag im Jahr ist man im Einsatz, 24 Stunden am Tag. Kühe sind unplanbar. Dann sagt die Bäuerin kurz hintereinander zwei Sätze, die nicht zusammenpassen wollen: »Das ist ja gerade das Tolle an den Tieren.« Und: »Wenn man Kühe macht, muss man einen Knall haben.«
Mit dem Widerspruch kann sie leben. Urlaub? Eine Woche im Jahr, Skilaufen, dann kümmern sich die Lehrlinge um Haus und Hof. Wenn sie fit sind. Oder eine professionelle Aushilfe. Einmal nach Hamburg zum Musical, das wär’s. Bloß: »Mit dem Kopf ist man immer im Stall.«
Aber, Frau Höhler, was ist mit der Automatisierung? »Kommen Sie mal mit!« Vorbei geht es an weißen Plastikiglus – darin verstecken sich die ganz frischen Kälber, manche einen Tag alt, noch wackelig auf den Beinen. Hier kriegen sie ein paar Tage lang Muttermilch, das gilt schon als Luxus. Die Jungs werden nach 14 Tagen aussortiert und in die Kälbermast verfrachtet. Bei Höhlers gibt es ausschließlich »Mädchen«, wie die Bäuerin ihre Rinder nennt. Wenn sie nicht gut auf sie zu sprechen ist, sagt sie »Damen«.
Jedes Kalb hat einen Namen und eine Nummer. Der Futterautomat liest die Daten vom Chip am Halsband. Er weiß, welches Tier was zu sich nimmt, ob es Milch säuft oder Sojaschrot schluckt. Der Automat weiß auch, wer sich nicht normal ernährt. Normal wäre: ein halber Liter Milch in einem Zug, zweieinhalb insgesamt. Unnormal: langsam saufen, Milch verweigern. Dann schlägt der Apparat Alarm. Das ist aber auch schon alles. Das abweichende Verhalten deuten muss nach wie vor die Bäuerin. Lungenentzündung? Durchfall? Der Automat passt auf. Aber er greift nicht ein.
Die Milchkühe haben es gut. Ihr Stall ist neu und luftig: Er hat keine Wände, nur Netze. Kühe mögen es zehn, ja, bis zu zwanzig Grad kühler als Menschen, und im »Außenklimastall« atmen sie nicht ihre eigenen Abgase ein. »Das steigert die Tierleistung«, sagt der Bauer. Der mit Gummi belegte Boden trägt dazu bei und das Stroh, dort, wo die Kühe sich zum Kauen lagern. Tierleistung bedeute: »Die bezahlen den Luxus – mit 11000 Litern Milch im Jahr.« Nachteil: viel Handarbeit.
»Eine Kuhputzmaschine übernimmt das Kraulen und Kratzen«, hatte der Stadtmensch geschrieben. In den Stallecken stehen solche Bürstenautomaten, die automatisch anspringen. Zwar gibt es auch schmusige Kühe, die lieber von Hand gekrault werden, aber bei 170 Milchkühen kämen die Bauern aus dem Kratzen gar nicht mehr heraus. »Die Kuh ist dreckig, sie kann nicht mehr so gut schwitzen – da geht sie zur Bürste.« Die ZEIT hat recht, der Bauer seine Gründe.
Die fortschrittlichste Technik auf Höhlers Hof findet man in der Melkanlage. Das ist das Reich der Kuhfrau. Die Kühe trotten in ein Karussell, die Bäuerin reinigt die Euter und melkt vor, setzt das Geschirr an, und während sich das Karussell dreht, wird das Euter geleert – praktisch. Früher schaffte man 13 Kühe in einer Stunde, heute fast 130.
Angelika Höhler steht in einem Nebenraum vor dem Computer, eine Hand in der Hüfte, die andere an der Maus. Die Zeitung hatte suggeriert, vollautomatische Melksysteme übernähmen die Arbeit, während sich die Bauern den Sonnenuntergang anschauten. »Da liegen Sie falsch!« Frau Höhler wird energisch. »Der Computer hier liefert nur Zahlen.« Milchleistung jeder einzelnen Kuh, aktuell und bisher, Inhaltsstoffe, Verletzungen, Krankheiten. Der Computer kann Ernährungspläne machen, er sagt voraus, wann eine Kuh »belegungsreif« ist, also wann man mit der Spermaspritze kommen muss. Und er weiß, wann eine Kuh »in Urlaub« gehört. Das ist eine Art Mutterschutz vor der Geburt, in der die Kuh nicht gemolken wird.
Eine Roboter-Melkanlage wäre vermutlich viel störanfälliger als das Karussell und doppelt so teuer. Ein Bauer ist ein Unternehmer und muss rechnen. Da sollte sich keine Zeitung darüber lustig machen, dass er über Investitionszulagen, Fördergelder und Liquidität nachdenke statt über seine Kühe – hatte Bauer Höhler in seiner E-Mail geschrieben. Immerhin gebe es in der Landwirtschaft die teuersten Arbeitsplätze: 800000 Euro einer, Millionen stecken in Gebäuden und Anlagen wie dem hofeigenen Biokraftwerk.
Das Ensemble mit den zwei Fermentern ist Männersache. Wenn sie die Kuhfrau gibt, spielt er den Gasmann. Durch eine unterirdische Leitung wird der Kuhmist in die Gäranlage gepumpt und mit Biomasse vom Acker vermischt. Beim Fermentieren entsteht Gas, das beim Verbrennen einen Generator antreibt. Der Strom wird verkauft, die Wärme verheizt; übrig bleibt Gülle – die kommt wieder auf den Acker. Ein feiner Kreislauf.
Klingt sehr automatisch. Doch Bauer Höhler sagt: »In vier Jahren hatte ich 4000 Störmeldungen auf dem Handy!« Die Bäuerin springt, wenn die Kuh Fieber hat. Der Bauer, wenn seine Bakterien leiden. Ja, der Bauer ist Kraftwerker, da hat die ZEIT recht. Aber kein Kraftwerker aus Leidenschaft. »Der Bauer von heute liebt leblose Objekte, komische runde Zementbauten mit grünem Zipfeldach, elektrische Umspannstationen, machtvolle Gasmotoren«, hatte es in der Zeitung geheißen. Aber kann man das Liebe nennen? »Die Anlage schaltet ab, und dann gibt es kein Stromgeld mehr.« Eine Kuh dagegen: liefert auch mit Fieber Milch. »Sie ist nie hundertprozentig unproduktiv.«
Man müsse der Kuh allerdings so viel Zuwendung schenken wie der Biogasanlage. Das haben schon die alten Griechen gesagt und auch Bauer Höhlers Oma: »Das Auge des Herrn mästet sein Vieh.« In Bernhard Höhlers Übersetzung: »Ohne Kümmern geht das in die Hose.«
»Wenn man jemanden einlädt, muss man damit rechnen, dass er auch kommt«, seufzt Bauer Höhler, öffnet die Tür zur Küche und zeigt auf seine Frau: »Sie hat uns das eingebrockt!«
Die Frau ist munter, schlagfertig – und gekränkt. Unser Autor Burkhard Strassmann hatte am 20. November unter dem Titel »Leise blubbert die Kuh« über den Bedeutungsverlust des Viehs auf den Bauernhöfen geschrieben, über Roboter, Automaten und über Landwirte, die lieber ein Kraftwerk betreiben als eine Kuh kraulen.
Das hatte Angelika Höhler geärgert. »Schick ihm eine Einladung« , hatte sie gesagt. Und Bernhard Höhler hatte dem »Unwissenden« eine E-Mail geschickt, in der es ums »Herzblut« ging und um »realistische Landwirtschaft« .
Nun war er da, der Reporter, in Brechen bei Limburg, im »Goldgrund«, Stift und Block dabei, und die Höhlers ließen sich nicht lange bitten. Sie schleppten ihn durch Ställe, Scheunen und zur Biogasanlage. Hinterher gab es Hackbraten mit Rosenkohl.
Fotos: Stefan Freund/www.stefanfreund.de für DIE ZEIT (großes Foto); Goldmann (o.)
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren