Über das grüne Sitzungszimmer muss man sagen, dass es nicht grün ist und dass man dort auch nicht gut sitzt. Der Raum verdankt seinen Namen einer Epoche, in der er anders dekoriert war, und die Sache mit dem Sitzen ist Absicht. Die Holzstühle rings um den Besprechungstisch haben Rückenlehnen aus gedrechselten Balken, hübsch anzusehen, aber sie quetschen sich in den Rücken. Das erfüllt einen Zweck, wenn hier Minister aus den wichtigsten Handelsnationen der Welt Platz nehmen, wenn der Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO) in sein Genfer Hauptquartier geladen hat, weil ein neuer Vertrag kurz vor der Unterschrift steht. "Die sollen es sich nicht zu bequem machen", sagt Keith Rockwell, der Pressesprecher, der durch die Räume führt.

Beinahe hätten sie das grüne Sitzungszimmer kurz vor Weihnachten wieder in Betrieb genommen. Mitte November hatten sich Regierungschefs und Minister aus 20 wichtigen Wirtschaftsnationen in Washington getroffen, um über die weltweite Krise zu reden, und am Ende trugen sie dem WTO-Chef Pascal Lamy auf, er solle zum Jahresende noch mal alle Kräfte zusammennehmen. "Mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit", steckten Handelsdiplomaten wenig später Journalisten zu, werde es "noch vor Weihnachten eine neue Welthandelsrunde geben".

Eine neue Vereinbarung also, in der sich die 153 Mitgliedstaaten der WTO auf zusätzliche Regeln für den Handel mit Gütern und Dienstleistungen festlegen. Die gelten dann für alle gleichermaßen; niedrigere Zölle und unbürokratischer Marktzugang für alle, die etwas zu verkaufen haben, besonders auch Agrarprodukte; ein Punkt, der Entwicklungsländern besonders wichtig ist. In Planung ist eine solche Runde schon seit 2001. Seither scheiterten die Gespräche immer wieder, nicht zuletzt an dem Willen europäischer und amerikanischer Politiker, die Bauern ihrer Länder vor billigen Importen zu schützen.

Nun sollte es einen neuen Anlauf geben, einen verzweifelten fast, damit in der Weltwirtschaftskrise nicht auch noch der freie Welthandel stecken bleibt. Der weltweite Güterumschlag wächst schon langsamer als in den Jahren zuvor, eine direkte Folge der Wirtschaftskrise, und in aller Welt bereiten Politiker den Schutz gefährdeter Branchen vor. Der angehende US-Präsident Barack Obama gilt auch nicht als großer Freund des freien Handels. Hier am Ufer des Genfer Sees herrschte viel Aufregung, weil die WTO vor Weihnachten eigentlich renovieren und umziehen wollte. Stahlschränke, Kartons voller Akten in den Fluren. Provisorische Türschilder. Die Fotokopierer ziemlich unpraktisch in einem Gebäude schräg gegenüber.

Centre William Rappard. Das Hauptquartier der WTO. Ein wuchtiger grauer Kasten, der nach dem Ersten Weltkrieg erbaut wurde, als sie Räumlichkeiten für den Völkerbund schufen. Hier hat auch schon die Internationale Arbeitsorganisation ihr Beamtensilo unterhalten, das UN-Hochkommissariat für Flüchtlingsfragen war darin untergebracht, ebenso das Gatt, die Vorgängerorganisation, aus der die WTO 1995 hervorging. Heute hängt neben dem Eingangstor ein weißes Plastikschild mit dem Logo der Organisation, rot-grün-blaue Streifen, die sich, locker tanzend, zu einer Erdkugel zusammensetzen. Im Hirn des zuständigen Corporate-Identity-Designers muss das nach Leichtigkeit ausgesehen haben; vor den reliefverzierten Fensterbögen und der schweren Eingangstür mit ihren Messingbeschlägen hat es etwas von einem billigen Aufkleber.

Die WTO, das konnte man kurz vor Weihnachten noch in den Zeitungen lesen, ist am Ende. Mitte Dezember hatte WTO-Chef Pascal Lamy die neuen Bemühungen für eine Handelsrunde abgeblasen; zu zerstritten, so Lamy, seien die Regierungen. Es war ein erneuter Rückschlag, wie schon bei der Welthandelskonferenz 1999 in Seattle, die in einem Meer von Demonstranten unterging, wie bei den vielen späteren Anläufen im mexikanischen Cancún, in Genf, in Paris, in Hongkong, in Potsdam. Keine neue Handelsrunde, die WTO, stecken geblieben und tatenlos, so scheint es heute wieder einmal.

Es ist ein verbreiteter Trugschluss. In Genf zumindest sehen sie das ganz anders. Rund 650 Angestellte arbeiten hier bei der WTO, die meisten Sekretariatskräfte und Übersetzer. Sie zeigen jeden Morgen den Sicherheitsbeamten an der Tür ihre Hausausweise, eilen durch den pompösen, vertäfelten Vorraum und verschwinden in einem der vielen Gänge, unterwegs zu ihrem Arbeitsplatz im Büro 3121, Büro 0120 oder Büro 1104. Da schalten sie ihre Computer ein und machen weiter, womit sie am Vorabend aufgehört haben. Sie liberalisieren den Welthandel.