Kolumne Wörterbericht

Tintinnabulation

Was ist Poesie? Poesie ist für den jungen Poe, der anfangs nichts anderes als Lyriker werden will, ein Wort mit Ausrufezeichen. »Poesie!«, schreibt der 22-Jährige in seinem dritten Gedichtband, »diese proteushafte Idee mit so vielen Namen wie die Nymphe Kerkyra!« Er hält die Dichtkunst für etwas Unbestimmbares, das jeder gelehrten Definition spottet, doch umso dringender nach kreativer Begriffsbestimmung verlangt. Poesie sei Musik im Verein mit einem schönen Gedanken – und dieses Musikalische wird Poes Manie. Er schwelgt in Alliterationen, Assonanzen, Refrains; er spricht von »Herzenssaiten« und »Schauderlauten«; er lässt Töne »schwellen«, »gellen«, »prasseln«, »rasseln«. Wonach er strebt, ist ein Klang, der sich über die Bedeutungsebene der Wörter erhebt. Doch sein Hang zum Lautmalerischen trägt ihm bald den Spottnamen Klingelmann ein, vor allem sein Gedicht The Bells, worin die Glocken unablässig schellen. Erst zart: »How they tinkle, tinkle, tinkle!« Dann drohend: »How they clang and clash and roar!« Nur wer genau hinhört, vernimmt in prätentiösen Wortschöpfungen wie tintinnabulation – aus Lateinisch tintinnabulum (Schelle) – auch die leise Ironie, die in allen Poeschen Klingklangklingeleien mitschwingt. Evelyn Finger

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    • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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