Freitod Eine Frage der Ehre
Was der Freitod des Konzernbauers Adolf Merckle uns über unseren Umgang mit den Unternehmern lehren kann
Nach der Pleite der Privatbank Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. 1983 schrieb deren Seniorchef und Mitinhaber Alwin Münchmeyer: »Der Verlust an Reichtum schreckte mich weniger. Ich bangte um den Verlust der Achtbarkeit. Und für einen solchen Verlust war ich nicht gerüstet, er war in meinem Leben nicht vorgesehen.«
Es spricht viel dafür, dass der schwäbische Unternehmer Adolf Merckle, der sich am Montag zum Sterben vor einen Zug legte, ähnlich empfunden hat. Er hinterließ einen Abschiedsbrief, in dem er sich bei seiner Familie entschuldigte, aber nicht die Gründe seines Entschlusses nannte. Die Krise seiner Firmen, die Unsicherheit und das Gefühl der Ohnmacht hätten den »leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen«, teilten die Angehörigen mit.
Obwohl die Rettung seiner Unternehmen (Ratiopharm, HeidelbergCement, Phoenix und andere) auf gutem Wege war, obwohl ihm die Banken einen Überbrückungskredit gewähren wollten, empfand sich Merckle offenkundig als ein Gescheiterter. Er glaubte, er habe seine Ehre eingebüßt. In seinem letzten Interview sagte er der FAZ: »Es macht mich traurig, dass in solchen Zeiten wie der jetzigen Finanzkrise die öffentliche Meinung über Handlungen und Personen schlagartig umschwingen kann.«
Ein Zocker war Adolf Merckle genannt worden, weil er mit VW-Aktien spekuliert und dabei Geld verloren hatte. Dreistigkeit hatte man ihm vorgeworfen, weil er sich nach Staatsbürgschaften erkundigt hatte. Dabei ging es ihm nicht zuletzt um die Stabilität einer Firmengruppe, in der 100.000 Menschen weltweit beschäftigt sind.
Risikofreude ist eine Eigenschaft, die Unternehmer haben müssen
Adolf Merckle ist ein Opfer der Umstände geworden – aber auch seines eigenen geschäftlichen Übermuts. Sicher, er war in erster Linie ein Unternehmer und kein Finanzhasardeur. Seine Firmen produzierten Baustoffe und preiswerte Medikamente, sie verkauften keine Schrottanleihen wie viele einstmals angesehene Banken. Aber Merckle war auch ein stark auf Expansion und Machtausweitung zielender Unternehmer, der bewusst große Risiken einging. Ein eigenwilliger Patriarch, der sein Firmenreich im Übermaß mithilfe von Krediten vergrößerte. In der Finanzkrise ging seine Expansionsstrategie nicht mehr auf, und alles geriet ins Rutschen. Er hatte ungewollt sein Lebenswerk aufs Spiel gesetzt und nahm sich das Leben.
Nach einer Beschreibung des Ökonomen Joseph Schumpeter sind Unternehmer Menschen, denen es im Leben darum geht, ein privates Reich, eine Dynastie zu gründen. Merckle war so einer. Im Privaten sparsam und bescheiden, strebte er als Unternehmer stets nach mehr. Was er in seinen Besitz brachte, das wollte er behalten. Er war überdies ein Machtmensch, der sich ungern in die Karten schauen ließ. Aber Merckle konnte auch von sich sagen, niemals einen Mitarbeiter entlassen zu haben.
Adolf Merckle ist nicht der erste Unternehmer, der in geschäftlichen Schwierigkeiten den Freitod wählte. Falls man aus seinem tragischen Tod eine Lehre ziehen kann, dann allenfalls die, dass es wohl gut und richtig wäre, scheiternden und gescheiterten Unternehmern wenn nicht mit Mitleid zu begegnen, dann jedenfalls doch nicht mit Schadenfreude.
Um das Ansehen von Unternehmern ist es in Deutschland von jeher nicht gut bestellt. In Umfragen spricht ihnen die Mehrheit der Bevölkerung schlankweg ab, sozial verantwortlich zu handeln. Von vielen werden Unternehmer vornehmlich als Ausbeuter angesehen, die sich auf Kosten der Mitarbeiter bereichern. Trotz ihrer Macht sind sie in der deutschen Gesellschaft im Grunde immer soziale Randfiguren geblieben. Ob im Kaiserreich, in der Weimarer Zeit, während der NS-Diktatur oder in der Bundesrepublik – niemals gaben Unternehmer hierzulande den Ton an.
Vermutlich hängt es mit ihrer speziellen Funktion zusammen, dass Unternehmer eher beargwöhnt als geachtet werden. Mit ihrem Wirken bringen sie ja nicht nur Wachstum und Fortschritt, sondern auch Unordnung in die Welt. Sie sind Motoren der Veränderung, und sie stören uns in unserer Sehnsucht nach Sicherheit, Stabilität und Endgültigkeit. Sie gründen, kaufen und verdrängen. Sie schließen, erneuern und zerstören. Sie schaffen anderen Menschen Arbeitsplätze, und sie nehmen sie ihnen auch wieder. Sie sorgen für Konkurrenz, für Dynamik, für Unruhe. Und wird einer von ihnen müde oder träge, so beginnt der nächste mit frischem Furor. Das ist für viele beängstigend.
Wir verkennen häufig, welche persönlichen Risiken diese Menschen bei einem solchen Leben eingehen. Der Freitod Merckles kann uns den Blick schärfen für das Wesen des Unternehmertums in einer nichtstaatlichen Wirtschaft. Unternehmer sind Menschen, die sich weithin sichtbar auf die Probe stellen. Schon dadurch, dass sie eine Weile bestehen und nicht gleich wieder untergehen, beweisen sie ihre Befähigung. Das ist anders als zum Beispiel bei Lehrern, bei Buchhaltern und auch bei Journalisten.
Risikofreude ist eine Grundvoraussetzung für diesen merkwürdigen Beruf, und sie schließt die Möglichkeit des Scheiterns ein. Unser Blick auf die Kaste der Unternehmer beschränkt sich allzu häufig auf die Erfolgreichen, auf die Mächtigen, die wir beneiden und manchmal auch bewundern. Aber Pleitiers und scheiternde Unternehmer gehören ebenfalls zum Kapitalismus. Wir sollten sie nicht leichtfertig mit moralischen Vorwürfen beladen.
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- Datum 16.03.2009 - 15:20 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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