Jeder hat einen Charakterkopf
Ein Israeli in Österreich: Shmuel Shapira, 48, erzeugt in einer Wiener Biedermeier-Werkstatt Hüte
Mit 18 Jahren verließ ich Israel, um in Manchester mein Thora-Studium zu beginnen. 20 Jahre lang war ich daraufhin in der Schweiz und in Österreich als Maschgiach tätig. Das ist für orthodoxe Juden eine wichtige Funktion: Der Maschgiach kontrolliert, dass bei der Produktion von Lebensmitteln die Speisegesetze strikt eingehalten werden.
Eines Tages betrat ich die wunderbare Werkstatt der Hutmacherei Szaszi in der Mariahilfer Straße, weil ich einen neuen Schabbeshut haben wollte. Insgeheim war ich seit Langem auf der Suche nach einem Handwerk, das mir Freude machen würde. Als ich bei Herrn Caletka in seiner Biedermeier-Werkstatt stand, erhielt ich einen faszinierenden Blick in eine untergegangene Welt. Hier war wirklich alles noch so, wie es vor über hundert Jahren gewesen sein muss. Fast wie in einem Museum. Sechs Jahre lang habe ich anschließend bei Herrn Caletka gelernt. Seit 1996 führe ich nun die Hutmacherei selbstständig.
Wenn jemand zu mir kommt und bedauert, er habe leider kein Hutgesicht, dann antworte ich: »Falsch, du hast keinen guten Hutmacher!« Tatsächlich ist kein Kopf wie der andere. Der eine hat eine kleine Beule, der andere eine gerade Stirn, der dritte eine spitze. Um dem gerecht zu werden, wähle ich bei der Fertigung eines Hutes aus unzähligen Kombinationsmöglichkeiten: Es gibt 25 unterschiedliche Varianten, wie sich Höhe und Breite des Hutes zueinander verhalten können. Das Ganze lässt sich in fünf verschiedenen Kronenformen umsetzen. Man wählt aus sieben Standardhöhen und vier Härtegraden. Schließlich entscheidet man sich für eine von fünf Arten, die Krempe zu fertigen. Daher muss ich bei der Herstellung eines Hutes seinen Träger kennen. Wie breit sind dessen Schultern? Wie groß ist er? Wie ist seine Statur? Und, ganz wichtig: Wen oder was will er darstellen. Hutträger gehören nicht zu jenem Typ Mensch, der ein einfaches Leben sucht. Hutträger erwarten und vermitteln Respekt.
Ich führe die Menschen durch meinen Hut zu ihren Ursprüngen zurück. Und das braucht nun einmal viel Zeit. Bankdirektoren, die im Alltag kaum Zeit zum Atmen haben, sitzen gemütlich bei mir hier in der Werkstatt neben dem Ofen und reden. Sie nehmen sich die Zeit, und ich nehme sie mir auch. Dabei lerne ich die Menschen und ihren Charakter kennen und finde heraus, welchen Hut sie brauchen. Der Rest ist Geduld. Es dauert mindestens acht Wochen, bis ein Hut fertig ist. Und wenn es etwas ganz Besonderes sein soll, dann auch schon mal bis zu einem Jahr.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
Foto: www.ernstschmiederer.com
- Datum 08.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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