Wien

Es wird das Jahr der schwarzen Schwäne. So nennt Nassim Nicholas Taleb, ein früherer Händler an der New Yorker Wall Street, Ereignisse, die keiner für möglich gehalten hatte. Wie beispielsweise die Finanzkrise oder die Terroranschläge vom 11. September. Oder jene Entdeckung im 17. Jahrhundert, die diesem Phänomen als Namenspatron diente: Als die ersten Europäer an der australischen Küste landeten, mussten sie zu ihrem großen Erstaunen erkennen, dass an diesen fernen Gestaden schwarz gefiederte Trauerschwäne über das Wasser glitten. Ein scheinbar ehernes Gesetz der Natur war plötzlich umgestoßen, denn bis zu diesem Zeitpunkt war die westliche Naturwissenschaft davon überzeugt, dass jeder Schwan ausschließlich mit blütenweißem Gefieder ausgestattet sei – ein Lehrstück für den beengten Horizont, der einer bestimmten Kultur innewohnen kann.

»Wir überschätzen unser Wissen und unterschätzen die Ungewissheit«, folgert Taleb in seinem Bestseller Schwarze Schwäne . Unwahrscheinliche Ereignisse, so seine These, würden häufiger eintreten, als es unserer rationalen Gedankenwelt lieb ist. Seine Schlussfolgerung: Der Versuch, den Lauf der Geschichte auf scheinbare Gesetzmäßigkeiten zurückführen zu wollen, sei daher eher mit dem berühmten Lesen im Kaffeesatz zu vergleichen. Nur eine Prognose lasse sich aus dieser Geschichte überraschender Entdeckungen der frühen Entdecker ableiten: Das Unerwartete werde immer wieder eintreten, und unerwartete Ereignisse würden die Zeitläufte in einem weit höheren Ausmaß und mit einschneidenderen Folgen beeinflussen, als es dem modernen Denken möglich erscheint. »Werfen Sie rasch alle Ihre Risiko-Ratgeber aus Ihrer Bibliothek«, empfahl der gebürtige Libanese, der heute an der New York University lehrt, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise in der Financial Times .

Mit Methoden von gestern können künftige Probleme nicht gelöst werden

Dieses »Phänomen der schwarzen Schwäne« werde nach wie vor viel zu sehr vernachlässigt, meint nun etwa Karin Frick im Einklang mit vielen aus ihrer Kollegenschaft in einer ZEIT- Umfrage. Die Ökonomin am Zürcher Gottlieb Duttweiler Institut ist eine von 33 Vordenkern, die an der diesjährigen Arena-Analyse teilgenommen haben, einer in modernen Denkfabriken beliebten Methode, der Zukunft auf die Schliche zu kommen. Zum dritten Mal initiierte nun gemeinsam mit dem Wiener Beratungsunternehmen Kovar&Köppl diese Umfrage unter Experten aus Politik, Wirtschaft und Forschung (ZEIT Nr. 40/06 und 2/08 ), mit dem Ziel, jene Themen zu benennen, die trotz ihrer Brisanz weiterhin von Politik und Medien sträflich vernachlässigt oder gar hartnäckig ignoriert werden. In diesen Fällen, so besagt die Theorie der Prognostik, würden Lösungsversuche später fallen, wenn die Probleme tatsächlich virulent geworden seien, ungleich schwerer.

Im Unterschied zu den beiden Vorjahren wurden in der diesjährigen Umfrage zusätzlich zu den Experten aus Österreich auch Deutsche und Schweizer um ihre Meinung gebeten. Der erweiterte Fragenkatalog versuchte, nicht nur vergessene Themen aufzudecken, sondern fragte auch nach deren Ursachen und nach möglichen Zukunftsszenarien. Ähnlich wie in den Vorjahren spielten aber auch heuer die Dauerbrenner in der öffentlichen Debatte kaum eine nennenswerte Rolle wie zum Beispiel die Finanzierungslücken in dem maroden Gesundheitssystem oder die ungewisse Zukunft der Pensionskassen; wohl auch weil diese brennenden sozialen Problemkreise längst erkannt worden sind und in einer Vielzahl kontroversieller Lösungsmodelle diskutiert werden.

Stattdessen rücken die Experten jetzt die rapide Zunahme zwischenstaatlicher Konflikte und die Krise der herkömmlichen Institutionen in den Vordergrund. Ihr Tenor: Wenn nicht bald einschneidende Änderungen einträten und ein -und globales Umdenken stattfände, sei ein globaler Kollaps die Folge, dessen Auswirkungen weder vor nationalen, noch vor kontinentalen Grenzen haltmachen werden. Niemand sei eine Insel, meinen sie, das sei eine Erkenntnis, die sich noch lange nicht in den Köpfen der Menschheit durchgesetzt habe. Mit herkömmlichen, vielleicht vielfach erprobten Methoden seien künftige, häufig noch ungeahnte Probleme einfach nicht mehr zu bewältigen.