Die Hetze setzte gleich nach der Tat ein. In seiner Rundfunkansprache am Abend des 20. Juli 1944, als Stauffenbergs Operation Walküre gescheitert war, gab Hitler den Ton vor: »Eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer dummer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet, um mich zu beseitigen […]. Es ist ein ganz kleiner Klüngel verbrecherischer Elemente, die jetzt ausgerottet werden.«

In den Tagen darauf gab es überall in Deutschland »Treuebekenntnisse« zum »Führer«. Hier fand nicht nur befohlener Jubel zusammen. Selbst im fünften Kriegsjahr noch waren viele Deutsche bereit, an das Walten einer »Vorsehung« zu glauben. Hunderte von Glückwünschen trafen in Berlin ein, Briefe und Telegramme, in denen die schockierten Absender sowohl Hitler mit ergriffenen Worten gratulierten als auch die »Verbrecher« um Stauffenberg verdammten. »Tausende Heidelberger Nationalsozialisten«, heißt es da in einem Fernschreiben aus der Universitätsstadt, »senden dem Führer heiße Glück- und Segenswünsche zu seiner Errettung von dem gemeinen Verbrechen wahnsinnig gewordener Verräter an Volk und Reich.«

In der gelenkten Presse wurde vor allem über das erste 20. Juli-Verfahren gegen Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben und andere am 7. und 8. August 1944 berichtet. Dieser Prozess war von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels sorgfältig orchestriert worden. »Zum Volksgerichtshof, der am Montag tagt«, so hatte er schon am 4. August in seinem Tagebuch notiert, »werde ich eine Reihe von erstklassigen Journalisten entsenden, die darüber einen großartigen Bericht für die Öffentlichkeit schreiben sollen. Ich selbst werde Freisler noch am Sonnabend vorher empfangen und werde ihn bestandpunkten, wie der Prozeß vor sich zu gehen habe. Es werden keine langatmigen Verteidigungsreden und Debatten geduldet; die Angeklagten haben nicht die Möglichkeit, ein albernes Friedensgerede von sich zu geben […]. Der Führer legt Wert darauf, daß bei der Behandlung des ganzen Falles betont wird, daß es sich um eine kleine Clique handelt.«

Die Stereotype von der »kleinen Clique«, dem »Klüngel«, dem »beispiellosen Verrat« tauchen immer wieder auf. Tatsächlich aber traute sich das Regime nicht, über sämtliche mehr als fünfzig Volksgerichtshofsprozesse berichten zu lassen, die gegen Beteiligte des 20. Juli geführt wurden. Wäre dies geschehen, dann hätte sich rasch die soziale und politische Vielfalt jenes Netzwerkes gezeigt, das am Umsturzversuch beteiligt gewesen ist – und vor allem der starke zivile Anteil.

Die Erinnerung an den 20. Juli gefährdet »den soldatischen Geist«

Heute mag man es sich kaum noch vorstellen: Doch die Anweisungen der NS-Propaganda, wie sie von Hitler und Goebbels selbst vorgegeben worden waren, wirkten lange über das Kriegsende hinaus. Die Angehörigen der Widerstandskämpfer, oft erst im Frühjahr 1945 aus dem KZ oder aus der Sippenhaft befreit, wurden vielfach gemieden, viele von ihnen lebten buchstäblich ohne einen Pfennig. In privater Initiative entstand die Stiftung Hilfswerk 20. Juli 1944, die wenigstens die gröbste materielle Not lindern sollte.

Das Zerrbild von der »Verräterclique« wurde schon allein von etlichen »alten Kämpfern« lebendig gehalten – darunter einer jener Wehrmachtoffiziere, die Goebbels am 20. Juli 1944 mit der Niederschlagung des Umsturzversuchs beauftragt hatte. Generalmajor a. D. Otto Ernst Remer, der bis zu seinem Tode in den neunziger Jahren seinem »Führer« die Treue hielt, erklärte im Mai 1951, die Männer des 20. Juli wären »in starkem Maße Landesverräter« gewesen und »vom Ausland bezahlt worden«. Sie würden sich »eines Tages vor einem deutschen Gericht zu verantworten haben«. Auch zog er über die »Staatspensionen« her, mit denen die Hinterbliebenen bedacht und geehrt würden. Remer war zu dieser Zeit Zweiter Vorsitzender der rechtsextremistischen Sozialistischen Reichspartei, die erst kurz zuvor bei den Wahlen zum niedersächsischen Landtag im Mai 1951 mehr als 11Prozent der Stimmen erhalten hatte.