DIE ZEIT: Herr Fukuyama, wagen Sie einen Blick ins neue Jahr. Was beunruhigt Sie am meisten?

Francis Fukuyama: Die gewaltige Wirtschafts- und Finanzkrise. Natürlich stecken auch in den vielen ungelösten außenpolitischen Konflikten von Afghanistan bis Iran riesige Probleme. Aber diese Krisenherde kennen wir. Hingegen stellt uns der Zusammenbruch der Wall Street vor völlig neue Probleme. Es wird ein sehr, sehr schmerzhafter Prozess für alle Menschen. Wir sind erst am Anfang, der große Test steht uns noch bevor. Ich befürchte, die Welt wird insgesamt politisch instabiler.

ZEIT: Die Welt setzt große Hoffnungen in Barack Obama. Aber ist Amerikas Führungsanspruch nicht längst Geschichte?

Fukuyama: Nein, so dramatisch würde ich das nicht formulieren. Natürlich kommen die vergangenen zwanzig Jahre nicht wieder, in denen die Vereinigten Staaten nach dem Ende des Kalten Krieges unangefochten und ohne wirkliche Rivalen herrschten. China, Indien und Russland haben heute einen viel größeren Aktionsraum. Doch ich würde weniger von einem Bedeutungsverlust Amerikas reden, sondern von einem Bedeutungsgewinn der anderen.

ZEIT: Erst der desaströse Irakkrieg, nun die Kernschmelze der Wall Street – man dachte, Amerika habe wenigstens seine Wirtschaft im Griff. Verliert die Supermacht nicht rasant an Vertrauen?

Fukuyama: Klar, der Prestigeverlust ist schmerzlich, aber unausweichlich. Erst initiierten wir einen unnötigen Krieg gegen den Rat und den Willen fast der gesamten Welt, dann drückten wir dem Feldzug einen zweifelhaften Demokratie- und Freiheitsstempel auf und verpatzten schließlich auch noch die Kriegsstrategie. Nun reißen wir zu allem Überdruss Freund wie Feind mit ins Wirtschaftschaos.

ZEIT: Es ist doch seltsam. Gestern waren staatliche Interventionen noch des Teufels, heute soll die Regierung die Wirtschaft retten. Wird Amerika auf einmal unideologisch?

Fukuyama: Für jede Richtung gibt es sofort eine Ideologie. Ich wünschte, wir wären pragmatischer. Das staatliche Rettungsprogramm ist ja nicht unumstritten, weder beim Volk noch im Parlament.

ZEIT: Vor allem die Republikaner wollen zurück in die achtziger Jahre, als Präsident Ronald Reagan weniger Steuern und weniger Staat verordnete.

Fukuyama: Und damit Erfolg hatte. Doch seitdem hat sich die Welt weitergedreht, nur manche Republikaner nicht. Sie glauben noch an alte Rezepte. Doch das Problem ist nicht die mangelnde Prinzipientreue, sondern das Prinzip selbst. Weniger Staat und weniger Steuern führen nicht zwangsläufig aus der Krise. In den Reaganomics liegt nicht mehr die Antwort.

ZEIT: Kennen Sie die Antwort?