Gesellschaft Endlich weg. Fahren!
Die Krise der Autoindustrie trifft jeden von uns ins Mark. Eine Meditation über das Auto und das Glück, verfasst von der Dramatikerin Gesine Danckwart
Und er sie es fährt und fährt und fährt. Hoffentlich. Den Lack so geliebt, die Form, den Samstagabend, Fahrt zur Disco, es ist so praktisch, weiß gar nicht, wie wir das vorher geschafft haben, Frauen in Bikinis ziehen Autos aus dem Schlamm und werden dabei fotografiert, nein, nein, es geht um die Wirtschaft, das ist eine nationale auf einmal, keine Scherze übers Auto bitte, natürlich ist das auch eine Glaubensfrage, nein, falsch, Sie müssen einfach jetzt und immer weiter kaufen, das ist doch Ihr kurzes Leben, das muss man sich wo leisten können wollen, so einen Premiumschlitten, Geschäftswagen, Stolz einer Flotte, Projektil, Sie, wir sind mobil, Speerspitze, beschleunigt, trainiert, wahlberechtigt und führerscheingeprüft, auf den Straßen durch die Städte, ein Traum von Freiheit im Tuningbereich eines Bastlerhofs, die Abwicklung fest in osteuropäischer Hand, was machen Sie hier, der ist gepflegt, keine Macken, ein Traum, ein Neuwagentraum, ein Fortschrittstraum, der ist immer heterosexuell, meist männlich und ab und an fürs Shoppen auch mal weiblich oder in Familie, wir wollen verkaufen, und nein, wir haben keine, doch wir haben eine Krise. Ein wo wie weiter. Wir müssen unsere Autos und uns also irgendwie anders machen, anders werden. Wie nur, das Undenkbare denken?
In den Hotelnachttischen: Automagazine, Autopornos sozusagen
Mindestens jeder siebte deutsche Arbeitsplatz hängt am Auto, dem Autoegosymbol der Deutschen. Unserem hochkomplexen Erfindungs- und Ausfahrgut.
In den Nachttischen deutscher Mittelklassehotels statt Bibel: Automagazine, Autopornos sozusagen. Als Feierabendlektüre im ICE sowieso. Die großen Marken leisten sich neue Museen, Tempel, Mahnmale, Präsentationsplattformen – Wertigkeit neu erleben.
We can can, nearly also Japanese, immer innovativ, aber so, dass Sie Ihren neuen Golf im alten schon wiedererkennen. Und auf einmal bricht in wenigen Wochen diese Speerspitze deutscher Industrie in sich zusammen und wird das Symbol für den Einbruch der Realindustrie.
Während der Fertigung eines Theaterautoabends beginne ich, wie die Konzernverkäufer, immer zensierend anwesend, Bilder zu fürchten, den Stillstand der Bänder in Wolfsburg oder Stuttgart, im Hintergrund Weihnachtsbäume und frierende Autobauerkinder. Angst. Angst ist ein schlechter Lebensmotor. Der Mensch reagiert da im Gegensatz zu Tierpopulationen besonders unproduktiv. Er macht meist erst mal so weiter. Benzin im Blut. Straßen. Fahr- und Denkstrecken. Wie festgelegt ist unsere Produktionsplattform, vor allem die im Hirn.
Auto findet im Kopf statt, mit Theater ist das ähnlich. Darf ich dazu etwas sagen, nein, bitte nennen Sie keine Zahlen, uns geht es ja eigentlich blendend gut wunderbar, etwas verlangsamte Kaufentscheidungen, wir pflegen unsere Kunden seit Jahren. Die Fertigung läuft natürlich weiter, wir sind ein Premiumstandort Premiumkaufland. Mehr als jeder zweite Bundesbürger fährt und kauft es, und wie in der Selbstbefruchtung sind davon etliche selbst Autohersteller, Zulieferzulieferer, kauft Autos, Leute, damit ihr sie dann weiterbauen könnt.
Kauft heute das Auto von heute, damit wir das von morgen simulieren können. Auf der Werbung steht darum immer Innovation drauf. Auto ist Fortschritt, ein Fortschrittstraum, natürlich könnten wir auch hybrid. Das beste Auto steht also da rum, und dann fährt man die Tochter zum Ballettunterricht, in den sie gar nicht gehen könnte, hätte man das Auto nicht, aber dann hätte man auch diese Immobilie im Speckgürtel nicht, von dem und zu dem man sich dann wieder mobilisieren muss.
Auto muss also sein. Und irgendwann ist es auf dem Fahrrad immer etwas kälter als das letzte Mal, und in der Bahn will man die ganzen Arbeitskollegen nicht schon frühmorgens sehen. Dann lieber diese Stunde von Potsdam nach Berlin in Kauf nehmen. Lieblingsmusik und in die Monade einkuscheln. Was für Arschlöcher, vor und hinter einem. Schön fährt es sich im SUV, da hat man diesen Überblick. Die Hand greift, der Fuß drückt. Achtung, die Lichter des Vorfahrers in der Dunkelheit nicht verlieren.
- Datum 14.07.2009 - 09:59 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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