China Ballett der Kieslader
Die Baumaschinenmesse in Shanghai ist ein Seismograf für die Weltkonjunktur. Auch für deutsche Firmen entscheidet sich hier die Zukunft
Wir sind müde, aber wir werden nicht nachlassen.« Ulrich Reichert macht eine Pause, damit die Übersetzerin seine Worte in Chinesisch wiederholen kann. Und führt fort: »Wir werden weiter kämpfen.« Reichert ist Asienmanager der rheinland-pfälzischen Wirtgen Group, die Maschinen für den Straßenbau herstellt. Seine Mitarbeiter hat er im Halbkreis zum Morgenappell auf einem Messestand antreten lassen. Es ist der letzte Messetag der bauma in Shanghai, der größten Baumaschinenausstellung des Landes.
In Zeiten der drohenden Weltwirtschaftskrise war die Messe kurz vor Weihnachten ein echter Seismograf. Seit Monaten sind Fachleute uneins darüber, wie sich die Krise auf China auswirken wird. Führt der unvermeidbare Einbruch der Exporte auch zu einer Immobilien- und Baukrise? Bricht dann das Wachstum vollends zusammen? Seit Anfang November versucht die Regierung, mit einem knapp 600 Milliarden US-Dollar schweren Konjunkturpaket in den nächsten zwei Jahren gegenzuhalten. Die Summe entspricht knapp 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes von China. Wie viel das ist, sieht man im Vergleich zum Konjunkturprogramm der deutschen Bundesregierung: Dieses umfasst maximal 50 Milliarden Euro – also rund zwei Prozent der Wirtschaftsleistung.
Wirtgen-Manager Reichert trägt das graugrüne Wirtgen-Hemd und die Wirtgen-Krawatte, passend zum blass gestreiften Anzug. Die Stimme ist heiser von einer Erkältung, die er sich in den Hallen geholt hat. Und vom Karaoke-Singen für die 300 Kunden gestern Abend. Von seinem Platz hat er nun einen guten Blick auf die grünen, orangefarbenen und weißen Maschinen von Wirtgen, die jeweils um die 800.000 Euro kosten. Die Wirtgen Group setzt pro Jahr mehr als 1,4 Milliarden Euro um. Immer wieder schaut Reichert zwischendurch auf einen kleinen Zettel, auf dem er die Abschlüsse vermerkt hat. Seit 20 Jahren kümmert er sich bei Wirtgen um den chinesischen Markt. Und nun: Krise im gelobten Land! Das hat selbst er noch nicht erlebt. »So schnell konnten wir die Produktion gar nicht runterfahren. Es war wie ein Filmriss.« Und es hat alle in der Branche getroffen. In den Jahren zuvor waren die Verkäufe um 15 bis 30 Prozent pro Jahr gewachsen. Dieses Jahr: »Null Komma null«.
Die Messe, die alle zwei Jahre von der Münchner Messe-Gesellschaft veranstaltet wird, ist dieses Jahr trotzdem gewachsen. »Wir mussten noch eine Halle schräg gegenüber hinzumieten, weil deutlich mehr Aussteller dabei sein wollten, als wir kalkuliert hatten«, sagt Eugen Egetenmeir, der stellvertretende Geschäftsführer der Messe München. Auf dem Außengelände, wo die ganz großen Maschinen stehen, sieht es derweil aus wie im Dinosaurierpark: lange Hälse und dicke Körper. Aber es geht auch um Schönheit. Die Reifen sind mit Öl eingerieben, damit sie glänzen, die Aufbauten leuchten poliert in bunten Baustellenfarben. Bei dem britischen Hersteller JCB fahren schwere Lader im Kies Ballett.
Der Vormittag geht vorüber. Ein Kundengespräch folgt dem nächsten, dann macht Reichert kurz Mittagspause. Er hat das zweite Nürnberger Würstchen noch nicht aufgegessen, da flüstert ihm ein Mitarbeiter etwas ins Ohr: drei weitere Aufträge. Reichert blickt erleichtert. Wider Erwarten hat er am Ende Maschinen im Wert von acht Millionen Euro verkauft. Die Hälfte davon Wirtgen-Straßenfräsen und -Recyclingmaschinen, 40 Prozent Vögele-Asphaltfertiger und einige Walzen von Hamm. »Ich bin sehr zufrieden«, sagt er.
Andere Firmen konnten die Entwicklung bestätigen, und es war, als ob ein Raunen der Erleichterung durch die Hallen ginge. Michael Schmid-Lindenmayer, Finanzchef der chinesischen Tochtergesellschaft von Putzmeister, war mit dem Messegeschäft sogar »sehr zufrieden. Das war erfrischend im Vergleich zur Lage der Weltwirtschaft.« Die Putzmeister-Gruppe aus Aichtal bei Stuttgart ist weltweit führend bei Betonpumpen und Mörtelmaschinen. »Das nächste Jahr hier in China müsste eigentlich sogar besser werden als das auslaufende Jahr«, schätzt Schmid-Lindenmayer. Ähnlich urteilt Stefan Gilch von Liebherr Machinery Service Ltd., der chinesischen Tochtergesellschaft des Kranherstellers Liebherr. Mit dessen Maschinen werden Atomkraftwerke, Staudämme und große Industrieanlagen gebaut, und sein teuerster Kran kostet mehrere Millionen Euro. »Seit Olympia war ich sehr skeptisch«, sagt er, aber inzwischen sehe es fürs kommende Jahr wieder ganz erträglich aus. »Wir gehen derzeit davon aus, dass wir noch einmal mindestens das gleiche Ergebnis wie 2008 erzielen können.«
Wirtgen, Putzmeister, Liebherr: Ihre Maschinen gehören zum Besten und Teuersten, was es auf der Messe zu kaufen gab. Und wenn bei diesen drei das Geschäft läuft, tut es das bei allen anderen auch, so die Einschätzung von Veranstaltern und Branchenkennern.
Woran das liegt, beschreibt eine Kundin von Wirtgen, Liu Jianmai. Die 55-jährige Unternehmerin schwebt in einem wallenden Cape in leuchtendem Rot über die Messe, sie ist Präsidentin der Shenyang High-Grade Highway Construction General Company aus dem nordchinesischen Shenyang. 1.200 Mann hören auf ihr Kommando. »Die Regierung hat uns nicht im Stich gelassen. Wir haben Signale bekommen, dass nun zügig gehandelt wird«, freut sie sich. »Es wird wieder gebaut, viel gebaut.« Vom riesigen Konjunkturprogramm soll bekanntlich ein großer Teil in Infrastrukturprojekte fließen, also wird die Bauindustrie davon profitieren. »Die Detailinformationen über das neue Konjunkturprogramm sind offensichtlich sehr schnell nach unten gegeben worden«, sagt Gudrun Seitz, die Repräsentantin des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer in China. »Die kriegen jetzt alle Geld.«
- Datum 28.01.2009 - 15:43 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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