Bhutan Den Bogen raus

Für jeden Treffer ein Freudenlied: Die Bhutaner bringen ihren Nationalsport Bogenschießen jetzt auch Besuchern bei

Schießen mit Bergblick

Schießen mit Bergblick

Ein Pfeil schwirrt durch die Luft, kaum wahrnehmbar, trifft mit dumpfem Schlag die Zielscheibe, unglaubliche 140 Meter weit vom Bogenschützen entfernt. Jubelgeschrei ertönt, die Männer im rot karierten Gho, einem kittelähnlichen Traditionsgewand, singen und tanzen. »Ihre Augen sind stark vom Chili-Essen«, sagt Bogenmeister Sangay, »deshalb können sie auf solche Entfernungen treffen.«

Auf dem großen Schießplatz von Thimphu, wo gerade zwei bhutanische Mannschaften wetteifern, übergibt uns Sangay unsere eigenen Bambusbögen. Der Meister trägt zum feierlichen Start der ersten Lektion einen schwarzen Gho mit weißen Ärmelstulpen. Er umwickelt meinen linken Unterarm mit einem dicken Stoffstreifen, um ihn vor der zurückschnellenden Bogensehne zu schützen. Dann zeigt er mir, wie ich den Bogen in der Mitte mit der Faust umgreifen muss. Nun lege ich mit der rechten Hand den Pfeil an und ziehe mit voller Kraft an der Sehne. Doch da schwirrt nichts durch die Luft. Der Pfeil landet vor meinen Füßen im Sand.

Wir stehen auf fast 2500 Meter Höhe, nach dem dritten gescheiterten Versuch bin ich erschöpft und mutlos. Am Unterarm habe ich trotz des Stoffwickels blaue Flecken. Drei aus unserer Gruppe sind geübte Bogenschützen, zwei haben schon mal im Urlaub trainiert, immerhin fünfen geht es wie mir, sie haben noch nie Pfeil und Bogen in der Hand gehabt.

Bogenschießen ist Bhutans Nationalsport – und weit mehr: Es ist ein Ritual, überkommen aus alten Zeiten, als Pfeil und Bogen noch Kriegswaffen waren und bei magischen Zeremonien Dämonen und Geister vertreiben sollten. Bogenschützenturniere sind Volksfeste, zu denen ganze Dörfer zusammenströmen. Jeder noch so kleine Ort hat einen Schießplatz. Oft ist er kaum mehr als ein Grasfeld, begrenzt von einem Erdwall, vor dem ein bemaltes Holzbrett als Zielscheibe steht. Bei keinem wichtigen Ereignis darf das Bogenschießen fehlen. Wir können als erste deutsche Reisegruppe auf einer zweiwöchigen Tour diese Rituale kennenlernen, indem wir selbst als Bogenschützen an Turnieren teilnehmen. Dafür werden wir an unterschiedlichen Orten in Bhutan trainieren, begleitet von Sangay, seiner Freundin Cherup, seinem Freund Chimi und dem Tourguide Nyendra, einem 32-Jährigen, der im Ausland studiert hat.

In der Hauptstadt Thimphu sieht sogar die Tankstelle wie ein Tempel aus

Von Thimphu, vielleicht der einzigen Hauptstadt der Welt, in der es keine Ampel gibt und in der die Tankstelle wie ein Tempel aussieht, schraubt sich die Straße zum Dochula-Pass hinauf. Dichter Wald bedeckt die Berghänge noch in über 3000 Meter Höhe. »Naturschutz ist für uns äußerst wichtig«, sagt Nyendra. »In unserer neuen Verfassung steht, dass 60 Prozent des Landes für immer Wald bleiben müssen.« Auf dem Pass flattern Hunderte Gebetsfahnen in fünf Farben im kalten Wind. 2004 hat Bhutans damalige Königin Ashi Dorji Wangmo hier oben 108 buddhistische Chorten aufstellen lassen, tempelartige Schreine zur Erinnerung an Verstorbene. Nebel wabert über die Dächer der Chorten und verdirbt uns die Sicht auf sieben 7000er-Gipfel. Am Wegesrand steht eine einsame Händlerin und bietet chugo an, in Würfel geschnittenen, auf Ketten gezogenen und wochenlang über der Feuerstelle geräucherten Käse, der steinhart ist.

Nach einer langen Fahrt durchs Gebirge auf der holprigen, vom Monsun aufgeweichten Piste über den Pelela-Pass bremst unser Fahrer. In der Kurve unter uns leuchtet der weiße Chendebji-Chorten; seine vier aufgemalten Augenpaare blicken in alle Himmelsrichtungen. Auf diesen abgeschiedenen Platz, 3400 Meter hoch, wo die urwaldbedeckten Bergflanken ganz nahe rücken, schleppen Sangay und Chimi unsere Pfeile und Bögen. Sie stellen in 60 Meter Entfernung die hölzernen Zielscheiben auf, und die zweite Übungsrunde beginnt.

Bogenmeister Sangay, ein 30-Jähriger mit kurz gestutzten schwarzen Haaren, hat schon als Zehnjähriger mit dem Schießen angefangen. 2005 gehörte er zum Siegerteam bei den nationalen Meisterschaften. Er strahlt eine würdevolle Achtsamkeit aus. Schweigend zeigt er mir, wie ich das Ziel mit dem Zeigefinger anpeilen, die Sehne kräftig nach außen ziehen und blitzschnell loslassen muss. Allmählich mache ich Fortschritte. Der Pfeil fällt nicht mehr herunter. Einmal schieße ich sogar nahe an die Zielscheibe heran. Sangay und Chimi freuen sich, als wir die ersten Treffer landen. Als wäre es ein Punkt für sie.

Ein halbwüchsiger Junge trottet uns mit einem Sack voller Köcher hinterher

Nur Cherup, Sangays Freundin, hockt abseits am Rand des Feldes. Bhutanische Frauen sind als Bogenschützen traditionell nicht erwünscht. Auch wenn Frauen seit 1984 in dieser Disziplin an den Olympischen Spielen teilnehmen – Schießen bleibt Männersache. »Mir ist das gleichgültig«, sagt Cherup. Sie werde ohnehin bald in Indien Management Business studieren. Wir fahren weiter gen Osten, auf der einzigen Straße, die quer durch das Land führt, zum Distrikt Bumthang in Zentralbhutan. Unterwegs halten wir am Dzong von Trongsa, einer mächtigen Klosterburg, die sich strategisch günstig auf einem Bergrücken erstreckt. Wer immer auf der Straße nach Osten oder Westen will, muss an der Burg vorbei. Nyendra, Sangay und Chimi dürfen den Dzong nur im Gho mit weißem Zeremonienschal betreten, Cherup trägt eine Kira mit buntem Schal, das Traditionsgewand der Frauen. Im Labyrinth der Innenhöfe mit unzähligen Tempeln sehen wir eine Schar junger Mönche in bordeauxroten Gewändern, die im Gänsemarsch hinter ihrem Lehrmeister herschreiten.

»Auch ich war früher Mönch«, sagt Chimi. Er ist ein Bauernsohn mit neun Geschwistern. Mit zehn Jahren schickten ihn seine Eltern in einen Dzong. In Bhutan ist es üblich, dass Familien eins ihrer Kinder für eine Erziehung im Kloster auswählen. Chimi blieb, bis er 17 war. Dann wollte er Musiker werden, aber die Eltern waren zu arm, um ihn zu unterstützen. »Da ging ich zu Königin Ashi und bat sie um Hilfe«, sagt Chimi. »Sie engagierte mich, damit ich für sie musiziere, wenn sie im Lande unterwegs ist.«

Heute ist Chimi 41, er ist verheiratet, hat zwei Kinder und einen festen Job am Flughafen von Paro. Außerdem hat er sieben Musikalben aufgenommen. »Weil die Königin mir geholfen hat, bin ich heute glücklich mit meinem Leben.« Das klingt märchenhaft, ist aber nicht ungewöhnlich. Wer in Bhutan ein Problem hat, kann im Dzong auch zum König in die Sprechstunde gehen. Die etwa 20 Dzongs, die Hochburgen des Buddhismus, sind Bhutans prächtigste Gebäude. Sie sind zugleich Klöster und Regierungssitze.

Wir lassen die Trongsa-Burg hinter uns und fahren weiter zu den vier großen Tälern von Bumthang. Diesmal soll das Bogenschießen bei einem zweitägigen Trekking im Chamkar-Tal stattfinden. Für den Transport hat Nyendra Verstärkung bestellt. Himalaya-Pferde tragen unser Gepäck und die Bögen, ein halbwüchsiger Junge trottet mit einem Sack voller Köcher hinterher.

Wir wandern zwischen lohfarbenen Buchweizenfeldern, Gemüseäckern und Schuppen aus geflochtenem Bambus. Am Wegesrand hockt eine Frau auf dem Boden und webt einen viele Meter langen dreifarbigen Zeremonienschal, während ein junges Mädchen mit den Garnrollen hin- und hergeht. 70 Prozent der 700000 Bhutaner sind Bauern, die das, was sie zum Leben brauchen, selbst anbauen und herstellen.

Am Nachmittag erreichen wir das Camp und werden schon erwartet: In der Mitte des Platzes ist ein großes Zelt aufgebaut, vor dem sich Familien mit Proviant niedergelassen haben. Tische und Bänke stehen bereit, Bäuerinnen zeigen auf Thermoskannen mit heißem Wasser für Tee und Nescafé. »Was passiert hier?«, frage ich Nyendra. Dann begreife ich, dass er hier, mitten in der Natur, ein Turnierfest für uns organisiert hat. Zwei bhutanische Bogenschützenteams haben schon angefangen zu schießen, während vor dem Festzelt Bäuerinnen in Kira-Tracht tanzen und die immergleiche meditative Melodie singen. Dann sind wir gefordert. Chimi stellt drei Mannschaften aus je vier Bhutanern und drei Deutschen zusammen, die gegeneinander antreten sollen. Jeder hat zwei Pfeile, nach jeder Runde werden die Einschläge in der Zielscheibe begutachtet und nach einem komplizierten Punktesystem gezählt.

Immer mehr Zuschauer lassen sich neben dem Schießfeld nieder. Zum karierten Gho tragen sie Kniestrümpfe mit Turnschuhen oder Gummistiefeln, sie feuern lauthals die Schützen an oder stören sie, lachen über Fehlschüsse und springen jubelnd auf, wenn ein Pfeil trifft, egal, von welcher Mannschaft. Jeder Treffer wird von den bhutanischen Schützen betanzt, wie es das Ritual verlangt, sie hüpfen und singen ein Freudenlied, das mit einem »Ho-ho-ho« endet. Wir schießen den ganzen Nachmittag lang. Es ist ein Spiel ohne Verbissenheit. Dabei werden die Regeln durchaus ernst genommen. Doch bevor ein Team die sieben Punkte zum Sieg erringt, wird es stockdunkel. So gewinnt am Ende keiner.

Es ist kalt geworden. Vorm Festzelt brennt ein großes Feuer, um das neben den Frauen nun auch die Männer, bhutanische und deutsche Schützen, tanzen. Nach dem Abendessen – wie immer gibt es Suppe, roten Reis mit Yakfleisch und Chili-Gemüse – spielt Chimi auf der Dranyen, einem langen, bauchigen Saiteninstrument, das er den ganzen Weg bis zum Camp getragen hat. Dann sitzen wir am Feuer, trinken heimischen Whisky, mit heißem Wasser verdünnt, und singen uns abwechselnd Volkslieder vor, die Bhutaner mit unerschöpflichem Repertoire.

Wir werden noch ein halbes Dutzend Mal bogenschießen, in den Bergen, im Tal der Schwarzhalskraniche und am Fuße eines Klosters. Dann sind wir bereit für das Finale in Paro, 65 Kilometer von Thimphu entfernt. Das Turnier beginnt feierlich: Wir müssen unsere Schirmmützen abnehmen, Chimi spricht auf Dzongkha magische Formeln, die von den bhutanischen Schützen wiederholt werden. Dann stoßen sie vogelartige Schreie aus, und Chimi schüttet für die Götter etwas Bier auf den Boden. Viele Stunden geht das Spiel hin und her, begleitet von Tänzen und Musik. Und am Ende ist es kein Bhutaner, sondern eine Deutsche, die mit den meisten Treffern zur Königin des Turniers wird: Der letzte Freudentanz von Chimi, Sangay und den anderen gilt Karin, einer geübten Bogenschützin aus Aschaffenburg.

Information

Veranstalter: Die beschriebene Reise mit Bogenschießkurs und mehrtägigen Trekkingtouren bietet als einziger deutscher Veranstalter One World Reisen mit Sinnen (Tel. 0231/5897920, www.reisenmitsinnen.de ) an: 18 Tage inklusive Flug, Vollpension, Campingausrüstung, Bambusbogen und Reiseleitung kosten ab 4840 Euro. Nächste Abreisetermine: 25. Februar, 4. April, 28. Oktober, 20. Dezember

Die Einreise nach Bhutan ist nur mit einem Reiseveranstalter möglich

Auskunft: Department of Tourism, P.O. Box 126, GPO Thimphu, Bhutan, Tel. 00975-2/323251/52, www.tourism.gov.bt

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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    • Schlagworte Bhutan | Reise | Indien | Aschaffenburg
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