Der Berliner Anwalt Sven Jürgens hätte eine zusätzliche Qualifizierung im Grunde nicht nötig gehabt: Der 40 Jahre alte Jurist ist nicht nur promoviert, er hat auch drei Fachanwaltslehrgänge absolviert: Arbeitsrecht, Mietrecht und Versicherungsrecht – und das, obwohl er laut Berufsordnung nur zwei der Titel öffentlich tragen darf. Die Wettbewerbsregeln für Rechtsanwälte sind streng, deshalb war sein Interesse sofort geweckt, als er von einem neuen Angebot für Juristen hörte, sich von der Dekra prüfen zu lassen und so ein Zertifikat in Arbeitsrecht zu erwerben.

"Der Berliner Markt ist stark umkämpft", sagt Jürgens. "Da muss man sehen, wie man sich noch anders von der Masse abheben kann." Also hat Jürgens 350 Euro für die Zertifizierung bezahlt, ein fast 200 Seiten starkes Lernskript durchgeackert und im Dezember 40 Fragen zur Rechtsprechung der letzten drei Jahre beantwortet. Am Ende gehörte er zu den 16 von 34 Teilnehmern, die die Prüfung bestanden haben. Doch das neue Siegel ist vorerst nicht viel wert: Jürgens wagt nicht, auf seiner Webseite damit zu werben – denn die Berliner Rechtsanwaltskammer droht mit Standesverfahren.

"Das Dekra-Siegel ist irreführend, weil das rechtsuchende Publikum die Vorstellung hat, dass es sich um eine staatlich anerkannte Zertifizierung handelt", sagt die Berliner Kammerpräsidentin Margarete von Galen: "Die Bürger kennen die Dekra eben nicht als irgendein Fortbildungsinstitut, sondern weil sie wie der TÜV im Auftrag des Staates bestätigen darf, dass ein Auto technisch in einwandfreiem Zustand ist." In Köln unterstützt die Rechtsanwaltskammer eine einstweilige Verfügung gegen das Dekra-Siegel, über die am 13. Januar vor dem Landgericht entschieden werden soll. Die Kölner berufen sich auf den Paragrafen 7 der Berufsordnung für Rechtsanwälte, wonach keine Zusatzbezeichnung geführt werden darf, die mit dem Fachanwaltstitel verwechselt werden kann.

"Der Fachanwalt ist seit 25 Jahren die einzige Möglichkeit für einen Anwalt, seine Kompetenz in einem Thema nach außen sichtbar zu machen", kritisiert Marius Ehrlinger, Geschäftsführer des Deutschen Anwaltszentrums (DAZ) in Berlin. Das DAZ, das sonst vor allem juristische Fortbildungen im Auftrag der Freien Universität Berlin durchführt, hat das neue Zertifizierungsverfahren in Kooperation mit dem Dienstleistungsunternehmen Dekra als unabhängigem Prüfer entwickelt. "Mit unserem Siegel können gerade junge Anwälte schneller auf einem bestimmten Rechtsgebiet in den Markt einsteigen", meint Ehrlinger. Wer Fachanwalt für Arbeitsrecht werden will, muss für die nötigen Lehrgänge rund 1700 Euro investieren, mehrere Klausuren schreiben und vor allem: 100 arbeitsrechtliche Praxisfälle über einen Zeitraum von drei Jahren nachweisen.

Genau das war der Grund für Tanja Hanisch, an der neuen Dekra-Zertifizierung teilzunehmen: Die Rechtsanwältin hat das Siegel – "Dekra zertifiziert im Arbeitsrecht" – vor Weihnachten auf ihre Grußkarten gedruckt und zusammen mit Gutscheinen über 50 Euro verschickt. Ihr Kalkül: Mandate für den angestrebten Fachanwaltstitel zu ergattern. "Ich finde auch, dass der Fachanwaltstitel geschützt werden muss", sagt Hanisch. "Aber ich kann die Gefahr durch das Dekra-Siegel nicht sehen: Damit zeige ich nur, dass ich Zeit investiert habe, um mich fortzubilden."

Spezialisierung müsse sich immer an Theorie und Praxis festmachen, meint dagegen Kammerpräsidentin von Galen. Ein 2,5-stündiger Multiple-Choice-Test reiche nicht aus: "Für das Dekra-Zertifikat muss man kein einziges Mandat auf diesem Gebiet geführt haben", so Galen. "Der Mandant aber denkt: Die Anwältin hat auf dem Gebiet Erfahrung."

Johannes Sailer, ebenfalls geschäftsführender Gesellschafter beim DAZ, hält dem entgegen, "dass mit dem Siegel die Qualität der Rechtsberatung für die Verbraucher steigen wird". Denn bisher bildeten sich fast nur Fachanwälte regelmäßig fort. Das Dekra-Siegel bleibe ein Jahr lang gültig, dann müsse man entweder zum Preis von 150 Euro an einer Prüfung mit aktualisierten Fragen teilnehmen – oder nachweisen, dass man eine Veranstaltung besucht hat, die gemäß Fachanwaltsordnung als Pflichtfortbildung anerkannt ist.