Ägypten Die Schule unseres Viertels

Wie eine Privatschule in Kairo Kindern aus Armenvierteln Lesen und Schreiben beibringt

Den Kinder aus den Armenvierteln Kairos wollen Privatschulen helfen

Den Kinder aus den Armenvierteln Kairos wollen Privatschulen helfen

Nee, du kannst doch nicht mit zu uns nach Hause kommen. Da sind wilde Hunde, die werden dich beißen«, sagt Eiman und rollt wild mit den Augen. »Und Ratten!«, ergänzt er. Schließlich willigt er doch ein. Seine Mutter ist gerade bei der Arbeit. Sie wischt sich die Hände am Kittel ab und führt den Besuch in die erste Etage. Das ganze Erdgeschoss ist voll Müll. Aufgerissene Plastiktüten mit Essensresten, Blechdosen, dazwischen Altpapier und alte Spritzen. Eiman ist Sohn aus einer von Kairos Müllsammlerfamilien. Seine Eltern freuen sich über den lange angekündigten Besuch. Schließlich sind sie stolz auf Eiman. Der 12-Jährige geht doch jetzt wieder zur Schule und hat sogar schon etwas gelernt. Wie es dazu kam, ist eine lange Geschichte.

Bei den Müllsammlern ist es üblich, dass die Kinder früh im Familienbetrieb mithelfen: Eiman fährt früh morgens mit seinem Vater herunter in die Stadt. Mit dem kleinen Laster holen sie Haushaltsmüll ab und fahren ihn dann in ihr Viertel am Fuß des Mokattamberges.

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Ohne teure Nachhilfe sind die Prüfungen nicht zu meistern

Dort wartet die Mutter mit den Mädchen. Sie sortieren dann mit bloßen Händen, im Hausflur kauernd, alles Brauchbare aus den Mülltüten heraus. Das wird an Müllhändler weiterverkauft. Was übrig bleibt, kriegen die Schweine. Der Rest tritt sich fest. Da nur Christen Schweine halten, ist das Müllsammeln fest in der Hand der koptisch-orthodoxen Christen. Auch Eiman hat ein kleines tätowiertes Kreuz am Handgelenk.

Schulbildung braucht man für solch ein Leben nicht, und viele hier haben auch keine. »Ich bin in die erste Klasse gegangen«, sagt Eiman, »aber das ging nicht gut.« Der Lehrer habe ihn wie alle Kinder geschlagen und das manchmal sehr. Mit über 50 Kindern in der Klasse habe er eh nichts gelernt. Den eigentlichen Ausschlag gab allerdings, dass die Familie ihr angestammtes Müllsammelgebiet in Kairos Innenstadt verloren hat. Die Kairoer Müllmenschen haben seit Generationen die Stadt unter sich aufgeteilt, damit jeder sein Einkommen hat. Bis kürzlich eine moderne Müllabfuhr beauftragt wurde. Eimans Familie muss jetzt wild Müll sammeln, und da konnten sie ihm nicht mehr das Geld für Nachhilfestunden geben. Die Lehrer an staatlichen Schulen in Ägypten verdienen sehr wenig und sind darauf angewiesen, Nachhilfeunterricht zu geben. Am Nachmittag bringen sie den Kindern das bei, was sie eigentlich am Morgen lernen sollten. Wer nicht zahlt – pro Fach werden rund vier Euro im Monat verlangt –, hat keine Chance, die Prüfungen zu bestehen. Das war das Ende von Eimans staatlicher Schulzeit – und der Beginn einer neuen Bildungslaufbahn.

»Für genau solche Jungen haben wir unsere Schule gegründet«, erzählt Ezzat Guindy. Er ist auch Sohn eines Müllsammlers, und von ihm stammt die Idee, sich speziell an Jungen zu wenden. »Alle anderen Hilfsorganisationen fördern immer die Mädchen, da bleiben die Jungen links liegen«, sagt er. Die Jungen kommen, wann immer sie zu Hause frei haben, in die Schule mit dem schönen Namen »Seele der Jugend«. Jeder hat einen Ordner, in dem seine Arbeitsblätter abgeheftet, Fortschritte und Schwächen notiert werden. So lernt jeder in seinem Tempo. »Wir bringen den Jungen Schreiben nach Gehör bei und fangen mit Worten aus ihrem Alltag an«, sagt Miss Magda, eine von fünf Lehrerinnen. Damit die Jungen schnelle Erfolgserlebnisse haben, dürfen sie, sobald sie einen Satz über sich selbst schreiben können – zum Beispiel: Ich sammle Plastikflaschen –, an einen Computer, um ihn dort einzutippen. Viele haben das Ziel, nicht nur Lesen und Schreiben zu lernen, sondern auch Englisch. Zumindest so viel, dass sie Internetadressen in den Rechner eingeben können. Dann steht ihnen die Welt offen, davon sind sie überzeugt.

Finanziert werden die Schule und das Computercenter zum großen Teil von Procter & Gamble. Das Unternehmen macht dies nicht nur aus uneigennützigen Gründen. Schließlich bieten die Jungen einen Service, der dem Konzern hilft. »Wir haben festgestellt, dass bei unseren Müllsammlerfamilien Händler auftauchen, die gezielt Flaschen von teuren Shampoos kaufen«, erzählt Ezzat Guindy. Die leeren Flaschen würden dann mit billigen Seifen aufgefüllt und als original Procter-&-Gamble-Shampoo weiterverkauft. »Das schadet natürlich der Marke, denn das billige Shampoo kann zu schlimmen Dingen führen, Haarausfall oder so«, sagt Guindy. Deshalb gehen die Schuljungen nun also durchs Müllviertel und kaufen ihren Nachbarn und Verwandten alle Procter-&-Gamble-Flaschen ab.

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    • Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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    • Schlagworte Schule | Ägypten | Unilever | Bildungspolitik | Messe | Kairo
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