Die Bologna-Utopie

»Ich rebelliere nicht aus Prinzip«, sagt der 50-jährige Juraj Hromkovič, Slowake, seit 2004 Informatik-Professor an der ETH Zürich. »Aber ich bin in einer kommunistischen Diktatur aufgewachsen und reagiere empfindlich auf politische Initiativen, die mich an diese Zeit erinnern.« Darum sage er öffentlich, dass die Bologna-Reform gefährliche Auswirkungen auf die Hochschullandschaft habe.

»Die Mobilität als Grundidee von Bologna ist gut«, sagt Hromkovič. »Aber auch der Kommunismus hatte mit der Gleichheit der Menschen eine schöne Leitidee. Doch es kam zum Stillstand, weil man die Gleichheit durch Bekämpfung von Vielfalt und Individualität zu erreichen versuchte.« Die viel gerühmte Mobilität der Studenten hätte man, sagt Hromkovič, viel effizienter und ohne Schaden haben können – faktisch habe sie schon vor der Reform bestanden. Doch hätten sich die Reformer von der utopischen Ideologie leiten lassen, dass man jederzeit von einer Hochschule an jede andere wechseln können müsse. »Die Umsetzung dieser Utopie kann immense Schäden verursachen. Es war ein unüberlegter Schnellschuss.«

Potenzielle Schäden sieht Hromkovič dreierlei. Erstens: Wenn die Studierenden wirklich frei wechseln könnten, müssten alle Universitäten das gleiche Niveau haben. Für Spitzenhochschulen wie Oxford oder die ETH bedeutete dies eine Nivellierung nach unten. Außerdem würden dadurch die Studiengänge uniformiert. Diese Einschränkung von Freiheit und Vielfalt sei aber fatal für die Entwicklung der Universitäten. In der Praxis funktioniere die grenzenlose Mobilität schlicht nicht. Hromkovič: »Wenn Leute nach dem Bachelor von durchschnittlichen Universitäten zu uns kommen, laufen sie hier im Masterstudium in der Regel an eine Wand.«

Zweitens: Der zeitliche Aufwand für die Reform. Es seien so »Millionen von Arbeitsstunden hochqualifizierter Wissenschaftler« verschwendet worden, sagt Hromkovič. Und außer den politisch Involvierten habe er noch nie einen Kollegen getroffen, der sich über die Reform gefreut hätte.

Drittens: Die zweistufige Ausbildung mit Bachelor und Master sei für Spitzenhochschulen unsinnig. »Es ist Geldverschwendung, wenn man an der ETH praxisbezogene Berufsleute ausbildet«, sagt Hromkovič. »Das können Fachhochschulen billiger und besser.« Viele Universitäten lösen das Problem, indem sie die Studiengänge auf den Master ausgerichtet und den Bachelor nur symbolisch eingeführt haben. »Man geht nicht an eine bekannte Universität, um bloß einen Bachelor zu machen«, sagt Hromkovič. Man müsste daher den Hochschulen die Freiheit lassen, den Bachelorgrad wieder abzuschaffen. Mathias Plüss

 
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