Simmels Matratze
Der Schriftsteller Thomas Hürlimann erzählt, wie er dank Johannes Mario Simmel zu einer Bettstatt kam
Mein erstes Buch hatte ich in Berlin geschrieben. Mein zweites wollte ich in Zug schreiben, der Stadt, wo ich geboren und aufgewachsen war. Aus der Ferne organisierte ich ein billiges Zimmer in einem Dachstock, packte den Koffer und reiste in die Heimat.
Da ich wusste, dass meine neue Kammer leer war, betrat ich, gleich nach meiner Ankunft, in der Bahnhofstraße der kleinen Stadt ein Geschäft für Innendekorationen. Herr Doswald, der Geschäftsinhaber, und ich kannten uns von früher. Hürlimann, begrüßte er mich, wieder im Lande! Was haben Sie getrieben, draußen in der großen Welt?
Ich schreibe, nuschelte ich.
Sie sind Schriftsteller?
Ja. Ich brauche eine Matratze.
Oh, rief Herr Doswald, ein Schriftsteller! Kaum hat man den ersten bedient, schon steht der nächste auf dem Teppich. Kommen Sie!
Er setzte sich eine Baskenmütze auf, schlang einen Schal um den Hals und winkte mich aufgeregt durch den Hintereingang, in seinen Firmenwagen.
Aber –
Einsteigen!, rief Herr Doswald. Verdattert gehorchte ich, wir brausten los.
In hohem Tempo ging es den Hang hinauf, ins vornehmste Quartier von Zug, wo Herr Doswald vor einer weißen Villa parkte. Sie lag über Stadt, Land, See und sah mit ihrer Südseite zu den Alpen. Herr Doswald schloss die Tür auf und führte mich ins Innere.
Das, sagte er, ist das neue Zuhause des Schriftstellers Johannes Mario Simmel.
Mir wurde schwindelig, nein, so ein Interieur hatte ich noch nie gesehen: Ledersofas mit Deckchen aus Spitze, rote Plüschtapeten mit Blumenornamenten, Buffets auf geschnitzten Löwenpranken, Kristallleuchter, Übergardinen, Untergardinen, lofotengrüne Samtvorhänge mit flaschengroßen Troddeln, Teewägelchen auf Silberkufen, Zinnkrüge in Batteriestärke, Kupferteller, worin Porzellanbuddhas hockten, antike Bauernschränke, eine Kuckucksuhr, Perser- und Spannteppiche, im Bad goldborstige WC-Bürsten und im Treppenhaus Malerei aus dem lokalen Kunstschaffen, Abstraktes auf lakengroßen Leinwänden.
Ist das der Geschmack von Herrn Simmel?!
Nein, sagte Herr Doswald bescheiden, das ist der Geschmack eines seiner treuesten Leser.
Ihrer?, fragte ich vorsichtig.
Ja, sagte Herr Doswald, der meinige.
Dann erzählte er mir, vor gut einem Monat sei Johannes Mario Simmel, der seinen Wohnsitz von Monaco nach Zug verlege, zu ihm in den Laden gekommen und habe ihm den Auftrag erteilt, die neu erworbene Villa einzurichten. Ich starrte auf ein Tischlein mit fein gedrechselten Beinchen; es trug Rosenblätter, Schwimmkerzen und eine Giraffe in afrikanischer Manier.
Simmel gab Ihnen freie Hand?
So ist es, sagte Herr Doswald, an der Plüschtapete eine Lithografie von Max Bill gerade rückend, der große Dichter scheint etwas melancholisch zu sein.
Geld, hat er gemeint, spiele keine Rolle. Dann hat er mir die Schlüssel übergeben. Schweigend. Mit einem flehenden Blick. Nur die Blumen fehlen noch, in jede Murano-Vase kommt natürlich ein Lilienbouquet. Nächste Woche ist es so weit. Dann bezieht der große Dichter sein neues Heim.
Und meine Matratze?, fragte ich.
Die bekommen Sie umsonst, sagte Herr Doswald.
Danke, Johannes Mario Simmel.
Der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann lebt in Berlin. Zuletzt erschien bei Ammann seine Essay-Sammlung »Sprung in den Papierkorb«. Er schreibt derzeit an einem neuen Roman
Foto: picture-alliance/dpa
- Datum 08.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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