Seekranke Schweiz

Unwillkürlich hatten sie alle die Tischkante mit beiden Händen gepackt. Außer Franz, der den operierten Arm in einer Schlinge trug. Aber auch er spürte, wie die Dünung entlang der Reling des Stammtisches lief wie eine sanfte La Ola. »Bei schönem Wetter geht es ja noch«, sagte Chäschpi. »Also bei mir geht es auch dann nicht«, beschied ihm die rote Charlotte. »Ich hätte einmal mit der Uri auf dem Vierwaldstätter See fahren sollen. Mir ist schon schlecht geworden, als das Schiff noch angebunden war. Da habe ich auf dem Absatz gedreht und bin wieder an Land.« Sie schüttelten alle den Kopf im stillen Einverständnis, dass Schweizer im Prinzip nicht aufs Meer gehören.

Im Prinzip war auch Chäschpi dieser Ansicht, plagte ihn doch das helvetische Fremdschämen für jeden Schweizer, der im Ausland irgendwie als Ausländer auffiel. Trotzdem war er dafür, dass sich die Schweiz an der Bekämpfung der Piraten beteiligen solle: »Und nicht nur einfach mit Stutz. In diesem Land hat man das Gefühl, man könne immer alles mit Geld regeln. Das gibt den Jungen eine völlig falsche Vorstellung von der Realität. Außerdem ist es feig.«

»Das ist alles nur ein Vorwand, damit sie sagen können, wir sollten der Nato beitreten!« Und ob Nato, EU oder UN, für Charlotte war das alles Teufelszeug, geschaffen, um Schweizer ins Ausland zu locken. »Chabis«, machte Peti einen Punkt, bevor sie zu einem Sermon ansetzte. »Wir sind neutral und fertig. Aber ich sehe nicht ein, weshalb das der Steuerzahler berappen soll. Die Reeder können sich spezialisiertes Wachpersonal mieten, um ihr Geschäft zu schützen.«

»Das ist jetzt en fertige Blödsinn«, ereiferte sich Chäschpi. »Wenn sie bei euch in der Bude einbrechen, dann erwartest du auch, dass die Polizei kommt und die Diebe fängt. Oder wie würdest du reagieren, wenn sie dir am Telefon sagten, sie seien nicht zuständig, ihr hättet halt einen Wachmann anstellen sollen?« – »Was macht denn die Securitas genau?«, fragte Peti zurück und kratzte sich heftig am Oberschenkel. »Das ist doch längst eine Tatsache, dass man sich in dem Land selber schützen muss.« – »Genau«, sekundierte Charlotte.

Chäschpi verwarf die Hände. »Dann frage ich mich, warum eure SVP immer bei der Polizei spart. Die SP ist die einzige Partei, die mehr Polizeikräfte fordert. Im Übrigen ist der Schutz des Eigentums Aufgabe des Staats.« – »Aber sogar die SBB hat eigenes Wachpersonal«, sagte Peti, »und für die Reeder gibt es Blackwater.« – »Eine Superidee! Am Schluss haben wir noch ein Verfahren am Hals wegen Verletzung der Menschenrechte durch Blackwater-Söldner.« – »Ich habe ja gesagt, wir sollten den UN nicht beitreten«, sagte Charlotte, und als Franz auch noch fragte, weshalb die Soldaten seekrank werden sollten, wenn doch die meisten Einsätze per Helikopter erfolgten – konnten Chäschpi alle in die Schuhe blasen. SILVANO CERUTTI

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
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    • Schlagworte Schweiz | Ausländer | Nato | Polizei | Blackwater
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