Kino"Arm filmt gut? Das gefällt mir nicht"

Ein Gespräch mit dem Regisseur Christian Petzold über die Abhängigkeit der Autorenfilmer vom Geld, das große Geschäft mit den Gefühlen und seinen neuen Film "Jerichow" von  und

DIE ZEIT: Wir wollten mit Ihnen über Geld reden. Wie bestimmt es Ihre Arbeit?

Christian Petzold: Beim Autorenfilm, auch Low-Budget-Film genannt, ist immer wenig Geld da. Aber gerade diese Filme müssen so tun, als ob sie sich ums Geld überhaupt nicht scheren, die sind für die Gefühle zuständig. Und tun so, als ob Gefühle keiner Ökonomie gehorchen. Also: Arm filmt gut. Das gefällt mir nicht. Und wenn in einem Film viel Geld steckt, muss er das ebenfalls zeigen: bei den Kostümen, in der Ausstattung. Es gibt eine Szene bei den Simpsons, wo der Chef von General Motors Homer Simpson als den prototypischen »einfachen Mann« bittet, ein Auto für alle zu entwerfen. Homer bekommt so viel Geld, wie er will – und heraus kommt das ekelerregendste aller Autos: überladen, stillos, sechs Hupen, 25 Bordbars, 13 Fernseher… Das ist kein Auto, sondern die Fantasie eines Lotto-Lothars. So geht es oft auch den Filmen mit einem Etat von 15 Millionen Euro: Sie müssen ihr Geld zeigen, das setzt alle unter Druck beim Drehen, aber auch den Zuschauer. Der muss ja decodieren: ganz schön teuer!

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ZEIT: Hätten Sie gern mehr Geld für Ihre Filme?

Petzold: Ich würde mehr Geld dafür benutzen, um mal 40, 50 Drehtage zu bekommen, um die Orte noch präziser kennenzulernen. Um mal eine kompliziertere Choreografie hinzubekommen. Ich schreibe immer nur Abendessen mit drei Leuten, würde aber gerne mal ein Orgie inszenieren. Nicht, dass die Leute nackt sind und mit dem Essen rumschmeißen. Sondern wo das Essen eine unheimliche Sinnlichkeit bekommt.

ZEIT: Würden Sie dafür auch Kompromisse eingehen? Wie erpressbar sind Sie selbst bei der Suche nach Geld für Ihre Filme?

Petzold: Ich hab kommerziell und künstlerisch Glück gehabt. Seit ich für Die innere Sicherheit den Bundesfilmpreis bekam, hatte ich immer genug Geld für einen neuen Film. Das darf man ja nicht vergessen: Meine Filme kosten so wenig, dass sie Gewinn machen, natürlich auf unterstem Niveau. Alle meine Filme kosten 1,8 Millionen Euro. Da reichen 100.000 Zuschauer, um alle Fördergelder zurückzuzahlen. Und das tun wir. Das tun andere, die über drei Millionen Zuschauer haben, nicht.

ZEIT: In Jerichow ist nahezu in jeder Szene Geld zu sehen. Geht es da auch um eine Reflexion Ihrer Produktionsbedingungen?

Petzold: Die sollte in jedem Film stecken. Aus jedem Chabrol-Film spricht die verzweifelte Sehnsucht, dass er ihn gerne woanders spielen lassen würde, nämlich in Amerika. Das ist aber auch die Schönheit der Chabrol-Filme: dass die Bourgeoisie selber diese Sehnsucht hat, mit ihren Drinks, ihren Suburb-Frauen. Die Amerikanisierung des französischen Lebens und Chabrols Sehnsucht nach amerikanischem Kino begegnen sich.

ZEIT: Heißt das, dass Sie Jerichow, der in der westernhaften Weite Ostdeutschlands spielt, lieber in Amerika gedreht hätten?

Petzold: Der Ort Jerichow hat ja selber etwas Amerikanisches. Diese Highways, die durch den Osten führen – man fährt an den Orten nur noch vorbei. Die Ortskerne sind zwar renoviert, aber es gibt kein Gemeinwesen mehr. Unsere Marktwirtschaft hat diese Städte renoviert, um sie wieder zu den bürgerlichen Städten zu machen, die sie mal gewesen sind. Man malt alles wieder an, aber die bürgerliche Gesellschaft ist verschwunden und der Marktplatz leer. Die Menschen sind in die entsetzlichste Einsamkeit und an den Rand gedrängt. An den Ortsrändern, an den Autobahnausfahrten, sind die Autohöfe und Shopping-Malls – und das ist amerikanisch. Ich brauche also gar nicht amerikanisches Kino in Deutschland zu machen. Amerika ist schon hier.

ZEIT: Die Landschaft in Jerichow, aber auch schon in Ihrem vorherigen Film Yella, sieht aus wie ein Atomtestgelände des Kapitalismus.

Petzold: Mir kam es auf Vereinsamung an. Das einsame Haus im Wald. Die Parkplätze mit den Imbissbuden. Jean Baudrillard hat mal über Disneyland nur anhand der Parkplätze geschrieben. Disneyland selbst leuchtet toll, aber das Parkplatzareal ist riesig und öde – als wäre die ganze Welt ein Autokino, nur ohne Leinwand. So ähnlich sehen auch die ostdeutschen Malls aus. Da gibt es zwischen Leitplanke und Rasengitterstein als ruinösen Rest noch das, was früher der Marktplatz gewesen ist.

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