Kino"Arm filmt gut? Das gefällt mir nicht"Seite 2/4

ZEIT:Jerichow erzählt eine Dreiecksgeschichte: zwischen Laura, gespielt von Nina Hoss, ihrem türkischen Ehemann Ali – Hilmi Sözer – und Benno Fürmanns Thomas, der in die finanziell austarierte Beziehung der beiden einbricht. Welche Funktion hat Geld für die drei Figuren?

Petzold: Ali ist der türkische Geschäftsmann, der sich durch Geld einen Platz in der Gesellschaft gekauft hat: eine Imbisskette im deutschen Osten, ein schönes Haus und eine tolle Frau – die ihn nur geheiratet hat, weil er ihre Schulden übernommen hat. Da geht es um die Ökonomisierung der Körper und Gefühle. Tom hat sein unterschlagenes Geld wie ein Kind in einer Blechdose in einem Baumhaus versteckt, dabei geht es um 40.000 Euro! Damit infantilisiert er sich selber, er will noch mal zwölf sein. Laura macht etwas Ähnliches: Sie bestiehlt ihren Mann, als würde sie bloß beim Einkaufen das Wechselgeld abzweigen. Sie versteckt das Geld wie ein Kind in einem Loch und bekommt eine Kinderstimme, als sie ertappt wird. Auch hier werden das Geld, die Schuld, das Alter verkindlicht. Im Bild sollte das Geld eine Substanz sein und wenn es nicht im Bild ist, eine Schuld.

ZEIT: Lässt sich Geld gut filmen?

Petzold: Ja, wie man alles gut filmen kann, was man aus dem Alltag kennt. Du musst es nur anständig und mit Überlegung ins Bild setzen. So wie jemand bei Godard einen Geldclip aus der Tasche holt. Kleine Scheine vorne heißt: bescheidener Mann. Große Scheine vorne: Angeber. In schlechten Filmen wird nur so ein Koffer aufgemacht, und im Hintergrund sagt jemand: Ouh!

ZEIT: Wie arbeitet man das Verhältnis zum Geld aus zwei Schauspielern und ihren Körpern heraus?

Petzold: Nina Hoss hatte einen Coach. Das gilt bei uns als was ganz Schlimmes, Managertraining, Gehirnwäsche. In meinen anderen Filmen spielt sie ein bisschen wie im Exil, das wäre hier aber nicht richtig gewesen. Und da haben wir diese Frau geholt, die auch Tom Cruise gecoacht hat. Sie hat zwei Wochenenden mit Nina gearbeitet – und ging komplett in die Richtung »Geld und Sex«. Alles andere hat die nicht interessiert. Ich hab dann gesagt: »Moment mal, es geht doch auch noch um andere Sachen, Deutschland, Weite, Mythen, Wälder!« Aber sie hat meine Position komplett weggenommen und Nina eine egozentrische, rücksichtslose Sicht auf ihre Person gegeben: »Ich gebe meinen Körper, ich bekomme dafür Geld und Sicherheit. Wie lange lässt sich diese Ökonomie durchhalten?« Das fand ich toll.

ZEIT: Auch Benno Fürmann hat in Jerichow eine andere Körperlichkeit als sonst.

Petzold: Ich habe sehr viel mit ihm über Matrosen gesprochen. Sein Thomas wird einfach so angeschwemmt, als Schiffbrüchiger mit nacktem Oberkörper liegt er im Garten des Hauses seiner Mutter. Und dann richtet er sich ein, wie Robinson Crusoe auf der Insel. Über dieses Matrosending hat Benno auch das Schweigen und Gucken wie eine Selbstverständlichkeit in sich aufnehmen können. Das ist nicht »das entsetzlich beredte Schweigen des deutschen Films«, wie Dominik Graf es immer nennt. Das ist das Schweigen von Leuten, die wie Thomas in Afghanistan Wache schieben, eine entsetzlich langweilige Arbeit. Eine wache Müdigkeit.

ZEIT: Die Figuren in all Ihren Filmen reden ohnehin so wenig, dass man sie manchmal fast anschreien möchte, damit sie aus sich herauskommen.

Petzold: Es geht aber nicht darum, dass Leute etwas verbergen, sondern darum, dass sie ökonomisch werden. Die Figuren von Jerichow haben keine Lust mehr, sich zu erklären. Das haben sie hinter sich. Ich mag Leute, die nicht mehr viel Zeit haben, die ungeduldig werden und den Zuschauer nicht noch an die Hand nehmen müssen. Der Zuschauer muss sich mit diesen Figuren und ihrer Komplexität beschäftigen, ohne dass die ihm sagen: »Ich hatte ’ne schwere Kindheit.«

ZEIT: Wird das Drehbuch während des Drehs noch weiter verknappt?

Petzold: Klar. Am Morgen, nachdem Laura und Thomas miteinander geschlafen haben, kommt Ali dazu. Diese Szene bestand ursprünglich aus vier Drehbuchseiten. Aber sie ist jetzt viel wahnsinniger, der Druck viel stärker, weil nicht alles durchgequasselt wird. Jetzt geht es darum, wie diese beiden Männer eine Tasse abstellen, wie sie eine Zigarette anzünden, wie sie sich taxieren. Das ist auch Sprache.

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