Kino"Arm filmt gut? Das gefällt mir nicht"Seite 3/4

ZEIT: Wie stellt man den obsessiven Rhythmus eines solchen Films her?

Petzold: Nach der Liebesszene muss Thomas zur Bushaltestelle gehen. So ein Gang in der Totalen ist schwer zu spielen. Um richtig gehen zu können, muss der Schauspieler viel mehr wissen, als er für einen Dialog wissen muss. Vor dem Gang hat mich Benno leise und ein bisschen peinlich berührt gefragt: »Bin ich gekommen?« In dieser Frage war mit einem Schlag klar, worum es bei den beiden geht: Die kommen nicht. Und am Ende, wenn sie aufwachen und eine ganze Nacht miteinander verbracht haben, dann möchten sie töten. Es gibt nach dem Aufwachen eine Leere. Und diese Leere füllen sie mit krimineller Energie. Davor müssen sie sich ihre Leidenschaft mit Küssen und abgebrochenen Beischlafszenen einfach abringen.

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ZEIT: Sie haben mal Helmut Färber zitiert: »Gute Filme zeigen in 20 Jahren, warum und wie wir vor 20 Jahren gelebt haben.« Was wird man 2029 aus Jerichow über Deutschland 2009 erfahren?

Petzold: Wenn man so denkt, hat man schon verloren. In dem Satz steckt eine Art Verantwortung gegenüber den Orten, den Verhältnissen, den Träumen, in denen man sich mit dem Kino automatisch befindet. Denken Sie zum Beispiel an Rosetta von den Brüdern Dardenne: Wenn man in 20 Jahren mal was über den Untergang der Lohnarbeit erfahren will, muss man sich diesen Film anschauen. Daraus wird jeder Soziologe oder Historiker mehr erfahren als aus jeder Statistik.

ZEIT: Eins lernt man aus Ihren Filmen schon jetzt: dass man am Beginn des 21. Jahrhunderts viel Auto fährt. Und dass die Menschen in ihren Autos oft mehr zu Hause sind als in ihren Wohnungen.

Petzold: Ich habe unheimlich viele Wahrnehmungen aus meiner Kindheit, die was mit der Rückbank im Auto meiner Eltern zu tun haben. Das Autofahren war immer das Nachbeben von etwas. Im Halbschlaf hört man dann, was für ein Idiot Onkel Günter doch geworden ist… Oder die Eltern haben sich selbst verkracht. Das Auto wird zu einer Druckkammer. Als Drehort liebe ich das Auto überhaupt nicht. Auto bedeutet Stress, ich bin der Einzige, der beim Dreh nicht vorhanden ist – einfach, weil im Auto für mich kein Platz ist. Auch mein Kameramann hasst das Auto, weil es da nur drei Kamerapositionen gibt. Und die Schauspieler hassen es, weil sie vier Stunden fahren müssen und sich kaum bewegen können. Bei so einem reduzierten Feld erzählt jeder Handgriff so viel: Wann schalte ich das Radio an? Wie greife ich zum Blinker? Wie schalte ich? Wie halte ich das Lenkrad?

ZEIT: Welches Auto fahren Sie selbst?

Petzold: Mercedes 200, C-Klasse. So wie er aussieht und dasteht, merkt er selber, dass das Auto in meinem Leben keine große Rolle mehr spielt. Manchmal krieg ich Anfälle, fahr an die Tankstelle und putz ihn stundenlang – weil er mir so leidtut. Dann ist er wie neu – und tut mir auch leid. Ich komme aus einer Vorstadt in der Nähe von Wuppertal, da war das Auto überlebenswichtig. Fahrstunden musste man mit 17 beginnen, damit man auf jeden Fall mit 18 den Lappen hatte. Aber das Auto spielt für mich nur noch als Atavismus eine Rolle, als etwas, das mir mal Spaß gemacht hat.

ZEIT: Ihre Filme scheinen eine beinahe prophetische Qualität zu haben: Wolfsburg antizipiert die Krise der Autoindustrie, Yella den Wahnsinn des Risikokapitals, Jerichow die Zerstörung aller Beziehungen durch den Kapitalismus. Ist es Ihnen unheimlich, recht zu behalten? Oder sind Sie stolz drauf?

Petzold: Ich hab immer das Gefühl, das Thema knapp verfehlt zu haben. Das Kino entdeckt diese Dinge ja nicht, sondern es kennt sich nur wahnsinnig gut aus im Bereich der Träume und der Verdrängung. Besser als jedes andere Medium. Hier findet das kollektive Unbewusste Bilder und Töne, hier geht es um Menschen, die an den Verhältnissen zerbrechen und die sich dagegen zur Wehr setzen. Denn all die Themen, die wir jetzt diskutieren, Klimakatastrophe, Finanzkrise – die gibt es doch eigentlich seit 30 Jahren. Wer in den letzten sieben Jahren nur einmal die Woche zehn Minuten Sabine Christiansen gesehen hat, weiß, was für Leute bei uns ihre Lobbyarbeit machen. Jeder, der seine fünf Sinne beisammen hat, weiß doch, dass jede Rendite über sechs Prozent nur kriminell sein kann. So viel Produktivität gibt es doch gar nicht!

ZEIT: Und das hat das Kino immer schon gewusst.

Petzold: Deshalb bin ich auch so sauer, dass die Filmgeschichte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht mehr stattfindet. Ich habe neulich etwas über den Film noir geschrieben. Da geht es um korrupte Gesellschaften, um Leidenschaften, die zerstörerisch sind, um Todestriebe. Und auch um die Lust auf Leben, um den beginnenden kapitalistischen Egoismus. Das muss doch im Fernsehen stattfinden! Das sind unsere Träume!

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