Kino"Arm filmt gut? Das gefällt mir nicht"Seite 4/4

ZEIT: Im Fernsehen und im Kino findet zurzeit das Gegenteil statt: eine Remythisierung, ein Aufkochen großer historischer Stoffe.

Petzold: Remythisierung bringt Geld und macht nicht viel Arbeit. Sie ersetzt die Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Das ist auch das Elend der Literaturverfilmungen. Auf die Frage, Warum macht ihr eigentlich die Buddenbrooks?, heißt es dann: Ist halt ein wichtiges Buch. Als Truffaut die Erzählung vom Wolfsjungen verfilmte, steckte da eine Überlegung drin: Warum mache ich das in Frankreich, 1969? Wir zeigen, wie sich die Aufklärungsinstitutionen, die heute in der Kritik stehen, überhaupt gebildet haben – als Form der Beherrschung von Wildnis. Das ist doch ein Standpunkt! Wenn man sich aber nur Mythen besorgt, das Raunen einkauft, wird das schon bei der zweiten Wiederholung nicht mehr funktionieren, weil nix drinsteckt.

ZEIT: Und die Schauspieler werden verschlissen.

Petzold: Weil sie 300 Tage im Jahr nur Sätze aufsagen müssen. Dominik Graf hat mal von einer Schauspielerin erzählt, die die 30 Sätze aufgezählt hat, die in jedem ihrer letzten fünf Filme drin waren. Platz eins: »Wir müssen reden.« Das reicht schon, da weiß man, in welche Richtung das geht.

ZEIT: Leiden die Schauspieler selbst darunter?

Petzold: Absolut. In Deutschland gibt es ja keine Stars. Bei der Bambi-Verleihung kriegt Keanu Reeves den Preis, es gibt Standing Ovations, als deutscher Schauspieler kannste da nach Hause gehen. Das würde in Frankreich nie passieren, die würden nie so mit ihren Schaupielern umgehen.

ZEIT: Es gibt also gar keine Kultur, die die Schauspieler trägt.

Petzold: Hier jubelt man für Jopi Heesters.

ZEIT: Können Sie sich die Schauspieler leisten, die Sie sich wünschen?

Petzold: Immer.

ZEIT: Weil die Sparpreise für Sie machen?

Petzold: Ich war immer erstaunt, wie viel Geld die kriegen. Ich verdiene ja viel weniger. Mit einer Schauspielerin hab ich mal drüber gesprochen, als noch vor der Kirch-Pleite die Gagen so in den Himmel schossen. Da sagte ich: Es kann doch nicht sein, dass der halbe Etat Gage ist! Da sagte sie: Aber die Amerikaner kriegen noch mehr! Ich: Die amerikanischen Schauspieler kennt die halbe Welt, euch kennt noch nicht mal Dänemark. Da war erst mal einen Tag Schweigen.

Das Gespräch führten Katja Nicodemus und Christof Siemes

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