Platte meines Lebens (35) Immer weg von der Wand
Bloß nicht rumstehen, Tanzen ist das Motto! Dank Michael Jacksons "Off The Wall" lernte unsere Autorin Englisch und Anmachsprüche
Ich weiß, heute will niemand mehr zugeben, jemals ein Michael-Jackson-Fan gewesen zu sein. Vor 30 Jahren aber gehörte ich zu seinen größten Fans. Damals kam ich gerade in die Pubertät, und Michael lächelte noch als süßer schwarzer Junge vom Bravo-Poster an der Wand in meinem Kinderzimmer. 1979 erschien Michael Jacksons Album Off The Wall, das den Beginn seiner erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Produzenten Quincy Jones und seinen Aufstieg als Solokünstler markierte. Der Titel des Albums hatte für mich eine besondere Bedeutung: Im selben Jahr übersiedelten meine Mutter und ich von Ost- nach West-Berlin, um jenseits der Mauer ein neues Leben zu beginnen. Diesen Zusammenhang erkannte ich allerdings damals noch nicht. Mit elf Jahren verstand ich nur wenige Brocken Englisch.
Täglich saß ich dann vor meinem ersten Radiorekorder und versuchte vergeblich, auf RIAS oder AFN Jacksons Hits Rock With You oder She’s Out Of My Life aufzunehmen, ohne dass der Moderator dazwischenquatschte. Irgendwann leistete ich mir von meinem Taschengeld die LP. Auf dem Innencover lehnt Michael lässig im schwarzen Smoking mit Fliege und leuchtend weißem Hemd an einer Wand. Er sieht smart aus mit seinem natürlichen Afro, und er lächelt.
Etwas später begann ich, die Berliner Diskotheken zu erobern. Mit meiner besten Freundin tingelte ich jedes Wochenende erst durch die Jugend-, später durch die Ami-Clubs der geteilten Stadt. Mit 14 schmuggelten wir uns, aufgebrezelt wie 20-Jährige, ins Black and White, Chic oder La Belle – bevor eine Bombe es zerstörte. Nach dem Alter fragte sowieso niemand. Michael Jackson war immer dabei – musikalisch jedenfalls. Er trällerte Burn This Disco Out, und die amerikanischen GIs im Run-DMC-Look – also mit Goldketten, adidas-Turnschuhen ohne Schnürsenkel, Trainingsanzügen und Hüten – riefen dazu im Chor: »The roof is on fire, we don’t need no water, let the motherfucker burn.« Meine Freundin und ich kreischten mit. Bei Rock With You gehörte uns die Tanzfläche. Bei Girlfriend flirteten wir mit den Jungs und kicherten wie alberne Teenager – nun ja, wir waren schließlich alberne Teenager.
Off The Wall entsprach genau unserem Lebensgefühl. Es war die Aufforderung, Spaß zu haben. »Steh nicht rum, sondern geh auf die Tanzfläche.« Unser Leben spielte sich ab zwischen Schule und Disco, zwischen Jugendzimmer und Armee-Unterkünften. Sprachbarrieren spielten keine Rolle. Wir lernten unser Englisch aus Liedtexten und Anmache. Und es wurde getanzt bis in die frühen Morgenstunden – Don’t Stop ’Til You Get Enough.
1983 erschien Jacksons Album Thriller, das ihn endgültig in den Pop-Olymp katapultierte. Obwohl es erfolgreicher war als Off The Wall, hatte es nicht mehr die Unbeschwertheit des Vorgängers. Auch äußerlich begann sich Michael zu verändern. Der Afro wich gegelten Jheri Curls, sein Benehmen und sein Aussehen wurden immer seltsamer. Und er lächelte nicht mehr.
Meine Begeisterung für ihn hat sich inzwischen gelegt. Nicht aber für seine Musik oder das Motto von damals: »Life ain’t so bad at all if you live it off the wall«. Das Leben ist gar nicht so schlecht, wenn du nicht nur an der Wand herumstehst.
Michael Jackson: Off The Wall (Sony)
- Datum 03.07.2009 - 07:04 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.01.2009 Nr. 03
- Kommentare 7
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Sie sprechen mir aus der Seele. "Off The Wall" war eines der besten, tanzbaren Funk- und Soul Alben, die jemald prodziert wurden. Ein Meilenstein der schwarzen Tanzmusik.
Ich wurde just in dem Jahr des Erscheinens von "Off The Wall" geboren. Mit 9 Jahren bekam ich - durch das "Bad"-Album bereits vom Michael-Fieber infiziert - das Album geschenkt und es avancierte sofort zu meinem Lieblingsalbum (und ist es bis heute geblieben). Leider stand die Scheibe in späteren Jahren, zu Unrecht, immer im Schatten von "Thriller".
Ich war übrigens immer überzeugter Michael Jackson-Fan und habe mich dessen selbst in finstersten Metaller- oder Hip-Hopper-Zeiten nie geschämt.
Sehr geehrte Frau Jeannine Kantara,
es wäre vielleicht besser gewesen, Sie hätten Ihr Englisch in der Schule, statt in der Disco gelernt.
Die englische Phrase "off the wall" heißt nicht etwa wie Sie behaupten "von der Wand weg"... sie bedeutet soviel wie durchgeknallt, abgedreht.
DAS ist die Botschaft des Liedes: "Life ain't so bad at all, if you live life off the wall" - Das Leben ist schon nicht so übel, wenn du 'nen verrückten Lebensstil pflegst.
Und DIESE Botschaft nahm sich Michael Jackson wohl leider ZU SEHR zu Herzen.
PS: Thriller erschien 1982, nicht 1983.
[Anmerkung: Bitte üben Sie Ihre Kritik sachlich aus. Vielen Dank. Die Redaktion/ew]
Und in Beat It singt Herr Jackson keineswegs: "Schlag es, schlag es...". Beat it bedeutet ziemlich genau übersetzt: "Hau ab"
Das nur für den Fall Jeannine Kantara sollte ihren nächsten Artikel über dieses fantastische Lied schreiben wollen...
Und in Beat It singt Herr Jackson keineswegs: "Schlag es, schlag es...". Beat it bedeutet ziemlich genau übersetzt: "Hau ab"
Das nur für den Fall Jeannine Kantara sollte ihren nächsten Artikel über dieses fantastische Lied schreiben wollen...
Und in Beat It singt Herr Jackson keineswegs: "Schlag es, schlag es...". Beat it bedeutet ziemlich genau übersetzt: "Hau ab"
Das nur für den Fall Jeannine Kantara sollte ihren nächsten Artikel über dieses fantastische Lied schreiben wollen...
Wo "Graecophilos" recht hat, hat er/sie recht. Und ein wenig provokativ heißt noch lange nicht, dass es unsachlich ist. Das steigert lediglich den Unterhaltungswert.
Auf jeden Fall danke an "Graecophilos", dass er/sie meinen englischen Horizont in Umgangssprache erweitert hat.
Ich bitte um Entschuldigung für meinen "unsachlichen" Kommentar. Die Autorin hat ja auch recht, das Album ist klasse!
ABER
Die ZEIT steht für Qualität. Und daher sollte man erwarten, dass irgendwer die Bedeutung der besagten Phrase prüft. Zumal es ja in der Einleitung auch noch heißt:
"Dank Michael Jacksons "Off The Wall" lernte unsere Autorin Englisch"
Und das widerspricht sich nunmal mit dem Inhalt des Artikels.
Sehr geehrte Damen und Herren der Musikredaktion,
sehr geehrter Herr Spahn,
vielen Dank für den Nachruf. Die Nachricht vom Tod Konrad Heidkamps macht mich sehr traurig und ich möchte seiner Familie, seinen Freunden und Menschen wie Ihnen, die ihn offensichtlich auch sehr vermissen werden, mein Beileid ausprechen.
Seit ich regelmäßiger ZEIT-Leser bin, habe ich Alles, was ich von Herrn Heidkamp gefunden habe, gelesen, und zwar immer mit großem Interesse und meistens mit großer Zustimmung.
Bei der Gelegenheit habe ich über den Link im Nachruf noch einmal in die Rubrik "Platte meines Lebens" geschaut. Die 35 dort zu findenden Artikel hatte ich alle bei Erscheinen schon gelesen, und jetzt zu wissen, dass es Chet Baker und Gerry Mulligan waren, die bei Herrn Heidkamp die Intialzündung für die Liebe zum Jazz verursachten, finde ich auch deshalb so spannend, weil es bei mir ähnlich war.
Und dann ist mir noch aufgefallen, dass es ausgerechnet "Off The Wall" von Michael Jackson war, zu dem ZEIT-Leser Kommentare für angemessen hielten – nicht jedoch zu John Coltrane, Anita O'Day, Bob Dylan oder Paolo Conte... sei's drum.
Bleibt mir, mich wieder in "It's all over now" und die "Sophisticated Ladies" zu vertiefen...
Mit freundlichen Grüßen
Gert Feltes
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