Die Idee, einen schiefgelaufenen Teil des eigenen Lebens durch Zurückdrehen der Zeit noch einmal und nun – im Wissen um die Ursachen des Fehlschlags – gelungener durchleben zu dürfen, entstammt der Welt existenzialistischer Denker. »Ich weigere mich, dass wir allem, was einmal geschehen ist, einen Sinn unterstellen, der ihm nicht zukommt«, sagt der Protagonist in Max Frischs Stück Biographie: Ein Spiel , als er versucht, die letzten Jahre seines missratenen Lebens neu zu konstruieren.

So kann es auch Roland Koch sehen, vor einem Jahr politisch erledigter Ministerpräsident von Hessen, jetzt wiederauferstandener Spitzenkandidat der hessischen CDU. Im Dezember, auf dem kurzfristig einberufenen Landesparteitag in Hofheim am Rande des Taunus, lässt er lächelnd den Platzregen der stehenden Ovationen auf sich niedergehen. Vier Mal setzt er sich hin, steht wieder auf, schreitet nach vorn an den Bühnenrand. Es sieht so aus, als wolle er im Angesicht von so viel Verzückung gleich noch einmal ans Mikrofon treten, um die schönsten Passagen seiner eben gehaltenen Rede als Zugabe draufzulegen.

Das Schicksal hat ihn um ein Jahr zurückversetzt und nicht danach gefragt, womit er das verdient hat. Wieder soll er im Januar die Wahl gewinnen, wieder umjubelt von den Parteifreunden und beim politischen Gegner verhasster denn je. Ein paar Dinge haben sich nämlich geändert: Koch hat keine sozialdemokratische Gegenkandidatin mehr, die ihm gefährlich werden könnte. Andrea Ypsilanti hat sich selbst und ihre Partei in der Zwischenzeit an die Wand gefahren. Jetzt soll Thorsten Schäfer-Gümbel, ein von ihr ausgeguckter und kaum bekannter Genosse, sich vor der Wahl am 18. Januar als Widersacher profilieren.

Auf den Plakaten prangt Koch nun als Sinnbild der Integrität. Ein blütenweißes Hemd umschließt seine Brust, ein bescheidenes Lächeln umspielt die Mundwinkel. Das ganze Bildnis eine Versöhnungsgeste an das Bürgertum, das der Ministerpräsident Koch mit seiner Bildungspolitik und der Wahlkämpfer Koch mit seiner ausländerfeindlichen Kampagne im Januar 2008 in die Flucht geschlagen hatte.

Auch auf dem Parteitag im Taunus spricht nicht mehr jener Demagoge, der die finsteren Seiten der Demokratie zu mobilisieren verstand. Nein, es erscheint Koch in Knechtsgestalt. »Ich bin einer, der einen Dienst erbringt!«, ruft er den Delegierten zu. Das Fürsorgliche streicht auch der von zwei Hamburger Werbeagenturen entwickelte CDU-Wahlslogan heraus: »In Zeiten wie diesen – Roland Koch«. Der Merkspruch ziert die schwarzen Geländewagen der Marke Opel Antara, die der Automobilhersteller dem Ministerpräsidenten für den Wahlkampf zur Verfügung gestellt hat. In Zeiten wie diesen – das klingt ein bisschen nach Weimarer Republik und ein bisschen nach Vom Winde verweht, und die Botschaft ist: Vertraut Koch, der wird als Einziger mit jeder Krise fertig! Am Rednerpult beschreibt sich der Kandidat – an das von der Kanzlerin entworfene Selbstporträt als schwäbische Hausfrau in Zeiten der Not anknüpfend – als einen »erfahrenen Handwerker«, der dieser Hausfrau beisteht, das Haus Deutschland »sturmfest zu machen«. Einer, der die Fenster vernagelt, das Wasser am Laufen hält und sich darum kümmert, dass die Schindeln nicht vom Dach fliegen. Koch, ein Diener des Volkes.

Ein Jahr zuvor, im Wahlkampfwinter 2007/08, hörte sich das alles ganz anders an. Der Ministerpräsident war in Not geraten, die Demoskopen hatten ihm erhebliche Verluste prophezeiht. Koch hatte die hessischen Eltern durch eine technokratische Schulreform und das rücksichtslose Einführen der verkürzten Gymnasialzeit G8 gegen sich aufgebracht, sie sahen ihre Kinder leiden und hassten Koch dafür. Weil die CDU-Regierung außerdem versprochen hatte, dem Unterrichtsausfall in den Schulen entgegenzuwirken, aber keine neuen Lehrer einstellen wollte, schickte man Laien, Rentner und Feuerwehrleute für 20 Euro pro Stunde in die Klassen. Das führte vor allem in Gymnasien zu Ärger und Durcheinander. Durch die Straßen hessischer Großstädte zogen Zigtausende Studenten im Protest gegen die neuen Studiengebühren, die sie zu einem zügigen Examen zwingen sollten. Konfusion und Empörung im Volk fochten Koch nicht an: Der hessische Nachwuchs sollte Elite werden. Kritik wurde mit dem Totschlagargument vom Standort Deutschland vom Tisch gefegt. Und plötzlich erschien den hessischen Wählern die ansprechende Andrea Ypsilanti von der SPD, eine Mutter mit weicher hessischer Mundart, als eine sympathische Alternative.

Für Koch folgt jene Phase der miesen Stimmung und der schlecht besuchten Wahlveranstaltungen – bis zum 22. Dezember 2007, als das berühmte Video der Münchner Verkehrsbetriebe den Überfall eines jungen Türken und eines halbwüchsigen Griechen auf einen pensionierten Realschullehrer in jedes deutsche Wohnzimmer trägt. Die brutale Tat inspiriert Koch zu jener verhängnisvollen Wahlkampfidee, die ihn eigentlich retten soll: Er gibt Interviews in Bild und Bild am Sonntag , in denen er plötzlich Aufräumerphrasen drischt, wie sie schon im Jahr 2001 dem unseriösen Ronald Schill vorübergehend in die Hamburger Regierung verhalfen. Gefängnis muss wieder wehtun, das Jugendstrafrecht muss verschärft werden. Und vor allem muss endlich Schluss sein mit der »multikulturellen Verblendung« gegenüber kriminellen Ausländerkindern, die schneller eingesperrt und zügiger abgeschoben gehören. Dabei ist das Bundesland Bayern, in dem der Überfall auf den Rentner geschah, nicht nur jeder multikulturellen Verblendung unverdächtig, sondern steht auch im bundesweiten Ranking der rechtsextremen Einstellungen auf Platz 2, hinter Sachsen-Anhalt.