Roland Koch Wer ist Koch?

Er kann demütig sein, liebenswert und scheu – aber auch hemmungslos, arrogant und hetzerisch. Ein Porträt des hessischen Ministerpräsidenten und Wahlkämpfers Roland Koch

Die Idee, einen schiefgelaufenen Teil des eigenen Lebens durch Zurückdrehen der Zeit noch einmal und nun – im Wissen um die Ursachen des Fehlschlags – gelungener durchleben zu dürfen, entstammt der Welt existenzialistischer Denker. »Ich weigere mich, dass wir allem, was einmal geschehen ist, einen Sinn unterstellen, der ihm nicht zukommt«, sagt der Protagonist in Max Frischs Stück Biographie: Ein Spiel , als er versucht, die letzten Jahre seines missratenen Lebens neu zu konstruieren.

So kann es auch Roland Koch sehen, vor einem Jahr politisch erledigter Ministerpräsident von Hessen, jetzt wiederauferstandener Spitzenkandidat der hessischen CDU. Im Dezember, auf dem kurzfristig einberufenen Landesparteitag in Hofheim am Rande des Taunus, lässt er lächelnd den Platzregen der stehenden Ovationen auf sich niedergehen. Vier Mal setzt er sich hin, steht wieder auf, schreitet nach vorn an den Bühnenrand. Es sieht so aus, als wolle er im Angesicht von so viel Verzückung gleich noch einmal ans Mikrofon treten, um die schönsten Passagen seiner eben gehaltenen Rede als Zugabe draufzulegen.

Das Schicksal hat ihn um ein Jahr zurückversetzt und nicht danach gefragt, womit er das verdient hat. Wieder soll er im Januar die Wahl gewinnen, wieder umjubelt von den Parteifreunden und beim politischen Gegner verhasster denn je. Ein paar Dinge haben sich nämlich geändert: Koch hat keine sozialdemokratische Gegenkandidatin mehr, die ihm gefährlich werden könnte. Andrea Ypsilanti hat sich selbst und ihre Partei in der Zwischenzeit an die Wand gefahren. Jetzt soll Thorsten Schäfer-Gümbel, ein von ihr ausgeguckter und kaum bekannter Genosse, sich vor der Wahl am 18. Januar als Widersacher profilieren.

Auf den Plakaten prangt Koch nun als Sinnbild der Integrität. Ein blütenweißes Hemd umschließt seine Brust, ein bescheidenes Lächeln umspielt die Mundwinkel. Das ganze Bildnis eine Versöhnungsgeste an das Bürgertum, das der Ministerpräsident Koch mit seiner Bildungspolitik und der Wahlkämpfer Koch mit seiner ausländerfeindlichen Kampagne im Januar 2008 in die Flucht geschlagen hatte.

Auch auf dem Parteitag im Taunus spricht nicht mehr jener Demagoge, der die finsteren Seiten der Demokratie zu mobilisieren verstand. Nein, es erscheint Koch in Knechtsgestalt. »Ich bin einer, der einen Dienst erbringt!«, ruft er den Delegierten zu. Das Fürsorgliche streicht auch der von zwei Hamburger Werbeagenturen entwickelte CDU-Wahlslogan heraus: »In Zeiten wie diesen – Roland Koch«. Der Merkspruch ziert die schwarzen Geländewagen der Marke Opel Antara, die der Automobilhersteller dem Ministerpräsidenten für den Wahlkampf zur Verfügung gestellt hat. In Zeiten wie diesen – das klingt ein bisschen nach Weimarer Republik und ein bisschen nach Vom Winde verweht, und die Botschaft ist: Vertraut Koch, der wird als Einziger mit jeder Krise fertig! Am Rednerpult beschreibt sich der Kandidat – an das von der Kanzlerin entworfene Selbstporträt als schwäbische Hausfrau in Zeiten der Not anknüpfend – als einen »erfahrenen Handwerker«, der dieser Hausfrau beisteht, das Haus Deutschland »sturmfest zu machen«. Einer, der die Fenster vernagelt, das Wasser am Laufen hält und sich darum kümmert, dass die Schindeln nicht vom Dach fliegen. Koch, ein Diener des Volkes.

Ein Jahr zuvor, im Wahlkampfwinter 2007/08, hörte sich das alles ganz anders an. Der Ministerpräsident war in Not geraten, die Demoskopen hatten ihm erhebliche Verluste prophezeiht. Koch hatte die hessischen Eltern durch eine technokratische Schulreform und das rücksichtslose Einführen der verkürzten Gymnasialzeit G8 gegen sich aufgebracht, sie sahen ihre Kinder leiden und hassten Koch dafür. Weil die CDU-Regierung außerdem versprochen hatte, dem Unterrichtsausfall in den Schulen entgegenzuwirken, aber keine neuen Lehrer einstellen wollte, schickte man Laien, Rentner und Feuerwehrleute für 20 Euro pro Stunde in die Klassen. Das führte vor allem in Gymnasien zu Ärger und Durcheinander. Durch die Straßen hessischer Großstädte zogen Zigtausende Studenten im Protest gegen die neuen Studiengebühren, die sie zu einem zügigen Examen zwingen sollten. Konfusion und Empörung im Volk fochten Koch nicht an: Der hessische Nachwuchs sollte Elite werden. Kritik wurde mit dem Totschlagargument vom Standort Deutschland vom Tisch gefegt. Und plötzlich erschien den hessischen Wählern die ansprechende Andrea Ypsilanti von der SPD, eine Mutter mit weicher hessischer Mundart, als eine sympathische Alternative.

Für Koch folgt jene Phase der miesen Stimmung und der schlecht besuchten Wahlveranstaltungen – bis zum 22. Dezember 2007, als das berühmte Video der Münchner Verkehrsbetriebe den Überfall eines jungen Türken und eines halbwüchsigen Griechen auf einen pensionierten Realschullehrer in jedes deutsche Wohnzimmer trägt. Die brutale Tat inspiriert Koch zu jener verhängnisvollen Wahlkampfidee, die ihn eigentlich retten soll: Er gibt Interviews in Bild und Bild am Sonntag , in denen er plötzlich Aufräumerphrasen drischt, wie sie schon im Jahr 2001 dem unseriösen Ronald Schill vorübergehend in die Hamburger Regierung verhalfen. Gefängnis muss wieder wehtun, das Jugendstrafrecht muss verschärft werden. Und vor allem muss endlich Schluss sein mit der »multikulturellen Verblendung« gegenüber kriminellen Ausländerkindern, die schneller eingesperrt und zügiger abgeschoben gehören. Dabei ist das Bundesland Bayern, in dem der Überfall auf den Rentner geschah, nicht nur jeder multikulturellen Verblendung unverdächtig, sondern steht auch im bundesweiten Ranking der rechtsextremen Einstellungen auf Platz 2, hinter Sachsen-Anhalt.

Als Kochs neues Wahlkampfthema einen Aufruhr auslöst, setzt er noch eins drauf. Im Fernsehen nimmt er für sich in Anspruch, die »Stimme der schweigenden Mehrheit« zu sein. Die silent majority , jenes schon von Richard Nixon zur Durchsetzung seiner politischen Interessen beschworene Phantom, hat nicht nur den Vorteil, keinen Widerspruch zu äußern, sondern taugt immer als Garant für Inhumanitäten aller Art. Wer die schweigende Mehrheit bemüht, kann in ihrem vermeintlichen Namen auch über die Todesstrafe und andere Barbareien räsonieren.

Als »Sprecher der Opfer krimineller Gewalt« hat Koch sich damals ebenfalls ausgegeben, doch wer im Juni 2008 im Gerichtsprozess gegen die U-Bahn-Schläger saß, erfuhr, dass der malträtierte Rentner sich wenig geehrt fühlte von Kochs Zuwendung. Bei einem Verwandtenbesuch in Darmstadt habe er feststellen müssen, dass sein Elend zu Wahlkampfzwecken missbraucht worden sei. »Niemand hat mich gefragt, ob er das darf«, beschwerte sich der alte Mann als Zeuge bei den Richtern, »und kein Politiker hätte sich für mich interessiert, wenn es das Video nicht gegeben hätte. Das musste nun wirklich nicht sein.«

Dass die beiden Täter alles andere waren als Ausgeburten der Multikulti-Ideologie, sondern eher Kinder einer gescheiterten bayerischen Integrations- und Sozialpolitik, zeigte sich in diesem Prozess auch. Der in Deutschland geborene Türke war außerdem von seinem bösartigen Vater schwer misshandelt worden. Schon im Grundschulalter irrte der verängstigte Junge tagelang allein durch München, ohne dass das – um die Zustände wissende – Jugendamt wirksam eingeschritten wäre.

Für die Erkenntnis, dass nur Probleme macht, wer Probleme hat, war Koch damals im Wahlkampfrausch blind. Immerhin hatte er mit einer ausländerfeindlichen Kampagne schon die Landtagswahl 1999 gewonnen und die CDU an die Regierung gebracht. In der ARD-Sendung hart aber fair stellt er sich am 9. Januar 2008 den Fragen des Moderators Frank Plasberg. Es geht um die Bestrafung gewalttätiger Ausländer- und Unterschichtenkinder. Im Kreise der eher matten Mitdiskutanten wirkt der Wahlkämpfer Koch angespitzt und schlagfertig. Den Unterhaltungswert seiner Vorstellung schmälert nur, dass sich hier ein Sohn aus einer intakten bürgerlichen Familie, das einzige Kind des früheren hessischen Justizministers Karl-Heinz Koch, ein Junior, dem von seinen sorgenden Eltern alles ermöglicht und alles geschenkt worden ist, mit perfiden Parolen auf Kosten von chancenlosen Kindern profiliert. Dass hier ein Privilegierter den Haudrauf macht, verleiht Roland Kochs lustigen Attacken auf die einfallslose Bundesjustizministerin Brigitte Zypries von der SPD etwas Gewissenloses.

Koch, überzeugter Katholik, Mitglied einer Partei mit christlichem Anspruch, weiß, dass es die Pflicht des Starken und Glücklichen ist, den Gestrauchelten mit Hilfsbereitschaft oder wenigstens mit Fairness zu begegnen, statt auf sie einzuprügeln. Doch Koch, der von sich behauptet, seine Lieblingsstelle in der Bibel sei die Bergpredigt, zeigt keine Gnade mit den Verlierern.

Stattdessen argumentiert er, wie nur Anwälte das können, er dreht und wendet die Worte und Fakten, bis sie für ihn sprechen. Mit dem Anspruch, gegen die linke Political Correctness anzurennen, umgibt er sich mit der avantgardistischen Aura des Aufklärers, während er kriminologische Standpunkte aus den sechziger Jahren referiert. Koch auf Sendung, unverwundbar, vibrierend vor Adrenalin und Genugtuung über seinen gelungenen Coup, bedankt sich zum Schluss sogar noch beim Moderator Frank Plasberg. Dabei hat der ihn gerade mit den Kriminalzahlen aus seinem eigenen Bundesland Hessen vor einem Millionenpublikum bloßgestellt: In Hessen ist wenig besser, aber vieles schlechter als im Rest der Republik. Und dem Zuschauer wird klar: Koch ist kein Kritiker, der die Zustände geißeln darf. Da sitzt ein Ministerpräsident, der sich an zwei Legislaturperioden messen lassen muss, in denen er ganz offensichtlich an einer vernünftigen Lösung der Probleme mit den Einwandererkindern nur mäßig interessiert war. »Darf man als großer Forderer auftreten, wenn man seine Hausaufgaben so schlecht gemacht hat?«, fragt Plasberg den Studiogast Koch. Und der erscheint plötzlich nicht mehr als Besorgter, der den Finger in die Wunde legt, sondern als Blender, der das Volk für dumm verkauft.

Drei Wochen später verliert der mit absoluter Mehrheit gewählte Koch zwölf Prozentpunkte der Stimmen, fast 300000 Wähler. Regierungsunfähig liegt er jetzt nur noch hauchdünn vor seiner Konkurrentin von der SPD. Umfragen bescheinigen ihm ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Der 27. Januar 2008, der Tag der Landtagswahl, ist eigentlich Kochs politischer Todestag.

Wer die Staatskanzlei Wiesbaden durchschreitet, an deren Gestaltung der Ministerpräsident maßgeblich beteiligt gewesen sein soll, dem begegnet nichts Dumpfes, nichts Vorgestriges. Das alte Hotel ist mit den Ideen der modernen Architektur in ein demokratisches Bauwerk verwandelt worden, dessen große Fenster die Räume mit Licht fluten. Die Sitzungssäle sind weitläufig und geschmackvoll eingerichtet, überall wurden Bilder und Plastiken platziert, die von modernen Künstlern aus Hessen stammen. In die Fensterscheiben hat Koch Dichterverse und Sinnsprüche bedeutender Philosophen eingravieren lassen. Während der Ministerpräsident, vor einer gigantischen Spiegelfront sitzend, mit der ZEIT spricht, schwebt das Hölderlin-Wort »Wie der Sternenhimmel, bin ich still und bewegt« im Fenster wie eine Sprechblase über ihm.

In der persönlichen Begegnung kommt Koch als Edelkonservativer daher: gebildet, liebenswürdig, ein bisschen scheu. Wer seine hemmungslosen Wahlkampfauftritte vor dem inneren Auge Revue passieren lässt, erkennt, wie treffend der Schriftsteller Michael Ende in seinem Kinderbuch Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer diese Naturerscheinung der divergierenden Nah- und Fernwirkung bestimmter Menschen beschrieben hat. Der Scheinriese Herr Tur Tur – aus der Ferne ein alle Lebewesen in die Flucht schlagendes Ungeheuer – wird im Annäherungsprozess immer kleiner und menschlicher, bis er sich schließlich, vor dem Betrachter angekommen, zu einem gewinnenden Gegenüber gewandelt hat.

Herr Ministerpräsident, welche Bedeutung hatte die Wahlniederlage im letzten Januar für Sie? Was hat sie verändert?

»Natürlich war sie ein tiefer Einschnitt, auch weil sie mich in einer Zeit erwischt hat, in der ich eine Reihe von politischen Erfolgen hatte. Sie kam für mich abrupt und unerwartet. Nach einem solchen Stichtag denkt man natürlich im Sinne einer Bilanz differenzierter über das Richtig und Falsch im eigenen Leben nach.«

Und was ist die Bilanz?

»Mit den Entscheidungen und den daraus folgenden Ergebnissen meiner Politik bin ich keineswegs prinzipiell unzufrieden. Hessen steht gut da, das meiste würde ich wieder so machen. Aber ich weiß auch, dass ich mich in einer Medienwelt bewege, in der meine Art, ungeduldig oder ungestüm ein Thema anzugehen, Risiken birgt.«

Sie denken jetzt an Ihr Interview mit der »Bild«-Zeitung vom 28. Dezember 2007 unter der Überschrift »Wir haben zu viele junge kriminelle Ausländer«. Menschen, die Sie kennen, sagen, Sie seien bemerkenswert intelligent und von schneller Auffassungsgabe. Haben Sie daher ernsthaft geglaubt, dass dieses Thema in dieser Zeitung nicht aus dem Ruder läuft?

»Die Überschrift ist ja wieder ein bisschen anders als das Interview selbst.«

Aber Sie haben die schwierige Problematik ja nicht mit der »Süddeutschen Zeitung« oder der ZEIT besprochen…

»…das Thema ist doch nicht durch mich aufgekommen. Politiker sind ja nur selten so stark, Themen selber zu setzen. Themen entstehen in der Gesellschaft, und Politiker gehen damit um. Und die Debatte um den großen Einfluss von Migration auf Jugendkriminalität kann man durchaus führen. Aus ihr ist dann Absurdes geworden, was einen vernünftigen Umgang mit dieser Botschaft unmöglich gemacht hat. Bis hin zu der unglaublichen Behauptung, ich wolle Kinder ins Gefängnis stecken.«

Die Sache ist uns damals entglitten, heißt es heute in der Wiesbadener Staatskanzlei. Das stimmt, ist aber nicht die ganze Wahrheit. Koch hat das Thema auch immer wieder selbst befeuert. Er hat die Kampagne im Alleingang und ohne das Wissen der zuständigen Ministerien losgetreten. Der hessische Innenminister Volker Bouffier, kein Hardliner, sondern ein gemäßigter Mann, sagt, er habe keine Ahnung gehabt. Kochs engster Vertrauter, sein Regierungssprecher Dirk Metz, antwortet auf die Frage, warum Bouffier nicht unterrichtet worden sei, bloß: »Es waren Feiertage.« Im Übrigen hat er keine Lust mehr, sich mit dem fehlgeschlagenen Feldzug zu befassen. Lieber hält er es mit dem Sozialdemokraten Franz Müntefering: »Wir gucken nicht in den Rückspiegel.« Der Regierungssprecher schweigt auch auf die Frage, ob die Ausschlachtung des Münchner Überfalls seine Idee oder die von Koch gewesen sei, ob er selber in der Bild- Redaktion angerufen und das Interview angeboten habe.

Mancher in der CDU, der Koch kennt und verehrt, hält Metz für einen Teil von Kochs Problem. Der Regierungssprecher habe einen großen, aber ungünstigen Einfluss auf den Ministerpräsidenten, er verstärke dessen negative Charakterzüge noch, anstatt ihnen entgegenzuwirken. Er habe diese fremdenfeindliche Kampagne womöglich selber ausgeheckt, mindestens aber mitgetragen. Einigen Oppositionspolitikern im hessischen Landtag kommt Metz sogar vor wie eine mephistophelische Gestalt, der unheilvolle Schatten eines Jünglings aus gutem Hause. Spricht Metz über Koch, sagt er: »mein Ministerpräsident«. Das kann man verstehen, wie man will.

In jener Wahlnacht der großen Niederlage soll Koch »fix und fertig« gewesen sein, so traurig wie kaum je zuvor. Deprimiert habe er seinen Laptop aufgeklappt und schließlich in den tollen Ergebnissen seines eigenen Wahlkreises Eschborn Trost gesucht und gefunden. Und seither sei er nicht mehr derselbe, aus dem Stahlbad der Niederlage habe sich ein Geläuterter erhoben, heißt es in Kochs Umgebung. »Die Demut, die er heute zeigt, ist echt und keine Taktik«, sagt jemand aus der Berliner Bundes-CDU, der Koch lange kennt, »er hat viel falsch gemacht, und er weiß das.« Koch sei keineswegs jener zynische Parteiroboter, für den die Leute ihn hielten, sondern ein durchaus sensibler Mensch, der seine zarten Seiten öffentlich fast ganz unterdrücke. Auch weil in der unbarmherzigen Hessen-CDU einer, der etwas einzusehen imstande sei, rasch als schwach gelte. Deshalb sei Kochs demütige Haltung sogar ein Zeichen für seinen Mut.

»Solange der Metz um ihn herumschleicht, glaube ich nicht an die wunderbare Verwandlung des Roland Koch«, sagt Joschka Fischer, der sich bei den hessischen Grünen jahrelang mit der härtesten CDU-Fraktion Deutschlands herumschlug, bevor er als Außenminister nach Berlin ging. Das war noch die Zeit, in der – wie Fischer es formuliert – »zwei Drittel der hessischen CDU auch gut zu den Republikanern gepasst hätten«, die Zeit, als viele in der CDU unter Politik noch die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln verstanden und sich rüsteten, Sozialdemokraten zu Boden, zu Wasser und in der Luft zu bekämpfen. Es war die Zeit, in der versteinerte Männer wie Alfred Dregger und Manfred Kanther in der Partei das Sagen hatten. Als der junge Joschka dem hessischen CDU-Chef zum ersten Mal gegenüberstand, bekam er »Gänsehaut«. »Dregger war für mich die fleischgewordene Reaktion«, erinnert sich Fischer, »die zivil gewandete Form der schrecklichen Vergangenheit.« Und Kanther verkörperte für den jungen Grünen die »alte Generation von Paukern«. Kanther, ein »Klassenkämpfer von rechts«, dem – wie seine kriminelle Rolle im hessischen Parteispendenskandal schließlich gezeigt habe – die schwarze Partei über alles geltende Recht gegangen sei.

Wer Fischer von früher erzählen hört, dem erscheint Koch plötzlich als aufgeschlossener Geist. Aus dem Wetzlar Kurier , den der hessische CDU-Landtagsabgeordnete Hans-Jürgen Irmer herausgibt, weht bis heute der abgestandene Atem der alten Landespartei. In dem Monatsblatt wird beispielsweise Menschen Hilfe angeboten, die »unter ihrer Homosexualität leiden und gerne davon loskommen möchten«. Schwule laborierten oft an Angstneurosen und anderen psychischen Erkrankungen, heißt es in dem Beitrag von 2004, der zu guter Letzt auch Trost bereithält: »Homosexualität ist veränderbar!« Es folgt die Telefonnummer eines südhessischen Instituts, das bereit ist, den Betroffenen bei der »Überwindung dieser Neigung« beizustehen. Vielleicht muss man dem Ministerpräsidenten Roland Koch das Parteimilieu, in dem er groß wurde, bei seinen Rückfällen in die politische Charakterlosigkeit sozusagen strafmildernd zugutehalten.

Kochs Kabinett besteht bis heute vor allem aus den inzwischen ergrauten Kumpel aus der Jungen Union der siebziger Jahre. Irgendwie alles alte Spielkameraden, in deren Kreis sich die junge Sozialministerin Silke Lautenschläger hineinverirrt zu haben scheint. Und es klingt immer noch nach Pausenhofbande, wenn Innenminister Bouffier, der Roland Koch seit 35 Jahren zugetan ist, nach dessen Wahlschlappe zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagt: »Koch ist unser Anführer, und er bleibt unser Anführer.«

Koch, das Oberhaupt im Clan der Blutsbrüder. Hinter ihm stehe eine geschlossene Frontlinie auf ihn fixierter Parteifreunde, auf deren »unvorstellbar starke Unterstützung« sich der Ministerpräsident verlassen könne, meint Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel und Koch-Sachverständiger. Der Ministerpräsident seinerseits erwidere die Treue seiner Verbündeten: »Bauernopfer kommen für ihn nicht infrage, er benutzt seine Leute nicht.« Andererseits sei so viel Loyalität gefährlich, denn Koch fehle es inzwischen am kritischen Gegenüber. »Die Verbündeten sind abhängig von Koch«, sagt Schroeder, »er hat Macht über ihre Ämter, er schreibt ihre Biografien, seine Beziehung zu ihnen ist asymmetrisch.« Keiner der Gefolgsleute begegne Koch auf Augenhöhe – ausgenommen Regierungssprecher Metz, der sich als Phänomen verselbstständigt habe.

Jemand, der Koch aus der Nähe kennenlernte und ihn bis heute in bester Erinnerung hat, ist der renommierte Frankfurter Rechtsanwalt Rainer Hamm. Er stand Roland Koch im Jahr 2000 im Untersuchungsausschuss zur Schwarzgeldaffäre der hessischen CDU bei. Koch sei im Gegensatz zu anderen Mandanten dieser politischen Liga interessiert und nicht beratungsresistent gewesen, sagt Hamm, und habe das ihm fremde Verfahrensrecht zu Untersuchungsausschüssen sofort, quasi zwischen Tür und Angel, verstanden. Was Hamm besonders gefiel, war Kochs Bescheidenheit: Als man zusammen zu einer Sitzung des Untersuchungsausschusses nach Berlin reiste, hatte der Rechtsanwalt in der Businessclass des Flugzeuges einen Platz reserviert, während der Ministerpräsident Economy flog. Auch später hat Hamm hin und wieder gesehen, wie sich Koch – an Kurt Beck in der Businessclass vorübergehend – nach ganz hinten setzte. »Er hat für sich und alle hessischen Minister die Holzklasse eingeführt«, sagt Hamm, das habe ihm als Steuerzahler imponiert.

Andere angesehene Persönlichkeiten in Hessen haben Koch vor allem als einfühlsamen Gesprächspartner und ganz besonders als sensiblen Redner erlebt, der immer die richtigen Worte findet, so schwierig der Anlass auch ist. Ob er die – an den 1944 von den Nazis hingerichteten Sozialdemokraten erinnernde – Wilhelm-Leuschner-Medaille dem ehemaligen Bundesverfassungsrichter Winfried Hassemer überreicht (weil der unbequeme Positionen vertrete, auch da, wo er in der Minderheit bleibe), ob er in der Paulskirche von der Bedeutung des Tagebuchs der Anne Frank für sein eigenes Leben erzählt oder dem jüdischen Dirigenten Daniel Barenboim den Hessischen Friedenspreis überreicht, weil der durch die Gründung eines israelisch-palästinensischen Orchesters »eine Brücke über tiefe Gräben« gebaut hat – immer hinterlässt Koch ein ehrlich beeindrucktes Auditorium.

So auch vor vier Wochen, als der Ministerpräsident in dem Veranstaltungssaal eines Hotels vor der Frankfurter Hochfinanz ans Rednerpult tritt. Sein Thema: die Wirtschaftskrise. Koch spricht frei und fasst vor den 1200 Bankmanagern die komplizierten Sachverhalte einfach und kurzweilig zusammen, wie das nur jemand kann, der die Materie seines Vortrags intellektuell durchdrungen hat. Dabei dient sich Koch den Bankern nicht an, sondern nimmt sie in die Verantwortung, bei der Bewältigung der von ihnen selbst angerichteten Krise wenigstens jetzt nach Kräften mitzuhelfen. Eine halbe Stunde später kommt sein Vortrag wieder genau am Ausgangspunkt an – ohne dass es einen Hänger oder eine unredliche Passage gegeben hätte.

Als Koch das Hotel betreten hatte, war er noch glanzlos gewesen, verklemmt hatte er die Hände aneinandergerieben und sich in Small Talks mit seinen Begleitern geflüchtet. Oben am Mikrofon aber fällt alles Linkische von ihm ab, er wirkt gelöst und souverän. Ein Pinguin, der, eben noch unbeholfen übers Eis wankend, nach dem Sprung in sein wahres Element, das Wasser, enorme Schnelligkeit, Wendigkeit und Eleganz entwickelt. Koch gewinnt Ästhetik und Ausstrahlung, indem er zu Menschen spricht, indem er laut denkt und spürt, dass die Menschen ihm beim Denken zuhören. Er, der wenig Ansehnliche, der sich vielleicht sogar unwohl fühlt in dieser die Schönheit so überbewertenden Gesellschaft, hat seinen Weg gefunden, attraktiv zu sein.

Im Juni 2007, auf dem 12. Deutschen Präventionstag, hat Koch eine »anrührende und kluge Rede« gehalten, von der Rudolf Egg, Leiter der Kriminologischen Forschungsstelle in Wiesbaden, damals äußerst angetan war. Bei dieser Veranstaltung hatten sich Fachleute aus Polizei und Opferhilfe, Kinderschutzzentren und Gerichten, Wissenschaft und Sozialarbeit zwei Tage lang mit dem Thema Jugendkriminalität beschäftigt. Der Ministerpräsident hatte ganz zum Schluss gesprochen, nachdem die sogenannte Wiesbadener Erklärung vorgetragen worden war. Darin war vom vernünftigen Strafen, von mehr Bildung und Gewaltvorbeugung die Rede gewesen. Koch hatte gehört, dass chronisch kriminelle Jugendliche aus chronisch benachteiligten Bevölkerungsgruppen stammen, zu denen auch Migranten gehören. Was Koch in seinem Schlussvortrag sagte, stand ganz im Einklang mit der Wiesbadener Erklärung und der Haltung des Professors Egg. Umso fassungsloser war der, als er den feinfühligen Redner Koch ein halbes Jahr später als Wahlkämpfer erlebte.

Herr Ministerpräsident, die Menschen in Ihrer Umgebung beschreiben Sie oft als bescheiden und nachdenklich, das Außenbild ist aber ganz anders. Da haben Sie das Image eines rücksichtslosen Machtpolitikers. Ist diese Kluft das Problem jedes Politikers oder Ihr spezielles Problem?

»Ich lese, dass es Politiker gibt, die persönlich unmöglich sind, aber im Fernsehen gut rüberkommen, mir sagen die Menschen nach der ersten Begegnung häufig: »Sie sind ja viel netter als im Fernsehen.« Daraus schließe ich, dass dieses Problem nicht zwangsläufig alle Politiker trifft. Wer wäre nicht gerne sympathisch, auch in der Medienwahrnehmung? Ich bin aber nicht Politiker geworden, um mich in der Öffentlichkeit zu bewegen, sondern das Bewegen in der Öffentlichkeit ist eine zwangsläufige Begleiterscheinung des Politikerseins.«

Außerhalb des Fernsehens, wenn man Sie leibhaftig sieht oder besser: reden hört, wirken Sie tatsächlich anders.

»Ich weiß heute, dass nur bestimmte mediale Formate zu mir passen. So ist ein Auftritt bei Beckmann für mich sinnvoller als eine Talkshow mit fünf Leuten. Im Streitgespräch kommt zwischen Brüllaffigkeit und Einmischung mein Kampfgeist und Widerspruchsgeist hervor – und wird möglicherweise zu dominant. Dagegen vermittelt das Ausredenkönnen über längere Strecken einen ganz anderen Eindruck. Es gibt in meinem Beruf nicht wenige, die den öffentlichen Auftritt genießen und die eigentliche Arbeit andere machen lassen. Zu denen gehöre ich ausdrücklich nicht. Am liebsten wäre mir manchmal, jemand würde die Fernsehauftritte für mich absolvieren und mich in Ruhe die Akten bearbeiten lassen. Ich halte jedenfalls nichts davon, jeden Tag über die Verbesserung meiner Wirkung nachzudenken – unter beratender Beteiligung von Stylisten und Kommunikatoren. Ich kann den Wählern nur den Roland Koch anbieten, den es gibt – und nicht einen, der von Imageberatern zusammengebastelt worden ist.«

Aber wer ist dieser eine wahre Roland Koch? Und welche Höllenhunde entweichen da aus den Verliesen seiner Seele? Steckt hier der richtige Mann im falschen oder der falsche Mann im richtigen? Oder ist Koch ein Schimärenpolitiker?

Das Doppelgesichtige dieses Ministerpräsidenten bereitet den Leuten Unbehagen. Da erinnert Koch ganz an den verstorbenen Bayern Franz Josef Strauß, ein ebenfalls differenzierter, gebildeter und intelligenter Mann, bei dessen Reden in den Bierzelten von Passau und Fürstenfeldbruck aber jedem vernünftigen Menschen schlecht wurde. Immerhin – das bayerische Volk von damals liebte Strauß. Das hessische Volk von heute liebt Koch nicht.

Da hilft es auch nichts, dass der im vergangenen Jahr sein Land noch rastloser durchmessen hat als sonst. Übermäßiger Fleiß scheint Kochs Art der Buße zu sein. Nachdem er sich der Forderung angeschlossen hatte, die Studiengebühren abzuschaffen, hat er versucht, sein Verhältnis zu Schulen und Eltern zu reparieren. Er warf sich für Opel in die Bresche, stellte Richter und Lehrer ein und machte sich mit Finanzminister Peer Steinbrück beim Kampf gegen die Wiedereinführung der alten Pendlerpauschale auch noch bundespolitisch nützlich. Und trotzdem waren 53 Prozent der hessischen Wahlberechtigten noch im Dezember der Meinung, dass Kochs Zeit endlich vorbei sein müsse.

In derselben Umfrage von Infratest dimap liegt er nur 14 Prozentpunkte vor Thorsten Schäfer-Gümbel von der SPD, der für das Land noch gar nichts getan hat. Die hessische SPD berauscht sich mangels eigener Vorzeigbarkeit am Negativcharisma des Ministerpräsidenten und empfiehlt sich mit dem Slogan »Wirklich wieder Koch?«. Der Spitzenkandidat der Grünen Tarek Al-Wazir schließt eine Koalition mit der CDU für die kommende Legislaturperiode mit der Begründung aus, das grüne Wahlvolk stimme eher dem Bau neuer Atomkraftwerke zu als einer Zusammenarbeit mit Roland Koch. Nein, die Liebe der Menschen fällt diesem Ministerpräsidenten nicht zu, und eine Straße ins Herz der Hessen kann er auch mit seinen neuen Milliarden-Investitionen in die Infrastruktur des Landes nicht bauen.

Wer einen Politiker sehen will, der verehrt wird und dem Wildfremde in aller Öffentlichkeit um den Hals fallen, der gehe mit Dagmar Metzger in ein Darmstädter Café. Obwohl die Frau nur neun Monate lang Landtagsabgeordnete der SPD war, kann sie kaum den Mantel ablegen, so leidenschaftlich greifen die Leute ihrer Heimatstadt nach ihr. Als sie endlich sitzt, drängen Verehrer an ihren Tisch, die ihre Hand schütteln oder ihr ein Glas Champagner spendieren wollen. Und warum? Weil Dagmar Metzger ihrer Spitzenkandidatin Ypsilanti die Gefolgschaft verweigert hat, als diese ihr Wahlversprechen brach und sich anschickte, mithilfe der Linkspartei Ministerpräsidentin einer Minderheitsregierung zu werden.

Dagmar Metzger hat ihre Abkehr mit etwas sehr Seltsamem begründet: ihrem Gewissen. Sie habe im Wahlkampf mehr als siebentausend Hausbesuche gemacht und fast jedem »in die Hand versprochen«, dass die SPD nicht mit den Linken paktieren werde. Dass sie jetzt für das Scheitern der eigenen Partei und den Triumph des ungeliebten Koch verantwortlich gemacht wird, dass man sie für jemanden hält, der von den Realitäten keine Ahnung hat, lässt sie ruhig schlafen: Sie hat die Seele der Sozialdemokratie gerettet. »Hätten wir gegen unser Wort gehandelt, wären wir nicht besser als Koch«, sagt Dagmar Metzger. Und sie meint jenen alten Fuchs, der keine Finte scheut, um an der Macht zu bleiben. Und überhaupt – die ganze CDU, Partei der schwarzen Kassen und falschen Ehrenworte, der Meineide, Männerbündeleien und illegalen Machenschaften. »Von der CDU erwartet man doch nichts anderes«, sagt Frau Metzger, deren eben begonnene Politkarriere dank ihres Gewissens auch schon wieder zu Ende ist, »die SPD aber steht für 145 Jahre Ehrlichkeit, und die hätten wir fast verspielt.«

Herr Ministerpräsident, haben Sie schon einmal eine Gewissensentscheidung getroffen, aus der Ihnen Nachteile erwachsen sind?

»Wer sich im Hessen der siebziger Jahre gegen den Abtreibungsparagrafen ausgesprochen hat, hat natürlich Ärger bekommen. Aber richtig schwere Nachteile – nein.«

Koch hätte sich an ihrer Stelle wohl nicht anders verhalten als Andrea Ypsilanti, er ist ein Machtpolitiker. Man kann sich gut vorstellen, wie er es angestellt hätte, den Wortbruch als »unabweisbare Staatsnotwendigkeit« und »unabdingbar für das hessische Gemeinwohl« zu verkaufen. Und – er hätte sicher keine Abweichler in seinen Reihen gehabt. Alles spricht dafür, dass Koch bald mithilfe der FDP in seine dritte Legislaturperiode als hessischer Ministerpräsident gehen wird. Sollte ihm ein ordentliches Ergebnis beschieden sein, dürfte er – so hört man aus der Landes-CDU – beim nächsten Bundestagswahlkampf als Angela Merkels potenzieller Finanz- oder Wirtschaftsminister präsentiert werden. Koch gilt als einer der profiliertesten deutschen Wirtschaftspolitiker: Der Frankfurter Flughafen ist seine Leidenschaft. Hessens Mittelstand feiert ihn wie einen Fürsten. Und seine informellen Drähte in die Vorstandsetagen der Banken und Unternehmen glühen. Die Wirtschaftskrise wird für ihn zum Ende der eigenen politischen Krise – wieder so ein Schachzug des Schicksals, das ganz offensichtlich nicht von Koch lassen will.

Herr Ministerpräsident, der Mensch hat ja nur eine begrenzte Anzahl von Chancen in seinem Leben. Ist der 18. Januar Ihre letzte große Chance in der Politik?

»Wissen Sie, ich mache Politik aus Leidenschaft, aber ich definiere mich nicht über die Politik. Ich führte in meinen bisherigen 50 Jahren ein ausgesprochen glückliches und zufriedenes Leben, und ich bin zuversichtlich, dass noch viele solcher Jahre vor mir liegen. Der 18. Januar ist ein spannender Tag für mich, aber das Leben addiert spannende Tage. Ich akzeptiere, dass es im Leben eine begrenzte Anzahl von Chancen gibt, aber auf welche Weise sie begrenzt sind, ist doch sehr volatil.«

Roland Koch könnte sich – aus der modrigen Umarmung der hessischen CDU und den vielen abgelebten Beziehungen befreit – in Berlin weiterentwickeln zu einem aufgeklärten Vermittler und seinen reaktionären Kern in Wiesbaden zurücklassen. Oder gibt es diesen Kern gar nicht?

»Ich bin mir nicht sicher«, sagt Rupert von Plottnitz, früherer grüner Justizminister von Hessen, dessen Rücktritt Kochs Claqueure bei jedem entwichenen Sträfling lauthals forderten. »Bei Kanther wusste ich: So ist der! Bei Koch weiß ich immer noch nicht, wofür er steht, außer dass er Profi ist.«

Profi für was?

»Profi für Berufspolitik«, antwortet Plottnitz.

Und seine innere Haltung?

»Hm, mit seinen Visionen hapert es ein bisschen, aber er ist ein Macher.« Und das kann durchaus eine Haltung sein. In Zeiten wie diesen.

 
Leser-Kommentare
    • kkr
    • 12.01.2009 um 10:20 Uhr

    Als "brutalstmöglicher Aufklärer" bei Korruptionsskandalen und ungeschickter Taktierer mit Frau Ypsilanti hat er bewiesen, das Integrietät und Verantwortungsbewußtsein nicht zu seinen Stärken gehören. Deshalb halte ich ihn für den Posten eines Bundeskanzlers ungeeignet.

  1. Der Autor berührt da einen wichtigen Punkt: Wie man am Beispiel Koch und Co. sieht, ist die Zeit von Gestalten wie Dregger und Kanther eben doch noch nicht vorbei.

  2. Ein rücksichtslos machtgeiler Politiker, dem jedes Mittel Recht ist, an der Macht zu bleiben?

    Ein liebenswerter Tölpel, der nur unser aller bestes will?

    Ein Mensch wie du und ich?

    Suchen Sie sich das Passende aus.

    (Komischer Artikel, aber momentan wird wohl jeder Politker hoffiert, man weiss ja nicht, wer morgen an der Macht sein könnte )

    • Hagmar
    • 12.01.2009 um 11:53 Uhr

    Sabine Rückert's Artikel gehören für mich zum Feinsten. Penible Recherche!!
    Ambivalenzen aufzeigen und stehen lassen können. Wäre doch viel angenehmer, meine Antipathie gegen Koch eindeutig bestätigt und gerechtfertigt zu bekommen, oder? Ich mag den Mann immer noch nicht, aber vielleicht fange ich an, zu verstehen, wie so einer überhaupt da hingekommen ist, wo er ist.

  3. .. zu ihrer Meinung über Frau Rückerts Artikel. Wenn man den famliären Hintergrund Koch's mitbedenkt, ist sein Verhalten völlig normal. Menschen, die in einem autoritären Erziehungsklima weitgehend fremdbestimmt aufwachsen mussten, sind hochtrainiert darin, sich in die jeweilige Siuation einzufühlen und erwartungsgerecht zu (re)agieren. Sie hätten sonst (psychisch) nicht überlebt.

  4. Zumindest hält er es nicht für notwendig persönliche Verantwortung zu übernehmen. Weder bei der Parteispendenaffäre noch durch die Abwahl der Wähler im Januar 2008. Jedes Mal ist er einfach sitzen geblieben und hat auf andere Lösungen gewartet. Bei der Spendenaffäre waren es das Bauernopfer Jung (heute Bundesverteidigungsminister) und Ruth Wagner von der FDP, die ihm die nötige Stimme gab.

    Auch diesmal spielte die FDP wieder eine entscheidende Rolle. Die hess. FDP kann offenbar nur Politik mit Roland Koch. Der 2. Helfer war die Presse.
    Roland Koch (nach der Wahl 2008 gab es eine politische Mehrheit gegen ihn) durfte stillschweigend geduldet an seinem Sessel kleben bleiben. Keine Schlagzeile mit "Pattexkoch"! Und lange bevor Frau Ypsilanti überhaupt ein Versuch unternommen hat, Gespräche mit den Linken zu führen, prangte überall in großen Lettern "WORTBRUCH". Und die politische Gegnerin wurde zum Bösen schlechthin abgestempelt. Die Wochenzeitung die Zeit schrieb Frau Ypsilanti zur "Fratze der Macht", eine Auseinandersetzung mit dem Verlust von Roland Koch fand nicht statt. Nein vielmehr wurde noch suggeriert, er könne nicht zurücktreten wegen der hessischen Verfassung.

    Dass dann auch noch 3 SPD-Abgeordnete nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, die eigene Kandidatin zu wählen und damit Koch abzuwählen, setzt dem Ganzen die Krone auf. Aber hätten die 3 "Aufrechten" auch ihr Gewissen entdeckt bei einer anderen Presselage?

    Stern.de hat einen interessanten Artikel veröffentlich mit dem Titel. "Eiskalt abserviert". Darin geht es um hessische Steuerfahnder, die seit der Regierung Koch an der Ausübung ihrer Arbeit gehindert werden. Ein hoch politisches Thema. Ich konnte nicht feststellen, dass eine weitere Zeitung dieses Thema aufgegriffen hätte. Sieht man wieviel Artikel gegen die hessische SPD und Frau Ypsilanti veröffentlicht wurden und wie wenig dieses Thema interessiert, kann man sich gut vorstellen nicht "Wer Koch ist" sondern "Wer ihn unterstützt". Erinnert man sich dann noch an den Artikel von Di Lorenzó "Putsch von Links" habe ich Angst um unsere Demokratie.

  5. Ein hervorragender Artikel von Frau Rückert, der ein differenzierte(re)s Bild von Roland Koch zeichnet. Mein Verständnis erhöht sich bei gleichzeitigem Gefühl, dass Roland K. jemand ist und dies auch bleiben wird, der aus den Händen glitscht wie ein Stück nasse Seife. Und offenbar vergessen bleibt, wofür Herr Koch verantwortlich zeichnet ... v. a. verfehlte Schul- und Integrationspolitik. Frau Rückert hat ganz recht ... aalglatt und durch und durch Berufspolitiker, der er ist, hätte er einen vergleichbaren Wortbruch wohlbegründet und kaum ein Hahn (ich meine nicht den von der F.D.P.) hätte noch danach gekräht. Frau Ypsilanti fehlte dieses Aalglatte, das viele Hessinnen und Hessen offenbar bei Herrn Koch goutieren oder zumindestens in Kauf nehmen.

    Sauber wäre gewesen, hätte Roland Koch den Weg für eine/n neue/n Spitzenkandidaten/-in freigemacht; nun - stattdessen präsentiert er sich (ich fürchte, scheinheilig) in "neuem Kleide", als geläuterten Politiker. Ich fürchte, ich glaube ihm nicht.

    Es grüßt eine waschechte Hessin, die lieber keinen Roland K. als Landesvater hätte ... aber: Was kann man da noch tun!?

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    "Die Idee ist die Basis der Wirklichkeit" - aus Terry Pratchetts Scheibenwelt-Roman "Das Erbe des Zauberers"

  6. In Teil 4 widerspricht die Autorin sich selbst, nachdem sie es zweimal für nötig befunden hatte, Herrn Koch als Ausländerfeind zu bezeichnen, ohne dabei auch nur einmal den Versuch zu machen, dies zu beweisen. Behaupten genügt ihr.

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